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Das beste Bier ist das Fernwehbier

Warum ausländisches Bier zu trinken wie ein Kurzurlaub ist.
Von Mercedes Lauenstein
  • trinkolumne exoticbeer
    Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Vor ein paar Tagen war ich mit einer Freundin in München japanisch essen. Wir haben uns zum Essen japanisches Bier bestellt, ein Asahi und ein Kirin. Ich liebe es, in einem landestypischen Restaurant das landestypische Bier zu bestellen. Mich flutet dabei jedes Mal diese mit nichts zu vergleichende Euphorie, für die es eigentlich ein eigenes Wort bräuchte: vielleicht Fremdbiersehnsucht. Oder andersrum, das fremde Bier bräuchte einen Namen: Fernwehbier.

Mit einem Bier hat man sofort einen Freund in der Fremde

Schon beim Umfassen der fremden Flasche mit meiner Hand lande ich mental sofort mit dem Flugzeug auf dem dazugehörigen fremden Kontinent, nachts, allein, gehe in eine lokale Bar und bestelle ein Bier. Oder wähne mich sofort mit lokalen Freunden spätabends in einem schäbigen Straßenimbiss in Malaysia, Italien, Frankreich, Dänemark, China oder Australien. Sofort durchfährt mich, egal wie trist draußen der deutsche Januar oder April oder Oktober regiert, dieses etwas verlorene, melancholisch-euphorische und immer abenteuerbereite Britzeln, das ich nur von Nächten in der Fremde kenne. Drückt mir jemand eine vor Kälte perlende grün-rote Dose VB in die Hand, spüre ich die drückende tropische Hitze Australiens am ganzen Körper. Nichts transportiert das Gefühl eines fremden Landes für mich so unvermittelt wie ein Bier aus diesem Land. Und bin ich andersherum zum ersten Mal in einem Land und bestelle das erste lokale Bier, ist das meistens der Moment, in dem ich denke: angekommen! Mit einem Bier hat man sofort einen Freund in der Fremde.

Woran liegt das? Ein Wein aus Südafrika oder Neuseeland erzeugt dieses besondere Gefühl in mir nicht. Ja, es ist schön und nett in einem französischen Lokal einen französischen Wein zu trinken, aber per se aufregend in dem Sinne, wie es aufregend ist, im japanischen Restaurant ein japanisches Bier zu trinken, ist es nicht. Wahrscheinlich liegt es daran, dass es bei Weinen viel üblicher ist, dass sie aus der Fremde kommen. Wein stammt selten aus Deutschland. Bei Bier aber trinkt man immer die lokale Sorte, maximal eine nationale. Bier ist interessanterweise noch ein Produkt, das, auch wenn man in vielen großen Supermärkten mittlerweile die verschiedensten Marken kaufen kann, in der Alltagswirklichkeit weitestgehend so anfühlt, als sei es von der Globalisierung verschont geblieben.

Ich will in gar nicht den Geschmack, ich will das Gefühl, das mich mit dem ersten Schluck ereilt

Fremdes Bier schmeckt deshalb immer nach Orten. Nach Reisen. Keine Ahnung, wie gut japanisches Bier tatsächlich ist. Es geht mir bei fremden Biersorten – und das steht im krassen Gegensatz zu meinem sonstigen Ess- und Konsumverhalten ­– kein bisschen um die tatsächliche Qualität des Produkts. Rein geschmacklich bevorzuge ich ein gutes tschechisches Pils allen anderen Biersorten, aber in einem japanischen Restaurant will ich ein japanisches Bier, sonst nichts, denn ich will in diesem Moment nicht den Geschmack, ich will das Gefühl, das mich mit dem ersten Schluck ereilt.

Wahrscheinlich hat dieses tiefgehende Gefühl, das Biere in mir auslösen können, auch mit dem Wesen von Bier an sich zu tun. Das Beruhigende – oder besser natürlich: Vertraute – des Biergeschmacks an sich rührt daher, dass man einfach den Grundgeschmack von Bier schon immer kennt. Seit man mit sechs das erste Mal einen Schluck nehmen durfte und noch das Gesicht verzog, und einem Papa später beim Kochen mit 15 die erste Flasche in die Hand drückte und man wusste: Jetzt bin ich also erwachsen. Wo man singt, da lass dich nieder – nein, Quatsch, wo man dir ein lokales, ganz normales, super unspektakuläres kaltes Bier in die Hand drückt, da lass dich nieder.

Ich will keine Globalisierung der Biere. Die einzigen, die Bier importieren dürfen, sind ausländische Lokale, und ich will bitte nur immer, wenn ich in ausländischen Lokalen bin, ausländische Biere trinken und mich ein paar Sekunden auf Reisen wähnen und danach will ich wieder überall, wo ich bin, ausschließlich lokales Bier trinken, damit das Gefühl der Exotik nie verloren geht. 

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