trinkolumne champagne
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Die acht Kühllaster standen nebeneinander in der Wüste, versteckt unter einer Tarnplane. Jeden Morgen um fünf, der Horizont bekam langsam einen hellen Streifen, öffneten Männer mit Lendenschurz einen davon. Sie hievten Kartons von der Ladefläche, so vorsichtig, als wären es Goldbarren. Kein Wunder. Sie enthielten die wertvollste Flüssigkeit im Umkreis von zehn Quadratkilometern: eiskalten Champagner.

Das „Burning Man“ gilt als das verrückteste Festival der Welt, und das durchaus zu Recht. Es gibt ein Zirkuszelt für Gruppensex, es gibt splitternackte Siebzigjährige auf Einrädern, es gibt Kurse für Prostatamassagen und so ziemlich jede Droge, die die Menschheit bisher entdeckt hat. Eine einwöchige Kirmes für Hedonisten-Ultras.

Vor ein paar Jahren war ich zum ersten Mal dort. Und die verrückteste, ausgelassenste und erotisch flirrendste Party, an die ich mich erinnere, war diejenige, die jeden Morgen mit dem feierlichen Öffnen der Kühllaster begann: „Bubbles and Bass”. Sechs Stunden Afterhour mit der stilvollsten Droge überhaupt: kaltem Champagner.

Prickelnd macht kicherig – und nicht nur das

Der Champagner-Rausch ist besonders. Champagner wirkt anders als Wein, obwohl er ähnlich viel Alkohol enthält. Er macht leichter, er macht schwereloser, er macht alberner. Eine amerikanische Küchenweisheit besagt: “Bubbly makes giggly”, prickelnd macht kicherig. Und nicht nur das. Dem Schaumwein wird auch eine erotisierende Wirkung nachgesagt. Wenn Herrenmagazine ihren Lesern die Grundzutaten für die perfekte Minibar erklären, weisen sie fast immer darauf hin, dass ein echter Gentleman möglichst immer eine Flasche Champagner im Kühlschrank vorrätig halten sollte. Man wisse ja nie, mit wem man spätnachts nach Hause komme. Als Erfrischung auf dem Weg zum Schlafzimmer sei Champagner definitiv die beste Wahl. Offenbar gilt er also auch als eine Art flüssiges Vorspiel. Warum eigentlich?

Nach allem, was die Wissenschaft bisher weiß, wirkt Champagner nicht anders, sondern lediglich schneller als andere Alkoholika. Experimente haben gezeigt, dass Probanden direkt nach einem Glas frisch sprudelnden Sekts deutlich mehr Alkohol im Blut hatten, als nach derselben Menge gerührten Sekts (also ohne Bläschen). Man vermutet, dass es die Kohlensäure ist, die den Alkohol schneller vom Magen in den Dünndarm bringt, wo er dann ins Blut aufgenommen wird – und offenbar länger bleibt als üblich: Auch noch 40 Minuten nach dem Glas waren die Prickeltrinker betrunkener.

 

Das erklärt auch, warum in Afterhours so gerne Champagner gereicht wird – man spürt ihn selbst dann noch, wenn man die Nacht schon ordentlich durchzecht hat. Und die sprichwörtliche Champagnerlaune, also diese besonders schwerelose, rotwangige Albernheit, ist vielleicht in Wahrheit eine Art Überraschungseffekt: Man ist beschwipst, lange bevor man es erwartet hätte.

 

Das ist, bei aller Leichtigkeit, auch das Hinterhältige am Champagner: Man ist gefährlich schnell richtig betrunken. Und nach einer Woche täglichem Besuch auf der „Bubbles and Bass”-Party kann ich empirisch bestätigen: Der Kater ist leider nicht weniger schlimm, nur weil der Rausch dreimal so viel gekostet hat.

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