trinkolumne weihnachtsfeier
Illustration: Federico Delfrati
Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol. 

Die Adventszeit ist die Zeit für Karriere-Ratgeber und andere Wichtigtuer, die einem ungefragt Verhaltensregeln zum Thema „So überstehst du die Weihnachtsfeier unbeschadet“ aufschwätzen. Jedes Jahr wieder werden darin dieselben fünf Tipps aufgewärmt, die dir erzählen, wie du dich möglichst angepasst und karrierefördernd auf einer Veranstaltung verhältst, die das Wort „Feier“ zwar im Titel hat, aber wirklich gar nichts damit zu tun hat: kaum Alkohol, keine Gehaltsverhandlungen, keine Knutschereien, keine Fraternisierung zwischen den einzelnen Abteilungen. Laaaaaangweilig.

Ich sage: das Gegenteil ist richtig. Nur eine eskalierte Weihnachtsfeier ist eine gelungene Weihnachtsfeier. An die besten Weihnachtsfeiern meines Lebens habe ich nur schemenhafte Erinnerungen. Ich weiß, dass sie meist mit guten Vorsätzen (nicht zu viel essen, nicht zu viel trinken, Privates soll privat bleiben, früh nach Hause, früh zu Bette) meinerseits begannen, die ich aber schon nach einer halben Stunde über Bord warf. Und mich der Gruppendynamik hingab, die aus den sich mehr oder weniger sympathisch findenden Kollegen einen wabernden Organismus formte, der einen ganz eigenen Willen hat: nämlich den Willen zur Komplett-Eskalation. Und genau das hat aus diesen Weihnachtsfeiern unvergessene Erlebnisse gemacht, die die Verhältnisse innerhalb des Büros immer nur zum Positiven geändert haben.

Für so etwas Kostspieliges und Beknacktes wie Teambuilding-Maßnahmen ist kein Geld übrig

Natürlich – das geht nicht überall: Wir sprechen hier nicht von der drögen Adventsfeier im Katasteramt mit rationierten Verpflegungspaketen, wo es auch unter dem Jahr so trocken zugeht, dass man einen Schwamm braucht, um seine Briefmarken zu befeuchten. Wir sprechen von den etwas lockereren Arbeitsverhältnissen, wo man sich tendenziell duzt und dank flacher Hierarchien auch mal dem Chef auf die Schulter hauen darf. Also diesen Arbeitsverhältnissen, in denen sich ein Großteil von uns heute befindet. Dort, wo Menschen zusammenarbeiten, die zumindest annähernd gleiche Lebensumstände haben.

Es ist doch so: Manchmal muss es einfach krachen – für die Moral. Denn für so etwas Kostspieliges und Beknacktes wie Teambuilding-Maßnahmen in Wellness-Hotels oder auf einsamen Inseln ist bei diesen Agenturen/Redaktionen/Design-Büros in der Regel kein Geld übrig. Wenn es tatsächlich zu so einer Maßnahme käme, müssten die Angestellten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Fahrt zum und den Eintritt in den Klettergarten selbst bezahlen. Uns bleibt also nur übrig, uns das Teambuilding entweder zu sparen, oder die Abkürzung über die Alkohol-Autobahn zu nehmen. So ein gemeinsam verbrachter Abend der Hemmungslosigkeit ist nämlich sehr viel preisgünstiger und auch für Menschen mit Höhenangst machbar.

Wer einmal seinem schwerfüßigen Kollegen nach Hause geholfen hat und sich sentimental darüber ausgetauscht hat, wie gern man sich mag, der wird so schnell keine Ränke schmieden oder einander beim Chef verpfeifen. Wer gemeinsam die besten Lieder der 80er, 90er und von heute auf der Taxi-Rückbank mitgegröhlt hat, der wird sich auch am nächsten Tag mit einem verschämten Lächeln begegnen. Und wer zusammen mit der Praktikantin die in dem Augenblick überlebensnotwendig erscheinende Aufgabe übernommen hat, den Standaschenbecher vor dem Club zu klauen, der wird ihr in den kommenden Monaten vermutlich nicht nur Kopier-Jobs zuweisen.

Lasst uns die Handbremse lösen!

Alkohol hilft auch, zwischenmenschliche Verspannungen zu lösen. Mit mittelschwerer Zunge kann man dem Kollegen auch mal sagen, dass man sauer ist, weil er immer so schimpft oder dass man die Kollegin so super findet, dass man schon gar nicht mehr weiß, wohin mit den ganzen Gefühlen.

Und ja, manchmal führt so ein Rausch auch zum Austausch von Körperflüssigkeiten. Aber (vorausgesetzt, es war einvernehmlich): so what?! Wir sind alle keine Betschwestern und wenn wir ehrlich sind, dann haben die allermeisten von uns schon mal etwas mit Kollegen angefangen, manche gründen sogar Familien miteinander. Denn: Wo sonst lernt man sich am besten kennen? Zugegeben, so ein alkoholgeschwängerter Flirt kann zu Komplikationen führen, ein nüchterner aber auch.

Also: Lasst uns die Handbremse lösen und sehenden Auges gemeinsam in die Weihnachtsfeier-Achterbahn einsteigen. Lasst uns alle zusammen einen Glühwein, zwei Glühwein, drei Glühwein exen. Lasst uns am nächsten Morgen mit einem so dermaßen schmerzenden Schädel die Exzesse des Vorabends besprechen und darüber lachen, wie wir uns alle komplett zum Affen gemacht haben. Ernsthaft arbeiten können wir dann übermorgen wieder, okay Chef?  

* Der Autor dieses Textes möchte anonym bleiben. Muss ja nicht jeder wissen, wie steil er bei welcher Weihnachtsfeier geht.

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