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Der Pub ist eine bessere Welt

Denn mit einem Bier in der Hand sind wir alle gleich.
Von Katja Lewina
trinkolumne thepub
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Die besten Dinge im Leben passieren unerwartet. Die Liebe zum Beispiel, die dich natürlich erst in dem Moment erwischt, in dem du dich damit abgefunden hattest, alleine zu sterben. Genau so ging es mir kürzlich in London: Hektisch rannte ich durch die Stadt, um nur möglichst viel von ihr in mich aufzusaugen. Am Ende flirrte mein Kopf, meine Füße brannten, eine gewisse Enttäuschung machte sich breit. Doch statt mich ins ersehnte Bett zu bringen, zog mein Begleiter an meinem Ärmel. „Lass uns hier noch kurz reingehen“, sagte er, und ehe ich meinen Widerstand artikulieren konnte, war ich drin. Im Pub. Und augenblicklich hingerissen.

Den ganzen Tag hatte ich an Orten verbracht, die mir wahlweise ihre Distinguiertheit oder ihre Hipness mit aller Vehemenz ins Gesicht geschmiert hatten. Doch auch wenn wir uns immer noch am Rande des Zentrums befanden, war das hier etwas völlig anderes: Holzvertäfelung „Eiche rustikal“. Menschengedränge rund um die Bar. Nicht genügend Tische für alle. Stimmengewirr. Lautes Lachen. 80er-Musik. Bier und Whiskey.

Alles in mir entspannte sich. Und in allen anderen offensichtlich auch. In den jungen Bankern, die irgendjemand kollektiv in immer gleiche dunkelblaue, schmale Anzüge gesteckt hatte. Jetzt saßen sie da, ohne Krawatten, mit hochroten Köpfen, und klopften sich auf ihre Schenkel. In den Bärtigen und Tätowierten, die alles Erhabene hinter sich gelassen hatten. In den immer noch geselligen Rentnern mit den nicht mehr ganz so schicken Klamotten. In den pickligen Teens, die die ersten legalen Biere ihres Lebens tranken. In den Verliebten, die sich gegenseitig mit Fish and Chips fütterten.

Jeder schien jeden umarmen zu wollen – eine große, glückliche Familie

Wo sich daheim in Deutschland jede dieser Gruppen in seiner eigenen Etablissement-Blase vergnügt, drängten sie sich hier alle gemeinsam um die Tische, standen in den Ecken, kamen ins Gespräch. Selbst der Typ, der allein hergekommen war, um auf seinem Handy grinsend nach rechts und links zu wischen (deutlich mehr nach rechts allerdings), war, noch bevor ich mein erstes Pint getrunken hatte, leichter Hand in eine Großgruppe integriert. Jede weitere Runde Bier ließ die Menschen lauter reden, wilder gestikulieren, wilder lachen. Doch das Stimmengewirr blieb konstant fröhlich. Nichts kippte, jeder schien jeden umarmen zu wollen. Eine große, glückliche Familie.

Das alles geschah nicht etwa an einem Freitagabend, an dem das Herz dank des nahenden Wochenendes ohnehin schon gelöst ist. Es war Dienstag, mitten unter der Woche. Statt nach der Arbeit nach Hause zu gehen und sein Bier allein vor der Glotze zu trinken, verbrachte man hier seinen Feierabend lieber in guter Gesellschaft. Als sich der Laden um zehn schlagartig leerte, weil die Leute morgen früh ja wieder zur Arbeit mussten, trank ich begeistert auf die britische Disziplin.

Keine Schranken, keine Unterschiede, kein prätentiöser Bullshit

Ich persönlich kann ja schlecht aufhören, wenn ich angefangen habe. Darum musste ich am Ende nach unzähligen Bieren mit Namen wie „Let's riot!“ oder „Grandma's darkest secret“ unbedingt noch eine Zehn-Prozent-Flasche „Freudian Slip“ kaufen. Es schmeckte widerlich, aber Freudsche Fehlleistungen brachte ich keine mehr hervor. Sogar das Brechen kurz nach Verlassen des Pubs endete irgendwie erhebend: Während ich mich in der Nähe der Mülltonnen krümmte und mein Begleiter mir den Rücken tätschelte, kam ein Mann im eleganten Trenchcoat aus der Tür. Peinlich berührt wandte ich mich ab. Doch er schaute ungeniert in unsere Richtung. „Good job, mate“, sagte er aufmunternd, dann hastete er weiter. Ich hatte keine Ahnung, wem von uns beiden das gelten sollte. Doch ich verstand etwas anderes. Etwas, das ich seit meinem Eintreten in diesen Mikrokosmos gepürt hatte, ohne es fassen zu können: Der Pub ist eine bessere Welt.

Er kann edel daherkommen, mit auf Hochglanz poliertem Holz und goldgerahmten Bildern an den Wänden, oder als schäbige Trinkhalle, in der der Fußboden klebt und die Luft aus Schweiß zu bestehen scheint. Die Gesetzmäßigkeiten sind immer die gleichen: keine Schranken, keine Unterschiede, kein prätentiöser Bullshit. Saufen, Spaß haben, nach Hause gehen.

Ganz und gar erwartbar. Und trotzdem das Beste, das mir seit Langem untergekommen ist.

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