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Wie es sich anfühlt, nach sechs Jahren Beziehung zu tindern

Als unsere Autorin mit ihrem Freund zusammenkam, lernte man sich in Bars oder über Freunde kennen. Nach der Trennung ist die Welt eine andere.
Von Katja Engelhardt
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    Collage: Janina Schmidt

Tinder ist ein Assessmentcenter direkt aus der Hölle. Es ist ein aus mehreren Runden bestehendes Abchecken und die erste Runde beginnt damit, dass jemand dein Bewerbungsfoto sieht, du aber nur bedingt weißt, bei wem du dich da eigentlich wofür bewirbst. Außerdem ist es starr. Alles, was im echten Leben zählt – Chemie, Timing, Mimik – das kannst du vergessen. Das ist doof für alle, die nicht gerne Bewerbungsmappen zusammenstellen, nicht den besten Fotowinkel ihres Gesichts, eventuell auch ihrer Brüste, kennen und überhaupt so mittelgroße Lust auf Selbstdarstellung haben. Also mich.

Ich habe es trotzdem versucht. Vergangenes Jahr hat mein Freund nach fast sechs Jahren überraschend mit mir Schluss gemacht. Die Dating-Welt, in der ich daraufhin wieder gelandet bin, hat einen verdammt harten Boden und ist auch sonst eine ganz andere als die, aus der ich vor Jahren gekommen war.

Das fängt damit an, dass ich das Wort „Dating“ früher gar nicht in meinem Wortschatz hatte, weil ich meine Freunde immer nebenbei kennen gelernt habe. Echtes Daten, so mit Zeit und Ort ausmachen, brauchte es gar nicht. Irgendwann verbringt man aber die meiste Zeit in der Arbeit. Und wenn du vermeiden willst, dass du in einem Mitarbeitertreffen einem Menschen gegenüber sitzt, der weiß, wie du nackt aussiehst, hältst du es mit "Don’t Fuck The Company". Also Tinder.

Meine Beziehung begann Pi mal Daumen vier Jahre vor Tinders Geburt – zumindest kam da die App so richtig in Deutschland an. Damals habe ich das total verpennt. Klar, ich wusste was Tinder ist. Aber ich habe es nie benutzt. Geschichten über die App zu hören war wie Stories aus dem Urlaub von Freunden zu lauschen: Bestimmt ist es so und so, aber wer weiß das schon. Kaum war ich solo, stand Tinder aber auf einmal groß und breit und übermächtig in meinem Hausflur und klingelte sturm. So fühlte sich das an.

Weil meine Freunde nach der Trennung tatkräftiger und mutiger waren als ich – aka in Beziehungen – haben sie mich bei Tinder angemeldet, während wir in einer Pizzeria saßen. Weil das heute halt so läuft. Und weil es natürlich auch symbolisiert, dass einem die Trennung scheißegal ist.

Während sie mir mein Profil erstellten, schaute ich in das auf der Pizza schwimmende Öl und dachte über die Tiefe des Lebens nach, traurig Albert Camus rezitierend. Okay, das stimmt natürlich nicht. Wir haben Spritz in uns hineingeschüttet und viel gelacht. Aber so richtig geil fühlte sich das Ganze trotzdem nicht an.

Als ich dann angefangen habe, mein neues Profil auch wirklich zu nutzen, war auch das letzte bisschen Euphorie dahin. Die App war kein spannendes Abenteuer, sondern ein Schaulaufen. Auf einmal war ich eine Ware auf dem Dating-Markt. Nur, dass alle anderen auf diesem Markt besser waren als ich. Nicht schlauer oder sympathischer, sondern fertiger in dem, was sie nach außen darstellen wollen. Jeder passte in irgendeine Kategorie, vermittelte irgendein Image. Wenn man dabei auch noch den Fehler macht und auf Tinder auch nach Frauen sucht, wird es völlig deprimierend: Strahlende Haut, perfekte Winkel, funkelndes Wasser. Und da sollte ich rein – für die es schon ein Krampf war, überhaupt ein aussagekräftiges Foto auszusuchen. Dabei war es gar nicht die Oberflächlichkeit von Tinder, die mich störte. In einer Bar wäre ich auch sehr oberflächlich gewesen. Wer mir vom Barhocker nebenan etwas von Imagine Dragons ins Ohr geseiert hätte, wäre bei mir durchgefallen.

Die aktuellsten Bilder, auf denen ich okay aussah, waren zu dem Zeitpunkt zwei Jahre alt, aus dem Urlaub mit meinem Ex-Freund

Aber dieses Gefühl einer Bewerbung ist das Schlimme. Immerhin willst du nett aussehen, auch attraktiv, aber nicht wie ein Klischee. Die Requisiten Surfbrett, Pferd, Dirndl, Sektglas fielen dabei bei mir schon mal raus. Solche Fotos gibt es von mir nicht. Weil ich generell kaum welche von mir habe. Die aktuellsten Bilder, auf denen ich okay aussah, waren zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre alt, aus dem Urlaub mit meinem Ex-Freund. Kam mir unpassend vor.

Während ich mich mit Tinder also ursprünglich nur ablenken wollte, musste ich mich auf einmal fragen, wieso ich denn noch nie in Thailand war? Oder nicht mehr Sport mache? Oder so wenig Gruppenfotos mit Freunden von mir habe? Habe ich etwa keine Freunde?

Das ist natürlich riesiger Unsinn. Aber viele Menschen auf Fotos zu sehen heißt auch, sich mit einer Masse an Menschen abzugleichen, die man sonst nie sieht. Gleichzeitig kam es mir verdammt schwierig vor, da irgendwie herauszustechen. Aber auf Tinder kann man das eben nur mit seinem Aussehen. Dabei finde ich persönlich eh, dass ich nicht wirklich so aussehe wie auf Fotos. Es sei denn, ich habe wirklich diese Dinosauriernase. Tatsächlich habe ich es dann mit einem edgy „man sieht nur ein Auge“-Foto versucht. Das sollte mystisch wirken. Dann habe ich verstanden, wie unfassbar gruselig das sein muss, wenn nichtsahnend ein fremdes Auge deinen Smartphonebildschirm füllt. Aber vielleicht hätte sich ein Zyklop für mich begeistert, wer weiß.

Mit Freund war mein Abendprogramm eher Sofa, ach, sein wir ehrlich, Bett und Kino. Post boyfriendem probierte ich es erst in Bars. Vor meiner Beziehung habe ich in Bars ständig jemanden kennengelernt. Aber in der neuen Dating-Welt war da nix mit Woosh-Blickkontakt. Es haben sich nicht mal interessante Gespräche ergeben. Früher sind sich Menschen doch in Bars begegnet, oder nicht? Jetzt hatte ich das Gefühl, dass Tinder eine so effiziente Kennenlernmaschine ist, dass Blickkontakt und erste Wortwechsel komplett dorthin outgesourct werden. Wieso auch eine unbekannte Person ansprechen und sich einen Korb abholen, wenn die Peinlichkeit auch gut weggesperrt in einer App stattfinden kann? Ich hätte Lust auf dieses „echte Kennenlernen“ gehabt, auf ein bisschen Blamage und gute Anekdoten. Aber wer will sich schon alleine zum Idioten machen? Eben.

Trotzdem habe ich im vergangenen Jahr, Tinder sei Dank, auch einiges über das echte Leben gelernt, das mir in meiner Beziehung für immer verborgen geblieben wäre:

 

Lektion 1: Wenn du älter als 18 bist, können die meisten Männer nicht viel damit anfangen, wenn in deiner Kurzbeschreibung von Dosenbier, Currywurst mit Pommes und Comics die Rede ist. Lege dir echte Hobbys zu. Zumindest für Tinder.

 

Lektion 2: Füge Netflix hinzu. Dann denken zwar alle, dass du Netflix und Chill meinst und weisen dich darauf hin – aber eben erst, nachdem gematcht wurde. Cleverer Schachzug.

 

Lektion 3: Aus meiner Blase herauszutreten war sehr interessant – auch, weil man Menschen kennenlernt, die man in einer Bar vermutlich sehr schnell abserviert hätte. Ich habe einige Tage lang mit einem Mann geschrieben, bevor ich bemerkt habe, dass er kein Sarkast ist, sondern ein Nazi. Nun gut. Hatte sich das auch erledigt.

 

Überhaupt: Um festzustellen, ob man einen ähnlichen Humor hat, braucht man im echten Leben maximal fünf Minuten – auf Tinder sehr viele Anläufe und Geduld und den Glauben daran, dass verstärktes Googlen zeigen könnte, dass er doch einen Simpsonswitz gebracht hat. Auch ein interessanter Realitycheck: Simpsonswitze kommen auf einmal nicht mehr an. Aber das alles wollte ich nie wissen.

 

Eine Beziehung ist wie ein Biobauernhof aus dem Bilderbuch: Du musst dich um nichts scheren. Und dann fliegt das Gatter auf

 

Ich wollte auch nie sehen, wie schnell Männer grundlos obszön werden können, wie fix BH Größen abgecheckt, sexuelle Praktiken verglichen werden oder wüste Unterstellungen beginnen. Das kann man zwar alles super machen, wenn es beidseitig ist, aber darauf warten viele User erst gar nicht.

 

Vor genau solchem Unsinn hatte mich mein Beziehungskokon die vergangenen Jahre bewahrt. Eine Beziehung ist ja wie ein Biobauernhof aus dem Bilderbuch: Du liegst rum, frisst, bist versorgt und musst dich um nichts scheren. Und dann fliegt das Gatter auf. Du sammelst dich, willst sehen, was da draußen ist und siehst: einen hektischen Mastbetrieb. So fühlte sich Tinder für mich oft an. Als wären alle hungrig, aber würden sich nicht ein Fleckchen suchen und dann zufrieden grasen, sondern alle vom selben Trog essen, völlig egal, was in den hineingeschüttet wird.

 

Na klar, so ähnlich ist das auch in einem Club, wenn die Lichter langsam angehen und für alle, die wirklich so gar nicht alleine nach Hause gehen wollen, der Stuhltanz beginnt. Aber auch da sagt man sich irgendwann ganz normal Hallo. Ohne eine App dazwischen, ohne irgendwas dazwischen – außer Schnapsatem vielleicht. Auf Tinder ist ein Hallo einfach nur ein Hallo und so kreativ und liebenswert wie ein Schreiben von der Müllabfuhr. Und dafür opfert man Zeit. Richtig viel. Super.

 

Alles, was ich hingegen an mir selbst richtig mag, lässt sich nur schwer auf Tinder übersetzen. Also natürlich kannst du mit Paint Sprechblasen in dein Profilbild malen, darin Adorno zitieren oder sonst was, das deine inneren Werte nach außen hievt. Aber vertrau mir: Das wissen die Menschen auf Tinder eh nicht zu würdigen. Dir bleibt dann nur übrig, dass die Handvoll ähnlich tickender User dich sieht und hübsch findet. Viel Glück.

 

Mittlerweile bin ich übrigens wieder in einer Beziehung. Mit jemandem, den ich auf Tinder kennengelernt habe. Wie das funktioniert hat, habe ich aber noch immer nicht ganz verstanden. Nur so viel: Seine Songauswahl war extrem gut und hatte nichts mit Imagine Dragons zu tun.

 

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