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Der Spend-O-Mat sagt dir, wohin du dein Geld geben sollst

Ist das sinnvoll oder unnötig? Ein Selbstversuch.
Von Eva Hoffmann
  • spendomat cover
    Illustration: Daniela Rudolf

Für Spendensammler ist die Weihnachtszeit sowas wie die Full Moon Party für Goa: Zuverlässig kommt sie jedes Jahr zur gleichen Zeit und zuverlässig machen alle jedes Jahr mit. Wenn die Menschen im Advent dann in ihrer trockenen, warmen und gut genährten Gemütlichkeit ein bisschen gefühlsbeduselt sind, sitzt auch das Portemonnaie lockerer als sonst. Nur: Wohin genau mit der Kohle? 

Die Spendenplattform betterplace.org hat für diese symptomatische Frage der Überflussgesellschaft jetzt eine Entscheidungshilfe entworfen: den Spend-O-Mat. Ähnlich wie beim Wahl-O-Mat, der für die Bundestagswahl das Kreuzchen vorgeschlagen hat, schlägt der Spend-O-Mat nach Angaben der Betreiber dem potenziellen Spender vier Projekte vor, in die investiert werden könnte. „Dazu haben wir rund 120 Hilfsprojekte von der Plattform redaktionell ausgewählt“, sagt Leonie Gehrke von betterplace.org. „Die Antworten sind jeweils mit einer der Kategorien Bildung, Entwicklungshilfe, Tiere, Sport, Geflüchtete, Kinder, Obdachlose und Umwelt versehen.“ So solle ein möglichst breites Spektrum an Interessen aufgefangen werden. Die Plattform hofft, dass über den Generator auch kleinere Projekte Aufmerksamkeit (und damit: Geld) bekommen.  

Obwohl Spenden in der Weihnachtszeit Mainstream ist, ist es für mich persönlich eher kontra-intuitiv. Schließlich gebe ich eh schon überdurchschnittlich viel Geld für Essen und Geschenke aus. Aber das vorweihnachtliche Gebimmel von Nächstenliebe und Dankbarkeit treibt mich dann doch kurz vor diesen Test. Viel könnte ich zwar nicht geben, trotzdem mal interessant, was ein Algorithmus mir an Gutmenschlichkeit vorschlagen würde, auf die ich selbst nicht komme. 

Im Gegensatz zum Wahl-O-Mat ist der Spend-O-Mat eine richtige Witzmaschine: Statt nach meinem Alter fragt er, ob mein Nokia 5110 Snake hatte und trifft damit den Nerv meiner Generation. Auch die Frage nach meinem Fuck-Up-Date – ich nehme mal an, dass damit mein absolutes Horror-Date gemeint ist – kann ich nur dank Internet-Sozialisation beantworten. Ich entscheide mich für „Geld zählen mit Sepp Blatter“ dicht gefolgt von „Stammtisch mit Beatrix von Storch“. Was sagt das jetzt aber über meine Spendenvorlieben aus? Und wie würde meine Oma diesen Test durchstehen? 

Der Spend-O-Mat ist ein Angebot an eine Generation, der man intellektuell nichts zutraut

Vermutlich gar nicht, sie hat zu wenig Meme- und Internetwissen. Aber meine Oma ist hier auch nicht gefragt. „Der Spend-O-Mat richtet sich an junge, digital affine Leute, die politisch und sozial interessiert sind. Menschen, die vielleicht gerne ihre Zeit bei BuzzFeed verdaddeln, aber sich gleichzeitig bei Spiegel Online auf dem Laufenden halten“, fasst Gehrke ihre Zielgruppe zusammen. „Deshalb auch die glitzernden Katzen- und kotzenden Hot-Dog-Gifs.“ Es klingt wie eine Rechtfertigung. Dabei ist der Spend-O-Mat sehr zielgerichtet entworfen worden: Er ist ein Angebot an eine Generation, der man intellektuell nichts zutraut. Die keine zehn Fragen ohne Smileys, GIFs und Ironie durchhält. 

Klar, es ist nett, diesen sonst so schnöden Fragebogenstil durch ein bisschen Quatsch aufzulockern. Aber gleichzeitig bedrückt es mich zutiefst – wie übrigens auch schon beim Wahl-O-Mat –, dass Quizformate in meiner Generation scheinbar besser ankommen als komprimierte Information. Der Trend zum „Postfaktischen“ paart sich dabei mit einer Ökonomie der Aufmerksamkeit: Kurz, Schnell und spaßig müssen Infos sein, sodass man sie schnell teilen und dafür Anerkennung bekommen kann. Funktioniert bei mir ja auch: Mit den Klemmbrettvertretern in der Fußgängerzone diskutieren? Keine Lust auf Mitleidsrhetorik oder Vorträge. Ein „Match“ finden? Das Vokabular verstehe ich, das klingt nach allem, was ich sonst auch so im Internet mache. Und nach Spaß. Aber muss wirklich immer alles Spaß machen?

Klar finde ich es gut, wenn Menschen, die Geld übrig haben, es da reinstecken, wo es fehlt. Aber die ganze Spaß-Nummer, die man sofort auf Facebook teilen kann, zeigt auch, worum es beim Spenden vielen von uns in erster Linie geht: um uns selbst. Allen davon zu erzählen, wo man grade gespendet hat, pusht in erster Linie das eigene soziale Kapital, das „Karmakonto“, wie es auf betterplace.org heißt. Beim Spend-O-Mat kommt außerdem hinzu, dass er unseren Narzissmus befriedigt, weil wir das Gefühl bekommen, in unserer Individualität und besonders unserem Humor erkannt und mit einem ganz persönlichen Projekt verknüpft zu werden. Win-Win-Situation für das Projekt und mein Ego.

Hier wird mit Spaß die Ungerechtigkeit übertüncht, die uns überhaupt in die Position bringt, etwas spenden zu können

Aber leider habe ich das Gefühl, dass dieser Spend-O-Mat mich nicht so gut verstanden hat: Am Ende werden mir ein Skateboard-Projekt in Indien, ein Ruderverein, ein Skilager und das obligatorische Stück Regenwald für meine Investition vorgeschlagen. Dazu die Beschreibung, dass ich ja ein sportlicher Typ sei, beziehungsweise mich für Sport interessiere. Oh Gott, ich wünschte, es wäre so! Mit meinen Interessen haben die Vorschläge jedenfalls wenig zu tun. 

Der Spend-O-Mat bringt mir also eigentlich nichts. Aber dafür ist da jetzt ein Funke Neugier und ein bisschen Muße, selbst zu suchen, tiefer zu lesen – und am Ende dann vielleicht doch irgendwo eine Spende zu hinterlassen. Nicht, weil mir ein Quiz so viel Spaß gemacht hat. Sondern weil ich nachdenklich geworden bin. 

Denn was das ganze Spenden-Tralala geschickt mit Spaß übertüncht, ist die Ungerechtigkeit, die uns überhaupt in eine Position bringt, in der wir uns mit Studijob-Gehältern ein bisschen besser fühlen können, weil wir irgendwo ein paar Euro hinterlassen haben. Wenn dieses Bewusstsein das ganze Jahr andauern würde und nicht erst durch einen Psycho-Spendentest zutage tritt, haben wir vielleicht weniger Spaß. Dafür würde aber vielleicht wirklich mehr Geld da ankommen, wo es gebraucht wird.

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