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Foto: Ezra Jeffrey 77199 / unsplash; Bearbeitung: jetzt

Neulich sagte Freund B bei einem Drink: „Social Media ist wie dieser Plastikstrudel im Ozean. Ein riesiger, wachsender Haufen Müll, von dem niemand weiß, wie sehr er uns noch schaden wird.“ Ich teilte diesen Spruch auf Instagram, Twitter, Facebook. Selten habe ich so viel Zuspruch bekommen. Meine Follower auf Social Media eint genau eins: ihre Ermüdung von Social Media. Und als erstes haben das die Künstler begriffen, die besonders darunter leiden. 

Wir leiden längst unter den Geräten. Wir wollen den Verzicht. 

„Könnten Sie bitte aufhören, mich zu filmen? Ich stehe wirklich leibhaftig hier“, sprach Adele während eines Konzerts in Verona zwischen zwei Songs ins Mikrofon, an eine Frau im Publikum gewandt. Wie sie versuchten auch schon Kendrick Lamar, Alicia Keys, Guns´n´Roses oder Jack White mit warmen Worten oder expliziten Verboten, die Leute von ihren Handys zu erlösen. Clubs wie das Berliner Berghain oder das Münchner „Blitz“ kleben die Handykameras schon lange ab, der Hamburger „Moin Club“ ist der erste Laden, in dem Smartphones ausdrücklich verboten sind. „Die Gäste sollen bei uns aus sich rausgehen können, sonst ist es keine Party“, sagt einer der „Moin“-Betreiber“.

Wer Handys einsammelt oder uns wenigstens die Handykameras mit Stickern blendet, so wie man Kindern, die das Nägelkauen nicht lassen, die Fingerkuppen zupflastert, den treibt natürlich auch die Hoheit über die Bilder um, die dort draußen zwangsläufig kursieren. Oft genug sind Handyverbote nicht nur ein Service am unmündigen Gast, sondern vor allem ein Mittel, den Kontrollverlust zu verlangsamen.

Wahr ist aber: Wir wollen es auch. Weil wir längst unter den Geräten leiden. Weil wir den Fokus, den uns die Künstler aufzwingen wollen, genießen. Und weil wir ahnen, dass wir weder Resonanz noch Exklusivität verlieren, wenn wir weniger teilen, sondern gewinnen.

Die Apps sind wie Glücksspielautomaten

Zum Leidensdruck haben wir inzwischen genug Zahlen. Im Durchschnitt aktivierten die Smartphonenutzer in einer Studie 53 Mal am Tag ihr Gerät. Eine britische Studie besagt, dass 58 Prozent aller Befragten sich unglücklich oder gestresst fühlen, wenn sie auf ihr Handy sehen. 71 Prozent der Nutzer sozialer Netzwerke bereuen ihre Posts der Partynacht am Folgetag. 

Wir haben die Schnauze voll, langweilen uns mehr, genießen weniger. Weil wir langsam verstehen, dass diese Apps uns süchtig machen wie Glücksspielautomaten, indem ganze Abteilungen namens „Addictive Design“ uns durchleuchten und benutzen und manipulieren. Weil wir wieder wir selbst sein wollen. In der heutigen Zeit kommunizieren US-amerikanische Studenten pro Woche vier Stunden weniger vis-à-vis mit ihren Freunden als noch Ende der 1980er Jahre, gehen drei Stunden weniger pro Woche aus. Man könnte endlos mehr Statistiken bringen. Aber es reicht, nein, uns reicht es. 

Den Künstlern auch. Denn das Abbild, die Verbreitung eines Ereignisses, momentan die ultimative Währung der Aufmerksamkeitsökonomie, ist ihnen immer weniger wichtig. Wer groß ist und strahlt wie Alicia Keys und das Berghain, tut es sowieso. Sie brauchen keine Multiplikation. Sie brauchen Ruhe. Sie brauchen den Moment. Die Einzigartigkeit, die erst durch das Risiko entsteht, etwas nicht festhalten zu können – wie der Zauber des One-Night-Stands, von dem alle Beteiligten wissen, dass er so nie wiederkommt. Dann erst haben Ereignisse wieder die Qualität, die auch unser Leben hat: Es gibt sie nur dieses eine Mal. Sie sind unfassbar verletzlich, weil sie sich nicht kopieren, nicht hoch- oder runterladen und nicht speichern lassen.

Keine Übersättigung, sondern Hunger

Doch Konzerte und Partys sind nur der Anfang. Der bewusste Verzicht auf die Aufmerksamkeitsbulimie wird das ganze Leben ergreifen. Reisen, Hochzeiten, Begegnungen, Abenteuer – alles mehr wert, je weniger es verbreitet wird. No Smartphone wird das neue Statussymbol, der Luxus der Askese. Cool ist, etwas Cooles zu erleben. Noch cooler, es zu teilen. Am allercoolsten ist es, etwas zu erleben, aber diskret damit umzugehen. Immer verpönter hingegen wird das Betteln um Likes werden. Weil wir verstehen, dass wir uns damit selbst betrügen. 

Denn je weniger wir teilen, desto mehr bekommen wir zukünftig von dem, was laut der beiden jüngsten soziologischen Bestseller eigentlich Sinn und Zweck unserer postmodernen Existenz ist: Singularität und Resonanz. „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz und „Resonanz“ von Hartmut Rosa heißen die Bücher, die die Smartphone-Askese vorwegnehmen. Singularität findet man im Besonderen, „Exklusiven“, was ja nichts Anderes heißt, als dass eine Mehrheit ausgeschlossen ist von einem Erlebnis oder einem Produkt, und eine Minderheit es deshalb mehr genießen kann. Morgen wird nur noch exklusiv sein, was mit der ganzen Welt geteilt werden könnte, aber bewusst geschützt wird.

Auf der anderen Seite steht die Resonanz, die bisher durch Verteilung erreicht wurde, zukünftig aber durch weniger Reichweite erst ihre Qualität bekommt. Das ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Denn in einer Welt, in der alles teilbar ist und dadurch Aufmerksamkeit erzeugen kann, ist genau das wertvoll, das besprochen, bewundert, weiter erzählt wird, obwohl ich es nicht genau dafür in einem Netzwerk poste. Wenn ich also auf ein Konzert gehe, und nicht live davon hinaus sende, sondern nur davon erzähle, erzeuge ich kostbare, einzigartige Resonanz. Wenn meine Freunde mir glauben (müssen), dass der Strand oder das DJ-Set perfekt war, obwohl ich keine ansonsten omnipräsenten Beweise davon vorlegen kann. Wenn ich das gar nicht will, weil ich eben der Magie dieser Nacht vertraue und meinem gesprochenen Wort, das statt inszenierter gefilterter Filmchen davon erzählt – dann erst schwingen die Zuhörer mit.

Wie wichtig und heilig muss ein Ereignis gewesen sein, dass man eben keine Bilder davon macht? Und wie will ich es jemals verstehen, seinen Wert für mich bemessen, wenn keine Bilder vorliegen? Ohne selbst dorthin zu gehen? Wo Social Media einen Druck erzeugt, auch zu erleben, was andere mich miterleben lassen, FOMO, eine Angst, etwas zu verpassen, die ständige Sorge, dass mein Ereignis eben nicht so singulär und resonant ist wie das, was ich eben auf Instagram gesehen habe; da erzeugt hingegen die Abwesenheit von Social Media keinen Druck, sondern einen Sog. Keine Übersättigung. Sondern Hunger.

Ein Zaubertrank namens Neugierde

Was macht das mit dir? Du bist nicht mehr vollgestopft, du willst wieder mehr von etwas, das sich dir entzieht. Deine Fantasie wird getriggert durch die reine verbale Wiedergabe, wie super geil Kendrick Lamar gestern war. Nur du warst nicht da, und du wirst auch mit keinem Video das Verpasste ungeschehen machen können. Es war groß, es war, nur ohne dich. Was dir bleibt, ist das Raunen der Eingeweihten, „kann man nicht beschreiben, muss man dabei gewesen sein“, gefolgt von deiner Reue, dem Fluch, dem Schwur, nächstes Mal dabei zu sein. Mit Social Media, dieser kaltblütigen Konfetti-Kanone, entstehen Stars. Ohne Social Media entstehen Legenden. 

Das hier ist kein Plädoyer. Sondern eine nüchterne Feststellung. Der Mensch ist nicht gemacht für die Dauerbeschallung. Er will Heiligkeit, Wertschätzung, Konzentration. Social Media wird die Welt zwar weiterhin beherrschen. Unser Drang miteinander zu kommunizieren, das Belohnungssystem der Likes und Follower, die Milliarden Bilder und Botschaften sind zu stark. Aber es wird mehr und mehr gallische Dörfer geben. Mit einem Zaubertrank, so mächtig, dass keine App, kein Netzwerk, kein Gerät sie besiegen kann. Dieser Zaubertrank heißt Neugierde.

Was im Moment seiner Entstehung schon vervielfältigt ist, wird in seinem ersten Atemzug schon millionenfach gespiegelt und in seinem eigenen virtuellen Museum unsterblich. Das ist das Gegenteil von allem menschlichen. Das ist die reine, tote Maschine. Nur was verpasst werden kann, war lebendig, hat wirklich gelebt. Und nur was gelebt hat, gestorben ist und trotzdem in uns weiterschwingt, nicht auf Servern und Geräten; was wir nicht vergessen, nicht aus Köpfen und Herzen bekommen, obwohl es keinen greifbaren Beweis dafür gibt; was sich in unsere Seelen eingebrannt hat wie die Explosion einer besonders hellen, einzigartigen Feuerwerksrakete auf unserer Netzhaut, nur das ist uns wirklich nahe. Nur das wird noch zählen in einer Zukunft, die im Dunkeln leuchtet, weil wir das Licht ausgemacht haben. 

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