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Warum uns Geburtstags-Posts egal sein sollten

Und warum Facebook uns zu asozial-pragmatischen Menschen macht.
Von Leonie Sanke
  • facebookgeburtstag cover
    Foto: go2 / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Wenn Facebook mich auffordert, meine Freunde an deren Geburtstag wissen zu lassen, dass ich an sie denke, gehe ich gedanklich fünf Optionen durch: ignorieren, posten, schreiben, anrufen – und löschen. Ja, ich gebe es zu: So manchen Facebook-Freund habe ich an dessen Geburtstag aus meiner Liste aussortiert. Weil Facebook mich daran erinnert hat, dass ich mich nicht erinnern kann, warum ich mit ihm oder ihr „befreundet“ bin. Das klingt vielleicht asozial – man könnte es aber auch pragmatisch nennen.

Kaum etwas macht unser Sozialleben so viel einfacher und uns gleichzeitig so viel asozial-pragmatischer wie die Tatsache, dass Facebook uns an Geburtstage erinnert. Ich bin mir sicher, dass auch ich einmal im Jahr aus diversen Freundeslisten fliege. Damit kann ich leben – vermutlich hätte ich diese verlorenen Facebook-Freunde an ihrem nächsten Geburtstag sowieso gelöscht. Traurig ist der Gedanke trotzdem.

Natürlich freut man sich über Geburtstagsgrüße in der Timeline, trotzdem weiß man: für einen Anruf hat es nicht gereicht

Die beendeten „Freundschaften“ sind nicht das einzig Traurige in Sachen Facebook-Geburtstag. Die fünf Optionen ignorieren, posten, schreiben, anrufen und löschen sind auch die einfachste Art, Freundschaften zu kategorisieren. Freunde, die man anruft, sind die, die einem tatsächlich etwas bedeuten. Freunde, denen man schreibt, kann man zumindest als Freunde bezeichnen. Solche, die man ignoriert, höchstens als Facebook-Freunde. Und Freunde, denen man seine Glückwünsche mit einem einfallslosen Post übermittelt, sind bestenfalls Bekannte.

Natürlich verteilt man selbst ständig Geburtstags-Posts und bedankt sich für jedes „Alles Liebe!“ auf der eigenen Pinnwand – wenigstens mit einem Like oder einem gesammelten Danke-Post am Tag danach. Aber gleichzeitig weiß man: Für eine persönliche Nachricht oder sogar einen Anruf hat es nicht gereicht.

Dabei war ein Anruf nicht immer die wertvollste Form der Gratulation. Es war mal wichtiger, wie lange man scrollen musste, bis man alle noch so unpersönlichen Geburtstags-Posts auf der eigenen Pinnwand gelesen hatte. Dass die meisten Leute einem nicht schrieben, weil sie an einen dachten, sondern weil Facebook für sie an einen dachte, war egal. Wichtiger waren die kunstvollen Freundschaftsbeweise in der Timeline. Wer etwas auf eine Freundschaft hielt, bastelte dem anderen mit Paint eine Collage voller Insider oder postete zumindest ein mehr oder weniger peinliches Foto aus alten Zeiten. Ein digitales Freundschaftsbändchen, für alle sichtbar.

Wer gegen Facebook-Geburtstage rebelliert, macht sich das Leben unnötig schwer – und das seiner Mitmenschen gleich mit

Wer heute an seinem Geburtstag so ein öffentlichkeitswirksames Bändchen braucht, muss es sich selber knüpfen. Zum Beispiel, indem man die eigene Feier mit den engsten Freunden per Instagram-Story dokumentiert. Wenn ich ehrlich bin, spiele auch ich dieses Spiel bis zu einem gewissen Grad mit. Wäre ich stattdessen konsequent und würde meinen Geburtstag bei Facebook löschen, würde ich sehen, wer an diesem Tag tatsächlich an mich denkt. Aber will ich das? Etwas oberflächliche Selbstbestätigung tut doch ganz gut. Und mal ehrlich: Kaum etwas ist so unangenehm wie Menschen, die ihren Geburtstag verbergen, um ihre „wahren Freunde“ zu entlarven. Mal abgesehen davon, dass ein vergessenes Datum so wenig über eine Freundschaft aussagt wie ein Facebook-Post.

Wer gegen Facebook-Geburtstage rebelliert, macht sich das Leben unnötig schwer – und das seiner Mitmenschen gleich mit. Natürlich ist diese Erinnerungs- und Gratulations-Routine weder ehrlich noch persönlich. Aber eben pragmatisch – und sie bewahrt einen im Alltag vor vielen unangenehmen Situationen. Schließlich möchte niemand der Freund, Kollege oder Kommilitone sein, der als letzter mitbekommt, dass sein Gegenüber Geburtstag hat. Und auch wenn Facebook jeden als „Freund“ bezeichnet, zeigt es einem an Geburtstagen, wer wirklich einer ist. Nämlich die, die es einem wert sind, die Facebook-Routine zu durchbrechen – und andersrum.

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