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Sollte man an Weihnachten in die Kirche gehen?

Auch, wenn man den Rest des Jahres nie im Gottesdienst sitzt? Folge sieben unserer großen Streitfragen rund um Weihnachten.
Von Eva Hoffmann und Peter Krauch
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Illustration: Daniela Rudolf

Die (Vor-)Weihnachtszeit ist voll von kleinen Ritualen und großen Traditionen. An ihnen scheiden sich jährlich die Geister: Die einen hassen den Trubel rund um das Fest, die anderen genießen nichts mehr. Folge sieben der großen Streitfragen rund um Weihnachten: Das eine Mal dann doch in den Gottesdienst oder ihn auch an Weihnachten meiden?

Peter findet, man kann ruhig nur an Weihnachten in die Kirche gehen:

Eine Anmerkung vorneweg: Für wen der Kirchgang an Weihnachten nur ein anderer Kirchgang neben vielen ist und damit ganz normal, der sollte sich jetzt nicht angesprochen fühlen. Amen.

Aber was ist mit den Weihnachtskirchgängern, 

  • die mit Kirche sonst gar nichts am Hut, aber in der Familie jemanden haben, der unter Anwendung leichten Zwangs den Rest der Familie an Heiligabend in die Kirche schleppt,
  • die früher mal konfirmiert/gefirmt wurden (und natürlich nicht wegen des Geldes!), deren lebhafteste Erinnerung an dieses Ereignis aber das Knutschen auf der Konfirmandenfreizeit ist und nicht etwa ihr Konfirmationsspruch, den sie längst vergessen haben,
  • die ihre Kirchensteuern zahlen (ohne es überhaupt zu wissen),
  • die gerne Kirchen fotografieren, aber selbst ganz selten eine von innen sehen?

Diese Menschen gehen an Weihnachten dann dieses eine Mal im Jahr doch in die Kirche. Und viele halten das für verlogen.

Ich finde: Das ist nicht verlogen. Sondern gut. Natürlich: Wer auch außerhalb der Weihnachtszeit oft in die Kirche geht, tut das aus einer Überzeugung heraus, die losgelöst ist von einem bestimmten Fest. Aber Weihnachten ist nun mal ein ganz besonderes Fest und erfordert auch besondere Maßnahmen. An Weihnachten ist die Kirche mehr als nur ein Ort, an dem man betet, seinen Glauben bekennt und einen Gottesdienst feiert. Die Maßstäbe für einen überzeugten Kirchgang sind niedriger.

Angenommen, man kommt vom Land: Dort erfüllt der Kirchgang an Weihnachten auch den Status einer sozialen Kontrolle. Wer war da, wer nicht, warum und wer ist die Neue neben dem Soundso? Das wollen natürlich alle anderen auch wissen und gehen genau deswegen in die Kirche. Man ist also nicht alleine mit seinen nicht ganz so besinnlichen Interessen. 

Außerdem muss ein Besuch in der Kirche an Weihnachten nicht zwingend christlich sein. Wir feiern an Weihnachten etwas, das an Heiligabend endet: Warten. Letztendlich warten wir das ganze Kirchenjahr und feiern die Ankunft in der Kirche. Geduld und Warten – in Zeiten, in denen sich unsere Generation dazu zwingen muss, eine Social-Media-Pause einzulegen, sind eine Stunde geduldiges Sitzen ohne Smartphone doch ein Segen. Nicht nur für das Datenvolumen.

Natürlich kann man argumentieren, dass damit das christliche Hochfest fälschlicherweise auf ein soziales Erlebnis heruntergebrochen wird. Weihnachten als ein Event? Ist es doch auch! Und die Kirchen haben das bereits verstanden, glaube ich. Dem Pfarrer fällt ja auf, dass in den Wochen vor und nach Weihnachten nicht mehr so viele Gäste in den Gottesdiensten sind. Deswegen öffnen sich viele Pfarrer und Gemeinden und verzichten immer mehr auf strenge Liturgie.  

Man kann also mit gutem Recht an Weihnachten in einer Kirche sitzen und muss nichts dafür wissen. Man muss nicht einmal an etwas glauben. Viel wichtiger ist nämlich etwas Anderes: Zusammensitzen, singen, Geschichten hören, über das Jetzt und das Vergangene nachdenken – das sollte man eigentlich öfter als einmal im Jahr machen. Ein Gottesdienstbesuch an Weihnachten ist also im besten Fall wie die ausführliche Lektüre eines Leitartikels (worauf man im Übrigen auch nicht immer Bock hat). Er bringt einem wenigstens einmal einen anderen Blickwinkel und neue Denkanstöße. Eine richtig gute Predigt klingt länger nach als der angesagteste Podcast. 

Wem das jetzt alles zu meta ist: Ein Besuch in der Kirche wirkt im großen Weihnachts-Menu wie ein Verdauungsschnaps. Nach dem Hauptgang zwingt er den Körper zur Ruhe. Und all das, was der Geist über das Jahr nicht gut vertragen hat, kann man danach vielleicht etwas leichter verdauen.  

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Eva findet, wer sonst nie in die Kirche geht, sollte das auch Weihnachten nicht tun:

Vorweg muss ich gestehen: Ich bin getauft. Katholisch. Sogar Kommunion habe ich gemacht. Damals musste ich zehn Kirchgänge vorweisen, eine Beichte ablegen und ein halbes Jahr in den wöchentlichen Kommunionsunterricht dackeln. In meinem Kopf war der Deal: Das muss ich jetzt durchziehen, das machen alle so und danach gibt es viele Geschenke. Eine gute Christin war ich also nie. Und auch in der Kirche war ich nie wieder regelmäßig. Bis auf eine Ausnahme: Weihnachten. 

 

An Weihnachten existierte dieser Deal, den ich mir damals mit zehn Jahren für meine Kommunion selbst auferlegt hatte, noch immer: Man muss diese ein bis zwei Stunden auf einer harten Holzbank ausharren, danach noch mit dem Rest der Nachbarschaft draußen in der Kälte rumstehen, Hände schütteln und „Frohe Weihnachten“ wünschen und dann geht es endlich zu den Geschenken. Insgeheim hatte ich schon als Kind die Vermutung, dass ich mit dieser Einstellung nicht ganz allein bin. Manchen Erwachsenen konnte man sehr gut ansehen, dass sie am liebsten nur ganz schnell nach Hause wollen, diese traditionelle Absolution durch den Segen der Kirche aber brauchen, um sich danach umso hemmungsloser vollfuttern und betrinken zu dürfen. Ein besinnlicher Startschuss sozusagen, auf den drei Tage Hedonismus bis zur Besinnungslosigkeit folgen.

 

Heute finde ich das ziemlich verlogen.

 

Beim Kirchenbesuch an Weihnachten handelt es sich schließlich nicht um das jährliche Spargelessen oder Federweißer-Trinken, also Traditionen, die ziemlich sinnentleert sind. Nein, aus dem Kirchgang speist die katholische wie die evangelische Kirche ihre Legitimation. Er ist die Versicherung, dass noch ein paar Schäfchen glauben. Und weil das an gewöhnlichen Sonntagen eben nicht mehr so viele Menschen tun, ist Weihnachten sowas wie eine Mitgliederversammlung. Der Moment, wo mithilfe niedrigschwelliger Predigten, ein paar Allgemeinplätzen zur Nächstenliebe und vollen Holzbänken gezeigt wird: Wir sind immer noch eine Instanz in diesem Land.

 

Das kann man gesellschaftlich jetzt gut oder schlecht finden, aber darum geht es mir gar nicht. Für die Kirche ist es auch egal, ob letzten Endes der Glaube oder der soziale Druck die Schäfchen in das Mutterschiff treibt. Individuell macht es meiner Meinung nach aber schon einen Unterschied. Glaubenspraxis sollte nichts sein, was man über sich ergehen lässt, oder das man tut, weil alle es tun und es halt irgendwie dazu gehört.

 

Wer aus der Kirche austritt, um Steuern zu sparen, sich über ihre beschränkten Positionen zur gleichgeschlechtlichen Ehe aufregt oder sich wie ich einfach nur an den kurzen Exorzismus vor dem Exzess gewöhnt hat und allein deshalb Weihnachten in der Kirche sitzt, sollte es einfach lassen. Wer Desinteresse an der Kirche offen zugibt, mit dem habe ich kein Problem. Mich nerven eher Menschen wie Nachbar X, der ständig seine Frau betrügt, und Nachbarin Y, die sonst immer gegen Geflüchtete wettert. Alle sitzen sie gemeinsam fromm im Weihnachtsgottesdienst, mit Sicherheit dem einzigen Gottesdienst, den sie in diesem Jahr besucht haben, und beziehen sich in der kommenden Diskussion im Bierzelt auf die christlichen Werte des Abendlandes. Der Weihnachtsgottesdienst ist bei aller Säkularisierung immer noch ein Zeichen, dazuzugehören. Am Ende schadet diese Heuchelei uns allen.

 

Diejenigen, die wirklich immer jeden Sonntag ihren Euro in die Kollekte werfen und bei der Essensausgabe helfen, die gehen in dem Mash-Up aus Lametta, Beten und Gänsebraten komplett unter. Diejenigen, die mit dem Anspruch auf allgemeine Verständlichkeit von der Kanzel predigen, denken für einen kurzen Moment, die Mitgliederzahlen seien wieder gewachsen, bevor die bittere Enttäuschung nach den Feiertagen kommt. Und diejenigen, die bei dem ganzen Spektakel nicht mitmachen, fühlen sich in ständiger Rechtfertigungsnot.

 

Heute, da ich weiß, dass ich die Geschenke so oder so bekommen werde und meine Cousinen aus dem Alter raus sind, in dem man sie nach einem unerträglichen Krippenspiel beklatschen muss, gehe ich an Weihnachten nicht mehr in die Kirche. Dem Besinnungsimperativ kann man auch zu Hause mit ein paar Kerzen und entspannten Gesprächen nachkommen. Falls nicht, dann hilft es vielleicht einfach, Weihnachten als das zu akzeptieren, was es spätestens seit der Erfindung des Weihnachtsmanns für all jene Ungläubigen ist, die eben auch sonst nichts mit der Kirche am Hut haben: Eine riesige Konsumparty. Wer das akzeptiert, kann von der Selbstgeißelung ablassen und ausgelassen feiern.

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