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Ist das Klassentreffen an Weihnachten eine magische Reise in die Vergangenheit?

Oder einfach nur deprimierend? Folge zehn unserer großen Weihnachts-Streitfragen.
Von Krsto Lazarevic und Quentin Lichtblau
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Foto: CC / Collage: Daniela Rudolf

Die (Vor-)Weihnachtszeit ist voll von kleinen Ritualen und großen Traditionen. An ihnen scheiden sich jährlich die Geister: Die einen hassen den Trubel rund um das Fest, die anderen genießen nichts mehr. Folge zehn der großen Streitfragen rund um Weihnachten: All die alten Nasen treffen oder lieber nicht?

Quentin sehnt sich nach der kurzen Reise in die Vergangenheit:

Es gibt eigentlich kaum Momente im Leben, in denen ich meine Kollegen und Freunde um ihre Provinzherkunft beneide. Als gebürtiger Münchner (ok, für manche ist das auch Provinz, aber pah!) kann ich mich immer schön erheben über all die Menschen, die in Orten aufgewachsen sind, bei denen sie immer „das ist in der Nähe von Wasweißichburg“ dazusagen müssen, wenn einer fragt. Und dann kann ich auch noch besonders laut lachen, weil noch nicht einmal Wasweißichburg mir etwas sagt.  

Aber einmal im Jahr bin ich doch ein wenig neidisch auf meine Kaff-Kollegen: zu Weihnachten. Da fahren alle mit dem Regionalzug zu ihren Familien in den Dörfern oder Kleinstädtchen, nur ich bleibe in der Stadt. Und damit entgeht mir ein Ritual, das in dieser Intimität nur in semi-inzestuösen Gemeinden funktioniert: das alljährliche Besäufnis mit alten Klassenkameraden, meist am ersten Weihnachtsfeiertag. Für viele ist dieses Treffen neben dem Weihnachtsfest die einzig wahre Konstante im Leben, ein Rettungsanker in die Vergangenheit, wo sich abgesehen von ein paar Geheimratsecken oder Falten eigentlich nie was ändert. 

Da sitzt man andächtig und volltrunken zusammen in Läden, die „Willi’s Forstwinkl“ heißen, hört sich tausende interessante Geschichten aus aller Welt an, und kippt dann doch langsam und mit jedem Schnaps weiter in der Zeit zurück. Am Ende liegen sich alle in den Armen. Viele meiner Kollegen berichten sogar von einer Art Beziehungs-Quartett, das sich unter den konsequenten Anhängern der seriellen Monogamie an diesem Abend immer neu durchmischt. Da kann man irgendwo in der Welt studieren, arbeiten, abhängen: Am 25. Dezember ist doch nochmal Gelegenheit, die alte Grundschulliebe klarzumachen oder den großen Bruder der besten Freundin oder, oder, oder... „Willi’s Forstwinkl“ wird zu einem Ort, an dem die Uhren stillstehen. Wie schön muss das sein?

Die Möglichkeit, einen Abend lang nochmal zum Teenager zu werden, der bei den Eltern wohnt und nachts noch mit der Liebe von vor zehn Jahren auf Plastiktüten die Marktstraße runterrutscht, ist mir leider nicht vergönnt. Klar, in meine Stadt kommen an Weihnachten auch ein paar Verschollene aus aller Welt. Aber für die Magie eines solchen Dorfjugend-Generationenabends ist München dann leider doch zu groß. Schade.

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Krsto findet Klassentreffen schrecklich langweilig: 

„Weißt du noch, wie dir Pia in der siebten Klasse Kaugummi ins Haar geklebt hat, weil sie der Meinung war, du solltest mal zum Frisör gehen?“ Ja, weiß ich noch. Nein, ich habe keine Lust, mir die Geschichte zum tausendsten Mal anzuhören. 

Deswegen gehe ich nicht mehr auf Klassentreffen. Vor neun Jahren floh ich aus einer kleinen schwäbischen Großstadt, die vierzig Autohäuser, aber nur zwei Buchhandlungen zählt. Ich bin mit vielen meiner alten Schulkameraden gut befreundet und sehe sie sowieso regelmäßig. Der Nachteil am formellen Klassentreffen ist, dass dort auch Leute sind, mit denen ich nichts zu bereden habe. 

Nicht, weil ich sie nicht mag, sondern weil sie nie aus der Provinz herausgekommen sind. Mit ihnen zu reden ist wie den Lokalteil der örtlichen Zeitung zu lesen, und der ist langweilig. Sie haben Kinder und Autos. Ich habe ein wackliges Bücherregal und wurde kürzlich ohne Ticket in der U-Bahn erwischt. Sie halten mich für überheblich und ich sie für spießig. Wir sind ein paar Stunden nett zueinander und lästern am nächsten Tag. Kann man sich auch sparen. 

 

Dann gibt es noch die Leute, die das Klassentreffen mit einem Bewerbungsgespräch verwechseln: „Nach meinem MBA bin ich direkt als Unternehmensberater eingestiegen und möchte in den nächsten zwei Jahren Partner im Unternehmen werden.“ Die also Gespräche anleiern, die man um Weihnachten herum nach vier Bier wirklich nicht führen möchte.

 

Okay, ich gebe es zu: Es ist schon witzig, dass der dünne, kleine Typ von damals heute aussieht wie Kollegah, meine alte Nebensitzerin ihr zweites Kind erwartet und man dem Typen, der damals schon nie in der Schule war, den jahrelangen Amphetaminkonsum deutlich an seinem Gesicht und seinem ruhelosen Kiefer ansieht. Die Gespräche über Diätpläne, Kinderkrankheiten und diesen neuen, coolen Club in Tübingen (es gibt keine neuen, coolen Clubs in Tübingen!) werden dann aber von Höflichkeit und nicht von ehrlich gemeintem Interesse getragen. Heutzutage muss man nicht mehr zu Klassentreffen gehen, um seine voyeuristischen Bedürfnisse zu erfüllen. Es gibt Facebook.

 

Natürlich kann es auch passieren, dass man nach vielen Jahren seinen alten Schwarm wiedertrifft, im Bett landet und schwanger wird. Er sagt dann „Alles wird gut“ und meldet sich nach dem fünften Monat einfach nicht mehr. Und ja, das ist wirklich passiert.  

 

Dann doch lieber einen Abend mit der Familie oder mit den wirklich guten Freunden von damals verbringen.

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