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Ist Wichteln super oder total blöd?

Unsere Autoren sind da ganz unterschiedlicher Meinung. Folge sechs unserer Serie zu den großen Streitfragen um Weihnachten.
Von Michèle Loetzner und Maximilian Weigl
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Illustration: Daniela Rudolf

Die (Vor-)Weihnachtszeit ist voll von kleinen Ritualen und großen Traditionen. An ihnen scheiden sich jährlich die Geister: Die einen hassen den Trubel rund um das Fest, die anderen genießen nichts mehr. Folge sechs der großen Streitfragen rund um Weihnachten: Lose ziehen und dann beschenken? Oder dieses sogenannte „Wichteln“ auf jeden Fall vermeiden?

Für Michèle ist die jährliche Wichtelparty ein schönes Ritual, das alle Freunde zusammenführt:

Ja, als ich zum ersten Mal zu Birgits Wichtelparty eingeladen wurde, fand ich das albern. Und bescheuert. Ich bin nur meinem damaligen Freund zuliebe mit, in seinem Freundeskreis hat dieser Termin Tradition. Es gibt strenge Regeln: Es wird grundsätzlich kein Mist verwichtelt, kein Geschenk darf unter zehn oder über 20 Euro kosten und nichts aus dem vorigen Jahr weitergegeben werden. Außerdem denkt sich Birgit ein verpflichtendes Foto-Motto aus.

Klingt anstrengend? Total! Aber all die Mühe lohnt sich. Der Abend läuft nämlich immer gleich: Jeder stapft abgehetzt in Birgits Bude, mault über den Weihnachtsstress und überfrisst sich an ihrem leckeren Thai-Curry. Dann setzen wir uns alle ins Wohnzimmer und ziehen Nummern. Jedes Geschenk ist mit einer Zahl und einem Foto versehen. Dann werden die Nummern aufgerufen und jetzt geht’s richtig los: Der Aufgerufene darf sein Geschenk erst öffnen, wenn er errät, wer auf dem Bild zu sehen ist. Dank Birgits Motti („schlimmste Frisur ever“, „hässlichstes Babybild“, „Jugendsünden“, „Führerschein“ etc.) gibt es spätestens da kein Halten mehr. Und so geht das über Stunden: lachen, saufen, auspacken, saufen, lachen…

Das Wichteln ist ein vorgeschobener Grund, damit wir uns alle wenigstens einmal im Jahr sehen. Der Kernfreundeskreis hat sich mittlerweile um Partner und Ex-Partner erweitert, das sind locker über 40 Leute. Birgit und das Wichteln sind der Kitt, der alle zusammenhält. Ohne sie hätten sich viele wahrscheinlich schon aus den Augen verloren. Und das wäre ziemlich schade.

Klar könnte man sich auch ohne Wichtelgeschenk treffen. Aber durch diese Aufgabe macht man sich schon im Vorfeld Gedanken über die anderen. Das ist schön, das machen wir alle viel zu selten, oder? Die Geste des Geschenks erinnert alle daran, wie gern man sich eigentlich gegenseitig hat. Ja, nicht alle, aber zumindest die meisten. Und sie verbindet: Es gibt keine Party-Grüppchen, sondern wir sitzen alle gemeinsam in einem Zimmer und jeder bekommt einmal fünf Minuten exklusive Aufmerksamkeit. Wenn er das Foto nicht errät (kommt vor), auch mal länger.

Besonders diese Fotoidee macht das ganze Event noch ein bisschen emotionaler. Die alten Bilder sind ein Nostalgie-Garant. Spätestens da werden Geschichten ausgepackt, die zuverlässig für Lachmuskelkater sorgen. Ein Weihnachten ohne Birgits Wichtelparty wäre kein Weihnachten. Deshalb: Danke, Birgit.

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Maximilian findet, Wichteln ist Bescherung für Streber:

Die Worte „Wichteln“ und „Wichtigtuer“ klingen sehr ähnlich. Ja, das könnte reiner Zufall sein, aber nach den folgenden Gedanken werde ich euch hoffentlich überzeugt haben, dass das absolut Sinn ergibt. Denn Wichteln ist einfach – sorry – der unangefochtene Wichtigtuer unter den Weihnachtsritualen.

Der Ursprung des Wichtelns ist sehr kuschelig. In der nordischen Sage sind Wichtel zwergenartige, selbstlose Wesen, die in Wohnungen heimlich gute Dinge vollbringen. Supersüß, oder? Leider kommt jetzt der volle Realitätsschock. Denn der entscheidende Aspekt der Selbstlosigkeit wird in der Realität des Geschenkrituals wegen der menschlichen Ich-Bezogenheit ins komplette Gegenteil verkehrt. Beim Wichtelritual sind die Wichtel tatsächlich nämlich nach Aufmerksamkeit heischende Streber, die nach der Geschenkübergabe ihre ach so kreativen Superideen anpreisen.

Selbst wenn man vereinbart hat, dass nicht verraten wird, wer welches Geschenk besorgt hat, können die Wichtelextremisten nicht anders als nach dem dritten Glühwein auszuschreien: „Ja die Pralinen sind schön. Die sind fairtrade. Ich bin ein guter Mensch. Sehr teuer. Sehr teuer übrigens auch.“ Genau so sagen sie es natürlich nicht, aber zwischen den Zeilen lässt sich genau das rauslesen. Es ist die pure Egozentrik des Schenkenden.

Warum das ausgerechnet beim Wichteln so ausgeprägt ist? Wichteln wird in der Regel in halbpersönlichen Gruppen zelebriert. Das bedeutet praktisch, dass die Persönlichkeit des Beschenkten im Hintergrund steht, die soziale Anerkennung durch Arbeitskollegen oder den Bekanntenkreis dagegen im Vordergrund. Wichtelfreunde sind meistens keine wirklichen Freunde, sondern höchstens Bekannte, die mit ihrem Wichtelritual ihre Nicht-Freundschaft zelebrieren. Es ist herzzerreißend komisch, dass die Oberflächlichkeit der Beziehung der Oberflächlichkeit der Geschenkform zu entsprechen scheint.

Normalerweise würden wir nämlich nicht im Traum auf die Idee kommen, unsere Wichtelfreunde zu beschenken. Wenn wir aber nur schenken, weil ein seltsames Ritual es uns aufzwingt, dann ist ein Geschenk nichts wert. Es ist unpersönlich und selbstbezogen. Die einen – die Wichtelfanatiker – schenken dann spektakulär wegen ihres eigenen Egos, die anderen – die Wichtelboykotteure ­– wollen das vergleichende Trauerspiel nicht mitmachen und schenken irgendeinen herzlosen Mist.

Die Formvollendung der pseudofreundschaftlichen Wichteltuerei findet man aber in Betrieben. Der Oberwichtel ­– meistens der Chef – muss dann die Mitarbeiter mit wichtigen Worten zum alljährlichen Ritual ermahnen. Angeblich, weil das ja so irre viel Spaß macht. Tatsächlich soll aber das scheiß Betriebsklima endlich besser werden. Klappt nur nicht, weil Sebastian vom Marketing und Irmhild von der Buchhaltung sich subtil duellieren, wer der wichtigere Wichteltuer ist. Die süßen Einbrecher aus der Sage weinen dann vermutlich. Verstehe ich.

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