Partner von

Nach der Trennung Freunde bleiben?

Hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht.
Von Daniela Gassmann
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Maria ist noch im Schlafanzug und fängt gerade an, sich am Küchentisch zu schminken. Vor ihr stehen: ein Spiegel, das dreckige Geschirr vom Sonntagsfrühstück und ihr Smartphone, angelehnt an eine Kaffeetasse. Sie zieht einen Lidstrich, dann klingelt es. Auf dem Handybildschirm erscheint neben einer vollgestellten Spüle ein Mann – zumindest der nackte Oberkörper eines Mannes. Nach einer rudimentären Begrüßung sagt er zu Maria: „Ich will Pfannkuchen machen. Kannst du mir helfen?“

Der Mann, der da um Küchentipps in Echtzeit bittet, war mal Marias Freund, aber das mit der Liebe ist lange her. „Gefühlt eine Ewigkeit“, habe ich sie oft sagen hören. Deshalb hat Maria auch kein Problem mit der unvorteilhaften Froschperspektive ihrer Kamera oder damit, sich während des Videotelefonats die Wimpern zu tuschen und Abdeckstift auf einen Pickel am Kinn aufzutragen. Ähnlich unangestrengt wirkt ihr Ex-Freund: Er erzählt ohne Aussparungen von einer Party, dem Kater am Tag danach und der Uni – und mit seinem Bauchansatz geht er um, als wüsste er nichts von dessen Existenz. Am erstaunlichsten aber ist die Sprache, in der die beiden miteinander reden: Maria, sonst super-eloquent, spart sich jegliche Höflichkeitsfloskeln. Sogar mit Pronomen geizt sie. Dafür machen die beiden Anspielungen und Witze, die für Außenstehende unmöglich zu durchschauen sind.

Als ich diese Szene vor ein paar Wochen vom Sofa meiner Freundin Maria aus beobachtete, war ich erst einmal irritiert. Nach dem Auflegen erfuhr ich dann, dass die beiden mindesteins einmal pro Woche auf diese Art und Weise kommunizieren, seit sie nicht mehr in derselben Stadt wohnen. Davon erzählte Maria so begeistert, dass ich bald verstand: die beiden verbindet eine besondere Beziehung. Ich möchte sie Ex-Freundschaft nennen – und erklären, warum sie so wunderbar ist. Vielleicht sogar die wunderbarste aller Freundschaften.

Vorweg: Eine Beziehung nach der Beziehung, wie Maria sie pflegt, beginnt immer mit einem Ende, mit der Trennung zweier Menschen. Das tut meistens sehr weh, egal, ob man selbst Schluss macht oder mit einem Schluss gemacht wird. Besorgte Bekannte warnen also gerne davor, befreundet zu bleiben. „So kommt ihr nie übereinander hinweg“, sagen sie. Oder: „Ihr landet nur wieder im Bett.“

Ist der Trennungsschmerz überwunden, kann man gemeinsam die Vertrautheit zurückerobern, die man während der Beziehung aufgebaut hat

Unberechtigt sind diese Einwände nicht. Dafür lässt sich aus ihnen die oberste Regel der Ex-Freundschaft ableiten: Auf jeden Fall eine Schonfrist einhalten! Erst wenn der Schmerz und das Vermissen nach einer Weile schrumpfen, wird an ihrer Stelle Platz für etwas Neues sein. Erst wenn man den anderen nicht mehr als Partner zurückhaben will, kann man auf einer anderen Ebene mit ihm glücklich werden. Und damit kommen wir zum schönen Teil:

Ist der Trennungsschmerz überwunden, kann man gemeinsam die Vertrautheit zurückerobern, die man während der Beziehung aufgebaut hat. An sie wird eine herkömmliche Freundschaft niemals herankommen.

Sicher können sich Menschen auch in platonischen Beziehungen sehr nah sein – bestimmte Grenzen überschreitet man jedoch nur als Paar: Man sieht den anderen mit einem Blick an, der Verliebten vorbehalten ist, ein Blick, dem nicht einmal der kleinste Leberfleck entgeht und. Man schläft miteinander und regelmäßig zusammen ein. Auf der anderen Seite regt man sich unverhältnismäßig über Kleinigkeiten auf und verletzt sich auf eine Weise, wie das ebenfalls nur Verliebte können. Diese Einzigartigkeiten einer Beziehung führen dazu, dass man über die Macken, Ängste und Sehnsüchte eines Partners so viel weiß wie über die keines anderen Menschen. Außer natürlich: über die des Ex-Partners. In Sachen Intimität übertrifft eine Ex-Freundschaft platonische Beziehungen somit um Längen, ähnlich wie es eine Partnerschaft tut.

Es liegt nahe, zu fragen: Was hat die Ex-Freundschaft, was einer Liebesbeziehung fehlt? Nichts, müsste man darauf antworten. Der Mehrwert einer Ex-Freundschaft liegt nämlich gerade in dem, was sie im Gegensatz zu einer Partnerschaft  nicht hat.

Erklären lässt sich das am Beispiel Maria: Mit ihrem aktuellen Freund teilt sie vieles. Trotzdem würde sie sich niemals schminken oder so uncharmant sprechen, wenn sie mit ihm skypt. Der Grund ist: Vertrautheit ist nicht nur das vielleicht Schönste an Partnerschaften überhaupt, sondern hat auch eine gefährliche Seite. Sie heißt Gewohnheit, und wird oft als Falle fürs Liebesleben empfunden. Erst nach einer Trennung verliert sie ihre Zähne. Denn dann muss man den anderen nicht mehr begehren und – noch wichtiger – sich nicht mehr darum bemühen, begehrenswert zu bleiben. Das ist also das Beste an einer Ex-Freundschaft: Endlich kann man die Vertrautheit, vor der man sich in der Beziehung immer auch fürchten musste, voll genießen. All die Macken und Schwächen, die sich natürlich schon angedeutet haben, darf man offen zeigen. Denn wozu noch bemühen? Weshalb Charme und Schamgefühl bewahren.

Es ist ganz egal, von welcher Seite sie sich zeigen – wenn es zwei Menschen geschafft haben, nach einer Trennung einen Teil der Zuneigung füreinander zu bewahren, dann können sie sich dieser Beziehung sehr sicher sein. Obwohl sie etwas Wunderbares gewonnen haben, gibt es nichts mehr zu verlieren.