pink tax cover
Collage: Daniela Rudolf

Seit ich sechzehn Jahre alt bin, kaufe ich nicht nur in der Frauen-, sondern oft auch in der Männerabteilung. Rasierer, Shampoo, sogar Kleidung scheinen mir dort tendenziell billiger zu sein. Und weniger pink.

Dass ich mit meinem Eindruck wohl richtig liege, beweist mir nicht nur das Praktikum, das ich mal in einer Beauty-Redaktion gemacht habe. Dort war ich weitestgehend damit beschäftigt, Kosmetika mit Preisschildchen zu versehen. Mir fiel dabei täglich auf, dass die Männer-Produkte, die bei uns eintrafen, häufig günstiger waren als die Version für Frauen.

Das Phänomen wurde in den vergangenen Jahren auch durch Studien bewiesen. Unter anderem die Erhebung „From Cradle to Crane: The Cost of Being a Female Consumer“ der Verbraucherschutzbehörde aus New York City machte sichtbar: Frauen zahlen dort im Schnitt sieben Prozent mehr als Männer für vergleichbare Produkte. Einfach nur, weil sie Frauen sind. Mit „Pink Tax“ hat diese Absurdität sogar einen eigenen Namen bekommen.

Gestern wurde schließlich und endlich auch die erste deutsche Studie in Berlin vorgestellt, die diese Unterscheidung wissenschaftlich belegt. Im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurde untersucht, ob Männer und Frauen in Deutschland unterschiedliche Preise für sehr ähnliche Produkte und Dienstleistungen zahlen müssen.

Ergebnis: Vor allem Dienstleistungen kosten für Frauen oft deutlich mehr. Bei den 1700 untersuchten Produkten sind Preisunterschiede für Männer und Frauen mit vier Prozent zwar deutlich seltener, aber ebenfalls vorhanden. Und sie betreffen sogar schon Konsumgüter für Kinder: Das rosa Schaumbad „Prinzessin Sternenzauber“ kostet zum Beispiel 1,20 Euro mehr als die blaue Version „Saubär“ für 1,75. Immerhin fast das Doppelte.

Generell fällt auf: Frauen müssen offenbar vor allem für Kosmetikprodukte mehr zahlen als Männer. Besonders teuer kommt sie ihre Weiblichkeit zum Beispiel bei Düften zu stehen. Ein Damenparfüm kostet der Studie zufolge in 60 Prozent der Fälle mehr als das gleiche Parfüm in der männlichen Version. Dieser Aufschlag beträgt dann durchschnittlich 19 Euro. Das finde ich nicht nur gemein, das finde ich skandalös und unfassbar frech. 

 

Von uns „Damen“ – kommt vor in Worten wie „Damenrasierer“, deren Klingen übrigens erwiesener Maßen teurer sind als die der „Herrenrasierer“ – wird schließlich gesellschaftlich erwartet, dass wir eine Menge Kosmetika verwenden. À la: „Liebe Damen! Um gute Arbeit zu finden, Sex zu haben und abschätzigen Blicken zu entgehen, folgen Sie bitte folgenden Anweisungen: Entfernen Sie sämtliche Körperbehaarung. Nur Armhaare sind in Ordnung, Wimpern und Augenbrauen auch. Die gehören dann aber getuscht, gezupft, gestriegelt.“ Wenn wir schon besonders viel kaufen (müssen), wäre dann nicht eher ein Mengenrabatt fällig als ein Preisaufschlag?!

 

Frauen haben in der Regel weniger Geld als Männer – und dann sollen sie auch noch mehr zahlen?

 

Die durchschnittliche Frau kauft also sowieso viele Produkte, die Männer in der Regel nicht verwenden. Gleichzeitig gibt es da noch den Gender-Pay-Gap, heißt: Frauen haben in der Regel weniger Geld als Männer. Und dann sollen wir auch noch für solche Produkte einen Aufschlag zahlen, die beide Geschlechter verwenden?

 

Ich verstehe sowieso schon nicht, warum da überhaupt Unterschiede gemacht werden. Warum muss man „Rasierschaum for Men“ von Rasierschaum für Frauen unterscheiden? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Ersterer funktioniert auch auf der weiblichen Haut. Und andersrum.

 

Viel erschreckender als all das ist aber eigentlich noch dieses andere Ergebnis der Studie: Für rund 60 Prozent der Dienstleistungen zahlen Männer und Frauen unterschiedliche Beträge. Das kann natürlich auch sachliche Gründe haben. Ist schon klar, dass Haareschneiden beim Friseur für Männer meist weniger kostet. Sie haben in der Regel kürzeres Haar, die neue Frisur ist dann schneller gemacht. Dass aber eine Frau mit ähnlicher Haarlänge bei einem Kurzhaarschnitt laut Studie trotzdem einen Aufschlag von durchschnittlich 12,50 Euro zahlen muss, ist nicht in Ordnung. Was kann denn nun eine Frau dafür, dass ihre kurzen Haare auf einem Frauen- und nicht auf einem Männerkopf verwurzelt sind? Und noch wichtiger: Wie soll sie das denn ändern?

 

Ob ein Herrenschnitt mehr kostet, wenn der Herr langes Haar hat, frage ich. Antwort: Nein

 

Mich interessiert deshalb, ob das Prinzip „längeres Haar kostet mehr Geld“ auch bei Männern greift. Ich rufe also bei Münchner Friseuren an. Ob ein Herrenschnitt mehr kostet, wenn der Herr langes Haar hat, frage ich. Antwort: Nein. Die meisten berechnen nur Frauen bei zunehmender Länge mehr. Für mich klingt diese pauschale Abrechnung nach Geschlecht eher nach Diskriminierung als nach durchdachtem Konzept.

 

Das ärgert mich aber nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Denn auch die werden in einigen Bereichen finanziell benachteiligt. Zum Beispiel bei Datingportalen. Die Studie zeigt: Männer scheinen dort oft mehr zahlen zu müssen als Frauen. Und auch generell kommt es mir vor, als sei das Ausgehen oft teurer für Männer.

 

Einmal ging ich mit einem Mann ins Kino. Da sagte man mir, ich müsse nur vier statt acht Euro zahlen. Warum? „Heute ist Ladies Night!“ Meine männliche Begleitung zahlte den vollen Preis. Das freute weder ihn, noch mich. Was sollte diese sexistische Unterscheidung? Wir legten zusammen und zahlten jeweils sechs.

 

Dass ich als Frau für ähnliche Produkte oder Dienstleistungen oft mehr zahlen soll, regt mich auf. Noch viel mehr ärgert mich aber, dass die deutsche Wirtschaft sich offensichtlich Wachstum davon verspricht, die Kluft zwischen den Geschlechtern zu vertiefen. Sie arbeitet mit Sexismus – gegen Frauen und Männer. Je nachdem, was gerade profitabler scheint.

 

Dagegen, dass angewandter Sexismus als rentable Geschäftsstrategie bestehen bleiben kann, können wir als Verbraucher allerdings etwas tun. Und die Lösung ist ganz einfach: Aufhören zu kaufen, was Unternehmen uns als „unserem Geschlecht angemessen“  verkaufen wollen.

 

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