kristina hänel
Foto: Alissa Hacker

Fünf Minuten vor Veranstaltungsbeginn sind erst vier Gäste da. Die vier Stuhlreihen in dem hellen Raum sind fast leer. „Die Ärztin Kristina Hänel kämpft für das Informationsrecht zur Abtreibung“, steht auf der Einladung zur Veranstaltung. An einer Pinnwand hängen Artikel und Studien zum Thema. Eine junge Frau steht davor, hält ein Bier in der Hand, und liest, bevor der Vortrag beginnt.

Die Ärztin Kristina Hänel wurde bekannt, weil sie Ende November 2017 vom Amtsgericht Gießen wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt wurde. Vor kurzem wurde sie für ihr Engagement zur Abschaffung des Paragrafen 219a mit dem Clara-Zetkin-Frauenpreis ausgezeichnet. Obwohl das Thema Abtreibungen derzeit in Politik und Medien breit diskutiert wird, hält sich der Andrang in Grenzen. Normalerweise platzen die Räume bei ihren Vorträgen fast aus den Nähten, sagt Hänel. Interessiert sich in München niemand dafür?

Durch die Diskussion um den Paragrafen ist Hänel eine öffentliche Person geworden. „In gewisser Weise führe ich einen Kampf, denn ich bin ja angegriffen worden“, sagt die Ärztin in einem Gespräch vor der Veranstaltung. „Von mir aus hätte ich das nicht gemacht.“ Ihr Mittel sei nicht der Angriff, sondern die Information. „Das Besondere an dem Thema ist, dass alle darüber Bescheid wissen und davon betroffen sind, aber so tun, als gebe es das nicht. Das ist völlig absurd “, sagt Hänel. Jetzt sitzt sie als eine der Anführerinnen der Bewegung gegen den Paragrafen 219a vor einer Bücherwand mit feministischer Literatur, hinter einem kleinen Holztisch. Was kann man an einem Abend mit der Ärztin lernen?

Insgesamt 15 Frauen sind das Publikum im „Kommunikationszentrum für Frauen zur Arbeits- und Lebenssituation“, kurz Kofra. Etwa die Hälfte von ihnen ist unter 30 Jahre alt. Im Laufe der Veranstaltung zeigt sich, dass gerade die jungen Frauen an der Diskussion um Abtreibungen interessiert sind, dass ihnen aber auch wichtige Informationen über das Thema fehlen.

„Jede Frau sollte die Wahl haben, ob sie abtreiben will oder nicht“

Johanna, 22, sitzt in der zweiten Reihe. Sie ist hier, weil sie die Diskussion um Schwangerschaftsabbrüche für ein wichtiges Thema im Feminismus hält. Das Urteil im Fall von Kristina Hänel hält sie für „zurückgeblieben“. „Jede Frau sollte die Wahl haben, ob sie abtreiben will oder nicht“, sagt Johanna. Nicht jede junge Frau hat schon so eine feste Überzeugung zu dem Thema wie Johanna. Ihre Sitznachbarin Maren, 22, hat sich erst durch die Medienberichte über Kristina Hänel mit dem Thema Abtreibung auseinandergesetzt. „Heute möchte ich mehr Informationen darüber bekommen.“

Veronika, 26, ist spontan gekommen. Die Forderung nach der Abschaffung des Paragrafen 219a, der Werbung für Abtreibungen verbietet, geht ihr nicht weit genug: „Schwangerschaftsabbrüche sollten vollkommen straffrei sein, nicht nur die Information darüber. Es trägt zur Stigmatisierung von Frauen bei, wenn man sozusagen eine Straftat begeht, wenn man abtreibt“, sagt sie.

Während der Diskussion erzählt Veronika, dass sie selbst ungewollt schwanger war und sich dazu entschloss, die Schwangerschaft abzubrechen. Bei der Recherche nach Kliniken und Ärzten, an die sie sich wenden konnte, stieß sie im Netz auf Bilder und Inhalte, die sie eigentlich gar nicht sehen wollte: Auf Seiten von Abtreibungsgegnern werden Frauen und Mediziner, die Abtreibungen durchführen, diffamiert. Zu Hänel sagt sie: „Sie sind wie eine Heldin für mich, dass Sie sich jetzt gegen den Paragrafen 219a einsetzen.“

Die Ärztin machen solche Geschichten wütend. Vor der Veranstaltung erzählt sie, dass bei ihren Diskussionsabenden öfters Frauen über ihre Abtreibungen sprechen würden. „Mit meinen Vorträgen will ich dazu beitragen, das Schweigen über Abtreibungen zu brechen“, sagt Hänel.

Als Veronika ihren Freundinnen von ihrem Abbruch erzählte, hatte sie anfangs das Gefühl, dass man Abtreibungen nicht machen und nicht darüber sprechen sollte. Für sie war vor allem die ungewollte Schwangerschaft eine große Belastung, nicht die Abtreibung selbst. Laut Hänel kann eine Schwangerschaft an sich ein belastendes Erlebnis sein. Es gebe keine Studien dazu, dass Abtreibungen an sich psychische Probleme hervorrufen.

Pro Jahr gibt es rund 56 Millionen Schwangerschaftsabbrüche weltweit

In ihrem Vortrag macht Kristina Hänel einen Rundumschlag zum Thema Abtreibung: Sie zählt Statistiken über Schwangerschaftsabbrüche auf: Laut einer Studie gebe es weltweit rund 56 Millionen Abbrüche pro Jahr, 30 Millionen davon werden als sicher eingestuft, also unter medizinischen Bedingungen von Fachpersonal durchgeführt. Restriktive Gesetze senken die Zahl der Abtreibungen nicht, sondern fördern unsichere Schwangerschaftsabbrüche. Die Frauen im Publikum nicken.

Danach spricht Hänel über die verschiedenen Methoden, eine Schwangerschaft abzubrechen und erklärt die juristische Lage: Der Paragraf 219a verbietet Werbung – aber auch sachliche Information – von Ärzten, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Ärzte sollen dadurch keinen finanziellen Vorteil haben. Der Paragraf sorgt laut Hänel dafür, dass Ärzte nicht sachlich informieren dürfen.

Das Kofra habe die Veranstaltung organisiert, weil Abtreibungen ein frauenpolitisch wichtiges Thema sind und sie die Leute darüber informieren wollen, erklärt Anita Heiliger, Soziologin und Vorstand im Kofra. Die Bewegung, die durch das Urteil im Fall von Kristina Hänel entstanden ist, solle zeigen, dass Abtreibungen ein „unzulässiger Eingriff in die Selbstbestimmung der Frau sind“. Damit sollen wir uns klar machen, wie wenig weit die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sei.

Ärzte, die Abtreibungen durchführen, werden von Gegnern als Mörder bezeichnet

Ein großes Thema sind an dem Abend auch strikte Abtreibungsgegner, die sich selbst als „Lebensschützer“ bezeichnen. Die Organisationen und Gruppen stünden vor Einrichtungen, die Abtreibungen anbieten, und wollen Frauen davon abhalten, hineinzugehen. Auch im Internet findet man bei der Recherche über Schwangerschaftsabbrüche schnell Seiten der „Lebensschützer“. Dort werden Ärzte, die Abtreibungen durchführen, zum Beispiel als „Tötungsspezialisten“ und „Mörder“ bezeichnet. Hänel fordert, sich die Sprache und die Bilder in der Debatte von den Abtreibungsgegnern zurückzuholen. „Das haben wir uns über die Jahre wegnehmen lassen.“ Das Wort Abtreibungsgegner impliziere, dass alle anderen Abtreibungen befürworten würden – was nicht stimmt. „Ich fordere das Lebensrecht für Frauen“, sagt Hänel.

Obwohl die Veranstaltung als Diskussion angelegt ist, gibt es keine Widersprüche oder abweichende Meinungen aus dem Publikum. Sie findet in einer Blase statt, in der alle in etwa die gleichen Ansichten haben. Genauso ist es vermutlich auf der anderen Seite: Abtreibungsgegner diskutieren innerhalb ihrer eigenen Organisationen, ohne sich auf Gespräche mit der Gegenseite einzulassen.

Die Fragen am Ende der Veranstaltungen zeigen, dass es nach wie vor Informationsbedarf bei Schwangerschaft, Verhütung und Abtreibungen gibt. Die Themen sind in der Gesellschaft aber tabuisiert und es fällt den Frauen schwer, sachliche Informationen zu finden.

Man sollte Frauenärzte direkt auf feministische Themen ansprechen

Veronika wünscht sich bei der Diskussion auch bessere Aufklärung über Verhütung an Schulen. Sie wusste zum Beispiel nicht, dass die Pille danach nicht immer wirkt. Sie habe die Tablette ohne weitere Informationen in einer Apotheke erhalten, wurde dann aber doch schwanger. Wenn man die Pille danach nimmt, bestehe ein Restrisiko, trotzdem schwanger zu werden, sagt Hänel. Eine andere junge Frau aus dem Publikum fragt, wie man eine feministische Frauenärztin finden könne, die frauenrechtlichen Themen positiv gegenübersteht. Hänel rät, Frauenärzte direkt auf die Themen anzusprechen.

Der Debatte um die rechtliche Lage von Schwangerschaftsabbrüchen würde es gut tun, wenn sie gesamtgesellschaftlich geführt wird. Denn den ganzen Abend lang gab es keine Gegenmeinungen oder Diskussionen – alle Anwesenden stimmten den Aussagen der anderen zu. Veranstaltungen an einem Ort wie dem Kofra zu halten, spricht vermutlich Personen an, die bereits auf das Thema sensibilisiert sind. Der einzige Mann, der gekommen ist, wurde schon am Eingang wieder weggeschickt. Anita Heiliger erklärt, dass sie Männer nicht aus der Debatte ausschließen wollen. Aber ins Kofra dürfen per se keine Männer.

Während Hänel noch Fragen beantwortet, packt sie ihren Laptop und ihre Unterlagen schon in ihren Rucksack. Sie fragt das Publikum, ob es noch letzte Anmerkungen gebe. Der Diskussionsabend war lang, Hänel wirkt müde. Als sich niemand aus dem Publikum mehr meldet, leert sich der Raum schnell.

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