Ein Mensch namens Lionel Rauxel und ein zweiter Mensch namens Böhmermann: Mögen sie sich oder hassen sie sich?

Ein Mensch namens Lionel Rauxel und ein zweiter Mensch namens Böhmermann: Mögen sie sich oder hassen sie sich?

Foto: Screenshot Youtube / KONSUM UND DRANG

Erste Reaktion: Scham. Und Mitleid. Dann sofort: Zweifel. Wenn man das Video sieht, in dem ein Wiener Videoblogger Jan Böhmermann den Hof mit Hass-Kommentaren vollsprüht und die beiden sich darüber ausführlich streiten, fragt man sich sofort: Kann das echt sein? Der Reflex ist immer der gleiche: Böhmermann! Fake?

Der Mensch im Video nennt sich „Lionel Rauxel“ und tauchte zuletzt zweimal, ganz kurz und scheinbar sinnlos, in Böhmermanns Sendung Neo Magazin Royale auf. Böhmermann hatte vorher ein bisschen Streit mit ihm auf Twitter. Jetzt also schlug Rauxel zurück. Er sprühte angebliche Hass-Kommentare, die ihm die Böhmermann-Fangemeinde zuletzt unter seine Videos gepostet hatte, auf den Hof der Produktionsfirma btf (vgl. Shahak Shapira gegen Twitter 2017). Klingt alles irre genug, um wahr zu sein. Oder eben nicht. Was denkst du? Na?

Es geht wieder los: Wie hysterische Kinder in der Show „1, 2 oder 3“ springen wir auf ein leuchtendes Antwort-Feld. Es gibt allerdings nur zwei: Fake oder echt. Jeder entscheidet nach Bauchgefühl. Argumente? Sind, wenn man ehrlich ist, fast nutzlos. Denn jedes Argument für oder wider kann einfach umgedreht werden. 

Die einzige Konstante: unsere selektive Wahrnehmung aka „Confirmation Bias“, nach der wir alles, was wir sehen, sortieren. Die einen meinen, dass alles gestellt ist: dass der Videoblog-Typ unfassbar peinlich ist, Böhmermann persönlich rauskommt, dass er fast handgreiflich wird – klare Indizien für Fake. Die anderen meinen, dass alles echt ist: Böhmenmanns Ärger (vielleicht auch schlechtes Gewissen) verstehen sie und glauben außerdem nicht, dass er nach vergangenen Fake-Großtaten so leicht durchschaubare Ware abliefern würde. Damit ist endgültig jede Argumentation überflüssig: Wie bei einer Verschwörungstheorie kann ein Hinweis Möglichkeit A belegen, oder weil er nach Möglichkeit A aussieht, genau dafür gestreut worden sein und damit Möglichkeit B belegen.

Man könnte natürlich jetzt versuchen, den Videoblogger mit dem Künstlernamen „Lionel Rauxel“ anzurufen. Seine Identität zu überprüfen. Alle seine Videos anzuschauen, Hinweise zu finden auf das eine oder andere. Völlig nutzlos. Böhmermann hat einen falschen Kandidaten bei „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust. Er kann locker einen seltsamen Videoblogger fälschen, der ans Telefon geht und Mumpitz erzählt. 

Am Ende ist es immer dankbarer, sich für „Fake“ zu entscheiden

Was tun? Am Ende ist es immer dankbarer, sich für „Fake“ zu entscheiden. Die schlimmste Variante ist nämlich: eine falsch-positive Meinung. „Es ist echt“ zu sagen und dann widerlegt zu werden. Wie dumm man war, nach Varoufake diesem Mann auch nur noch eine Sekunde zu trauen! „Falsch-negativ“ ist verschmerzbarer. „Fake“ rufen und am Ende erstaunt sein, dass die Wirklichkeit manchmal seltsamer ist als die Fiktion. Damit macht man sich deutlich weniger zum Otto.

So sind wir Menschen programmiert: Lieber einmal mehr wegrennen als einmal zu wenig. Diejenigen unserer Art, die darauf vertrauten, dass schon alles koscher sei, als der Tiger sich im Gebüsch getarnt anschlich, waren kurz darauf tot und konnten sich nicht fortpflanzen. Die schreckhaften Pessimisten, die überall Lug und Betrug witterten, haben eher überlebt. Und uns gezeugt. Gegen Jahrmillionen Evolution anzukommen ist schwer.

Heute Abend um 20:15 Uhr geht die neue Folge Neo Magazin Royale online. Vielleicht gibt es dort eine Auflösung. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist der Sinn der Aktion, falls sie inszeniert ist: Die eigenen Fans vorführen, die seit Wochen einen unbekannten Videoblogger dissen. Das wäre halbwegs neu.

Es ist mir aber eigentlich egal. Denn es ist zu spät: Mir ist mittlerweile wahnsinnig langweilig. Diese aufgezwungenen Unsicherheiten führen uns zwar vor Augen, in was für einer Welt wir leben. Dass Information und ihre Codierung in „richtig/falsch“ wichtig sind. Manchmal unmöglich. Nicht zuletzt leben Medien wie wir von der Aufregung drumherum.

Aber kaum hat man das Video gesehen, ist jede Minute bis zu einer Auflösung öde. Weil beide Varianten das Leben hässlicher machen. Weil eine Überraschung, über die man langatmig diskutiert, keine mehr ist. Dafür kann Böhmermann nichts. Es ist sein Beruf, uns zu verunsichern, immer und immer wieder. Und wir können nicht anders, als zu reagieren. Ein Perpetuum mobile des Misstrauens.

Aber jetzt mal im Ernst: Was denkst du? Echt oder Fake?

Mehr aus dem Böhmermann-Universum: