Das beste Leben oder gefährliche Sekte? "Wild Wild Country" rekonstruiert die Zeit der Rajneesh-Anhänger in Oregon in den Achtziger Jahren.

Das beste Leben oder gefährliche Sekte? "Wild Wild Country" rekonstruiert die Zeit der Rajneesh-Anhänger in Oregon in den Achtziger Jahren.

Foto: Netflix

Jemand soll umgebracht werden. Ein paar Frauen haben sich in einem geheimen Raum getroffen, besprechen sich. Wer ist bereit, es zu tun? Schließlich sagt eine junge Australierin: „Ich mach’s.“

Mehr als 40 Jahre später sitzt diese Australierin vor einer Kamera und erzählt einem Filmteam diese Geschichte. Wie sie beinahe zur Mörderin geworden wäre, im Namen eines indischen Gurus. Es fällt ihr noch heute sichtlich schwer, darüber zu sprechen. Und man fragt sich: Diese zierliche Frau mit den sanften Augen soll versucht haben, jemanden zu töten? Wie kann das sein?

Eine neue Netflix-Dokuserie sucht nach Antworten darauf. In sechs Folgen erzählt „Wild Wild Country“ die Geschichte des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh und seiner internationalen Gefolgschaft, den Rajneeshees. Die Gruppe hatte zunächst in der indischen Stadt Pune einen Ashram bewohnt, bevor sie in den Achtzigerjahren in die USA auswanderte. Dazu kauften die Rajneeshees eine Ranch mitsamt riesiger Flächen im Bundesstaat Oregon, mitten im Nirgendwo. Dort bauten sie innerhalb von Monaten eine eigene Stadt auf – inklusive Flughafen, Einkaufszentrum und Abwassersystem. Zeitweise lebten dort bis zu 7000 Menschen. Aus der ganzen Welt reisten sie nach Oregon, um Teil der Hippie-Enklave zu sein

Deren Geschichte ist über die Jahre in Vergessenheit geraten, obwohl sie schockierend und absurd ist. Aber wenn man Menschen, die in den Achtzigern zwischen 20 und 30 Jahre alt waren, darauf anspricht, wissen viele sofort, worum es geht. Vor allem in Deutschland, denn besonders viele von Bhagwans internationalen Anhängern waren Deutsche.

Welten prallen aufeinander: auf der einen Seite konservative Bauern, auf der andere Seite die Rajneeshees, die sich zur freien Liebe bekennen

Aber „Wild Wild Country“ ist nicht nur wegen der faszinierenden Geschichte so sehenswert, sondern auch, weil die Doku es schafft, nicht Partei zu ergreifen. „Gut“ und „böse“ sind hier nicht eindeutig verteilt und als Zuschauer ist man die ganze Zeit über hin- und hergerissen und damit beschäftigt, herauszufinden, wer recht hat und wer nicht. Auf wessen Seite steht man? 

Die jeweils etwa einstündigen Folgen der Serie zeigen das Leben in der Kommune, die krassen Meditationstechniken, Gepflogenheiten und Rituale. Vor allem aber drehen sie sich um eine Person: Ma Anand Sheela, damals Anfang 30, ist zunächst Bhagwans Assistentin. Aber im Laufe der Zeit wird sie zur zentralen Machtfigur der Gruppe.

Die Hippies, erkennbar an der einheitlichen, rot-orangenen Kleidung, werden in Oregon mit Misstrauen begrüßt. Welten prallen aufeinander: auf der einen Seite konservative, christliche Bauern und Hausfrauen, die die Ruhe und Gewohnheit schätzen. Auf der andere Seite die Rajneeshees, die sich zur freien Liebe bekennen und sich zu Gruppenmeditationen treffen, die häufig in Sex-Orgien ausarten.

Der an die Ranch angrenzende Ort Antelope, der damals etwa 40 Einwohner zählte, wird zum Mittelpunkt des Konflikts zwischen internationalen Freigeistern und konservativen Kleinstädtern. Es dauert nicht lange, bis die Bewohner von Antelope versuchen, die Hippie-Gruppe aus ihrer Heimat zu vertreiben. Zu laut, zu auffällig, zu „anders“ seien die Rajneeshees. Ma Anand Sheela reagiert darauf, sagen wir mal, recht sensibel: Unter ihrer Anleitung übernehmen die Rajneeshees zuerst den Gemeinderat, was geht, weil sie deutlich in der Überzahl sind. Dann ändern sie den Ortsnamen von Antelope in „Rajneeshpuram“ und übermalen Straßennamen. Sie kaufen halbautomatische Waffen zur „Verteidigung“ und trainieren, zu schießen (zur Erinnerung: Das sind eigentlich friedliebende Hippies, die plötzlich mit Kriegswaffen auf Attrappen zielen). Und schließlich versucht Sheela sich auch noch an Bio-Terrorismus – durch diese Aktion werden hunderte Menschen krank. Auch vor Mordversuchen und heimlicher Überwachung schreckt die umtriebige Anführerin nicht zurück. Und das sind nur die groben Eckpunkte.

Als Zuschauer fragt man sich: Was sagt meine unterbewusste Entscheidung für eine der beiden Seite über mich aus?

Trotzdem: Man kann die Rajneeshees nicht hassen. Ihre Ideale, die immer wieder betont werden, sind einfach zu gut: die Gemeinschaft, das Streben nach einem Leben, ohne die Natur zu zerstören, danach, unabhängig und frei zu sein. Das Leuchten in den Gesichtern der Zeitzeugen, die in der Doku von ihrem Leben in der Bewegung berichten, ist ehrlich und einnehmend – diese Menschen haben wirklich an die Idee geglaubt. Gleichzeitig versteht man aber auch die Bewohner von Antelope (die in der Serie ebenfalls durch Zeitzeugen vertreten sind), die Angst haben, dass sich durch die plötzlich auftauchende Gruppe ihr Leben radikal verändern wird, und das verhindern wollen.

Besonders sympathisch (und das ist vielleicht die einzige Sache, bei der sich alle einige sind) ist dabei der rundliche John Silvertooth: ein vergnügter älterer Mann, der zur Zeit der Rajneeshees Bürgermeister von Antelope war. Wenn er von der Hilflosigkeit der Ortsbewohner erzählt, kann man sich gut vorstellen, wie überrumpelt und ratlos sie ob der ungewohnten neuen Nachbarn gewesen sein müssen. Diese Menschen waren zuvor noch nie mit etwas Unbekanntem konfrontiert und darum heillos überfordert.

Zum Verständnis für beide Seiten gesellt sich aber auch ein ambivalentes Unverständnis: Auf keinen Fall will man sich auf die Seite der Bewohner von Antelope stellen. So engstirnig! So intolerant! So kleinbürgerlich! Gleichzeitig: Die Rajneeshees wollen einfach allen Menschen den eigenen Lebensstil aufzwingen. Alle, die dabei nicht mitmachen, haben nur die Wahl, das Weite zu suchen. Und obwohl die Ideale der Gruppe gute sind, behelfen sie sich zweifelhafter Mittel, um sie zu verbreiten und durchzusetzen. So stellt „Wild Wild Country“ den Zuschauer vor ein Dilemma. Was ist schlimmer: Fremdenfeindlichkeit oder religiöser Imperialismus? Und was sagt meine unterbewusste Entscheidung für eine Seite über mich aus?

Genau deshalb ist diese Serie so gut: Weil sie nicht nur eine spannende Geschichte erzählt (so spannend, dass man die sechs Episoden ohne Probleme an einem Stück durchschauen kann). Sondern den Zuschauer auch sich selbst hinterfragen lässt: Wie hätte ich als Einwohner von Antelope reagiert, wenn in meiner Heimat auf einmal eine riesige Hippie-Sekte aufgetaucht wäre? Und wenn ich damals jung und umtriebig gewesen wäre, hätte ich mich dann von der Bewegung der Rajneeshees mitreißen lassen? Am Ende lässt einen „Wild Wild Country“ gleichzeitig klüger und auf eine gute Art ratlos zurück. 

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