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„Ich will wissen, was die Menschen auf der Straße wirklich brauchen“

Darum fahren Elias und Frederyck den Winter über mit Lastenrädern durch Berlin und verteilen Schlafsäcke und Kleidung an Obdachlose.
Interview von Charlotte Bastam
  • lastenfahrrad cover wibke reckzeh
    Foto: VCD / Wibke Reckzeh

Draußen ist es eiskalt, man will gar nicht erst rausgehen. Dass manche Menschen bei dieser Kälte auf der Straße leben und teils sogar vom Kältetod bedroht sind, vergisst man da schnell mal. Dabei sind es viele, die in Deutschland Tag und Nacht draußen verbringen müssen. Offizielle Statistiken gibt es nicht, aber die  BAG Wohnungslosenhilfe hat im November 2017 ihre Zahlen für 2016 vorgelegt – und ging dabei von 860.000 wohnungslosen Menschen aus. Bis Ende 2018 erwartet sie einen Anstieg auf 1,2 Millionen.

Die beiden Berliner Studenten Elias Dege, 21, und Frederyck Bieseke, 25, wollen etwas gegen diesen Missstand tun, indem sie den Winter über mit ihren Lastenrädern durch Berlin fahren und Schlafsäcke und Kleidung an Obdachlose verteilen. Seit dem 15. Dezember sind sind sie nun mit ihrem Projekt „Warmgefahren“ in Berlin unterwegs.

jetzt: Wäre ein anderes Fortbewegungs- und Transportmittel nicht praktischer als ein Fahrrad? Und wärmer?

Elias: Die Kälte war uns von Anfang an ziemlich egal. Auf diese Weise sind wir genau so auf der Straße wie die Menschen, zu denen wir fahren. Wenn wir nicht erst aus unserem Auto oder Bus aussteigen müssen, sondern gleich präsent sind, haben wir einen viel persönlicheren Zugang zu ihnen.

Und wie reagieren die Menschen dann auf euch?

Die Reaktionen sind sehr positiv. Viele trauen sich am Anfang nicht, sich an den Sachen zu bedienen, obwohl ich immer jedem sage: „Hey, du darfst dir wirklich alles nehmen aus der Kiste.“ Dann bekommen sie noch einen Tee und können sich ihre Hände und ihren Bauch aufwärmen. Vielen ist die Freude darüber immer deutlich anzusehen.

Aber es gibt doch auch Obdachlosenunterkünfte, in denen die Leute einen warmen Schlafplatz bekommen. Wieso nehmen so viele dieses Angebot nicht wahr?

Ich habe von vielen gehört, dass sie diese Einrichtungen bewusst nicht aufsuchen. Das hat unterschiedliche Gründe: Zum einen gibt es dort immer sehr strenge Regeln, an die sich nicht alle halten wollen. Andere sagen, dort werde viel geklaut. Viele wissen auch nichts von den Angeboten.

Woher bekommt ihr die Sachen, die ihr verteilt?

Das meiste organisieren wir selbst über private Spenden. Zuerst haben wir viel intern über Freunde und Familie gesammelt, dann haben wir auf unserer Website und über Facebook einen Aufruf gestartet. Die Schlafsäcke haben wir von der Berliner Obdachlosenhilfe, die zusammen mit dem Verein FLickeN in Kreuzberg und dem ökologische Verkehrsclub Deutschland zu unseren größten Unterstützern gehört.

Unterwegs seid ihr aber nur zu zweit.

Die Idee ist eigentlich, dass jeder mitmachen kann. Das ist für nächstes Jahr geplant. Momentan läuft das Projekt erst einmal an.

Wie oft seid ihr denn unterwegs?

Wir brechen zwei bis drei Mal die Woche zwischen 13 und 16 Uhr auf und fahren verschiedene Berliner Bezirke ab. Wir versuchen, alle Brennpunkte regelmäßig aufzusuchen. Man kann die Leute natürlich auch öfters besuchen, dann freuen sie sich besonders. Es geht ja auch darum, mit ihnen zu reden und zu zeigen, dass sich jemand für sie interessiert.

Ist das manchmal auch belastend?

Es ist vor allem traurig zu sehen wie viele Menschen tatsächlich auf der Straße leben und wie heruntergekommen manche dadurch sind. Viele haben Hautkrankheiten oder andere gesundheitliche Probleme. Aber die Erfahrung ist wichtig und die Aktion an sich macht sehr viel Spaß.

Welche Erwartungen hast du noch an das Projekt?

Ich habe so ein kleines persönliches Forschungsprojekt: Ich tausche mich mit den Menschen aus, weil ich erfahren möchte wie man ihnen über das Projekt hinaus noch besser helfen kann. Ich will wissen, was sie wirklich brauchen, und wie sie vielleicht auf längere Sicht wieder von der Straße wegkommen.

Und was passiert, wenn der Winter vorbei ist?

Wir wollen nicht nur in dieser winterlichen Notlage helfen, sondern das Projekt den Rest des Jahres fortführen. Im Sommer gibt es zum Beispiel andere Probleme. Dann ist es zu heiß und die Leute brauchen Wasser. Man kann also immer etwas machen.

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