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Illustration: Janina Schmidt

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie „Hilfe, Menschen!“ berichten wir ab sofort von unseren Sozialphobien. Heute: gefangen zwischen „tschüß“ und „tschüß“.

Über das Honorar für diesen Text wurde nicht verhandelt. Das soll nicht bedeuten, dass es keinen Spielraum gegeben hätte. Ich habe einfach nicht gefragt. Wenn ein Verhandlungsspielraum offen steht, schließe ich beschämt die Tür und freue mich über die Ruhe. Ich hoffe, die netten Menschen bei jetzt, die ich nie kennengelernt oder gesprochen habe, da ich persönliche Treffen meide und auch ans Telefon nicht gehe (was aber in eine andere Folge dieser Serie gehörte), kaufen von dem Geld, das sie an mir gespart haben, irgendetwas Sinnvolles. Bier zum Beispiel, oder Heftklammern. Ob ich nicht über soziophobische Erfahrungen schreiben könne, ließen sie anfragen, und ich schlug vor, den Prozess des Verhandelns zu sezieren, und das fanden sie gut und mailten einen Preisvorschlag, und ich mailte zurück: Ähm, also, okay. 

Ich kann nicht verhandeln. Ich will nicht verhandeln. Und deshalb sollte ich auch nicht verhandeln. Ich bin ein Risiko für meine Liquidität, meine Steuerberaterin und meine Freundin sagen mir das immer wieder. Der Handel, bei dem ich nicht verhandeln muss, ist mir am liebsten, was bedeutet, dass ich immer den erstgenannten oder den Festpreis zahle. Ich gebe den Händlern gerne, was sie verlangen, will dann aber auch, dass sie es annehmen. Mehr verlange ich nicht. Wenn der Händler besonders wortkarg war und an mir genauso wenig interessiert wie ich an ihm, lege ich auch noch ein Trinkgeld obenauf. 

Aber der dem Menschen offenbar anerzogene Zwangsreflex des Feilschens macht aus einem eigentlich guten Deal für beide eine Folter für mich. Typen, die einen Preis sofort als Unumstößlichkeit akzeptieren, sind verdächtig. Sie werden beäugt wie psychisch Kranke. Auf dem Flohmarkt, im Honorarkampf, erst recht im Touristenausland, in Spanien oder Marokko, wo auch das etikettierte und eingeschweißte Tiefkühlhack an der Kasse nachträglich verhandelt werden darf. Und die schelen Blicke, ich sehe sie doch. Und das Getuschel, ich höre es. Was ist denn mit dem? Wieso feilscht der nicht? Dass er sich nicht schämt!

Dabei schäme ich mich doch! Mehr als ihr ahnt, ihr Menschen, wobei das schon wieder klingt, als wollte ich verhandeln, wie sehr ich mich schäme, und das will ich wirklich nicht. Der Paartanz, der mit dem Feilschen einhergeht, ist mir aufs Tiefste unangenehm und vulgo sozial unmöglich. Diese ungelenke Choreografie, die da durchexerziert wird, als würde eine höhere Macht das von Käufer und Verkäufer verlangen, den ersten Tanzstunden Jugendlicher nicht unähnlich, bei denen man ja auch wusste, was man wollte, nämlich einfach nur die schöne Eva züngeln. Aber der Weg dahin war unendlich kompliziert, führte über Grundschritte, Wechsel, Chassees und Rechtsachsendrehungen. Die Farce folgt Traditionslinien, die älter sind als der Deal selbst. Die Inkas liebten das Feilschen, die Sumerer, die Phönizier, die Römer, die Ritter, die Fugger, alle, nur ich nicht.

Neulich, auf einem Flohmarkt, zu dem ich genötigt wurde, fand ich Hemingways Tod am Nachmittag. Ich fragte leise, was das kosten solle. Wie eine Kobra, der ein Kaninchen vor das Maul gelaufen war, schnellte der Verkäufer aus seinem selbstgefärbten Seidenschal und fangfragte zurück: „Was willst du denn zahlen?“ Damit saß ich in der Falle. Präventiv fing ich zu schwitzen an. „Weiß nicht“, hörte ich mich murmeln. Das ärgerte den Schal, er rief drei Euro auf, um mich zu strafen. „Drei Euro sind doch gut“, nuschelte ich, mühsam meinen Fluchtreflex unterdrückend. Ich wühlte nach Münzen. Der Schal fragte: „Bist du Hemingway-Fan?“ Er drang vor. Klopfte an die Tür zu meinem Innersten.

Wo es keinen Verhandlungsspielraum gibt, gibt es auch keine Erwartungen und Hoffnungen

Hilfesuchend sah ich mich nach meiner Freundin um, die aber nirgendwo zu sehen war, vermutlich handelte sie gerade eine Chanel-Tasche von hundert auf zehn Euro. „Ich habe nur drei Euro“, hörte ich mich sagen, was natürlich dumm klang, denn wer drei Euro hat, hat auch zwei Euro oder einen. Was wollte der Schal von mir? Wollte er mehr oder weniger oder das Buch behalten? Mir schien mittlerweile alles möglich. Zweifuffzig, brummte er kopfschüttelnd. Danach habe ich mir geschworen: Auf Flohmärkte gehe ich nicht mehr. Der soziale Aufwand, der einem abverlangt wird, steht in keinem Verhältnis zur Ersparnis.

Im Monty-Python-Film Das Leben des Brian (1979) ist Brian auf der Flucht vor seinen Jüngern, auf dem Basar will er einen Bart zur Tarnung erstehen. Folgender Dialog entspinnt sich:


– Wieviel? Schnell!

– Was?


– Es ist für meine Frau.


– Oh. 20 Schekel.


– Fein.


– Was?


– Da, bitte sehr.


– Moment mal.


– Was?


– Ja, wir müssen erst feilschen.


– Nein, nein, nein. Ich muss schnell...


– Was meinen Sie mit: nein, nein, nein?


– Ich hab keine Zeit für...


– Dann geben Sie ihn zurück.


– Nein, nein. Ich habe ihn bezahlt.


– Hören Sie. Ich will 20 dafür.


– Sie haben sie gekriegt.


– Wollen Sie etwa behaupten, er wäre nicht zwanzig Schekel wert?


– Nein.


– Sehen Sie sich das an. Fühlen sie Qualität. Das sind keine Ziegenhaare.


– Gut. Dann gebe ich Ihnen 19 dafür.


– Nein, nein, nein. Kommen Sie. So macht das keinen Spaß.


– Was?


– Feilschen Sie wie ein vernünftiger Mensch. Ist doch keine 19 wert.


– Sie sagten gerade, er wäre 20 wert.


– Oh meine Güte. Los, kommen Sie, feilschen Sie!


– Na schön. Ich gebe ihnen zehn.


– Schon besser so. Zehn? Sie wollen mich wohl beleidigen, Mann! 

So setzt sich das noch lange fort. Der Zwang zum Feilschen, auf dem Markt besonders ausgeprägt, er bringt Brian in Lebensgefahr. Fast erwischt ihn der Mob (was dann später aber trotzdem passiert). Ich fühle mit Brian. Und zugleich treibt mich die Angst, wie er zu enden. Das Handeln bringt ihn ans Kreuz. Es ist ein Kreuz mit dem Handeln.

Ich bin deshalb ein Fan des Festpreises, wie er für Tabakwaren und Ärzteleistungen verpflichtend ist. Wo es keinen Verhandlungsspielraum gibt, gibt es keine Gefahr und auch keinen Smalltalk, keine Erwartungen und keine Hoffnungen. Jeder weiß, woran er ist. Man konsumiert, zahlt und gut ist. Schlecht ist, wenn sich der Verkäufer in deine Privatsphäre schleicht, persönlich wird, duzt, vielleicht sogar kumpelhaft umarmt. Wir Soziophobiker mögen das nicht. Lieber einen falschen Preis zahlen als falsche Nähe zulassen. 

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