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Dieses Publikum erwartet dich bei einer Open Stage

Open Stages sind super für angehende Künstler, die sich ausprobieren wollen. Aber wer zur Hölle sitzt da freiwillig im Publikum?
Von Mercedes Lauenstein
  • typologie open stage sde
    Illustration: Daniela Rudolf

Open Stages sind eine gute Idee. Jeder darf sich und seine Kunst öffentlich austesten und anschließend darüber nachgrübeln, was die Reaktion des Publikums für seine Zukunft bedeuten mag. Bleibt nur ein großes Rätsel bestehen: Wer sitzt da freiwillig im Publikum?

Wer riskiert einen Abend voller Langeweile und Fremdscham, wo er doch auch gezielt zu Lesungen und Veranstaltungen von Künstlern gehen könnte, die ihre Open Stage-Phase schon hinter sich haben?

Wir wissen es. Die folgenden vier Typen sind es, die du in jedem Open-Stage-Publikum findest. 

1. Der Sadist

  • text typologie open stage sadist
    Illustration: Daniela Rudolf

Warum ist er hier?

Um zu genießen, wie andere sich blamieren.

Was macht er in seiner Freizeit sonst so?

Ironisch Frauentausch und Bauer sucht Frau bingewatchen. Feierlich Neo Magazin Royale gucken (genial, wie Böhmermann sie alle kaputt macht!), immer sonntags die BamS aus dem Zeitungskasten klauen und eine ironische Collage für die WG draus basteln.

Diesen Satz sagt er mehrmals auf jeder Veranstaltung zu seiner Begleitung:

„Haha, was’n Tyyyyyp, Alter! Sechs setzen!“

Dahin geht er nach der Veranstaltung:

Tindern, dann Raven.

2. Der selbsternannte Scout

  • text typologie open stage scout
    Illustration: Daniela Rudolf

Warum ist er hier? 

Um später mal sagen zu können: „Ach ja, die Geraldine von Zahl. ICH kannte die schon, da war die noch ein ganz kleines Licht!“

Was macht er in seiner Freizeit sonst so? 

Backpacken auf „unbetretenen Pfaden“, Couchsurfing bei den Locals, abends den Konzertplaner fürs nächste Jahr checken und ausrufen: „Ha, Beatsteaks 2018 auf der Waldbühne schon komplett ausverkauft. Ich hab die ja schon 1997 in der Ankerklause gesehen, als sie noch …“

Diesen Satz sagt er mehrmals auf jeder Veranstaltung zu seiner Begleitung: 

„Mmmmmmjoah? Der Mittelteil war gar nicht mal so übel, wenn der da jetzt dran bleibt … ich werde das beobachten!“

Das macht er nach der Veranstaltung: 

Einen aufgeregten Augenbrauen-Zuckanfall kriegen, sich die Weste glatt streichen und rüber an die Bar zu den Autoren scharwenzeln. Dort dann von links außen gönnerische Sätze loslassen wie „Du mit der bestickten Jacke, das war echt nicht übel. Dran bleiben!“. Dann geheimnisvoll zwinkern und schnell abdampfen.  

3.Das Mauerblümchen

  • text typologie open stage mauerblumchen
    Illustration: Daniela Rudolf

Warum ist es hier? 

Um zu sehen, wie die anderen das machen. Es würde auch so gerne mal! Und Material hat es ja genug, die Schubladen sind voller selbstverfasster Witze, Gedichte, Lebensweisheiten. Fehlt nur noch eins: Mut.

 

Was macht es in seiner Freizeit sonst so? 

Lesen, nachdenken, seine Umwelt beobachten, schreiben, hoffen, seufzen.

 

Diesen Satz sagt es mehrmals auf jeder Veranstaltung zu seiner Begleitung: 

„Nächstes Mal trau ich mich glaub’ ich endlich auch mal. Aber hast du gesehen wie die Typen vorne links den einen mit dem Neulich-in-Novi-Sad-Gedicht angeguckt haben? Wenn die mich so angucken, sterbe ich.“

 

Das macht es nach der Veranstaltung: 

Sich Mut antrinken und vorsichtig auf seinen Lieblings-Act des Abends zugehen. Dass es ihm echt gut gefallen habe, und dass es so gern auch mal, aber einfach nicht wisse, wie und ob es okay wäre, mal nach einem Tipp gegen Lampenfieber… und so weiter. Um eine halbe Stunde später mit folgendem Satz zu schließen: „OH GOTT! Wie peinlich. Jetzt hab ich dich total zugelabert mit meinen Komplexen. Ohgotttohgottohgott, morgen wird mir das so peinlich sein. Wenn es mir JETZT schon peinlich ist. Ohgott. Tschuldigung tausendmal! Und ciao. Ich muss ins Bett.“

 

4. Der treue Kumpel

  • text typologie open stage best buddie
    Illustration: Daniela Rudolf

Warum ist er hier? 

Um die beste Freundin auf der Bühne mental zu unterstützen.

 

Was macht er in seiner Freizeit sonst so? 

Vorlesungen besuchen, Musik hören, feiern gehen, Youtube gucken, bisschen Facebook, bisschen Instagram, im Winter snowboarden, viel schlafen.

 

Diesen Satz sagt er mehrmals auf jeder Veranstaltung zu seiner Begleitung: 

„Maaaaaaaaan, wann kommt denn jetzt endlich die Jule dran? Hey, woah da fällt mir ein, ich spiel einfach mal wieder Doodle Jump. Spielt das noch wer? Ich spiel das jetzt! Ah, wie geil ist eigentlich Doodle Jump? Sag mir Bescheid, wenn die Jule drankommt.“

 

Das macht er nach der Veranstaltung: 

Jacke anziehen, Jule in den Arm nehmen, die gerade von der Bühne tritt und sagen: „Hey, war doch voll gut! Gehen wir jetzt noch wo hin? Im Breezy ist heut Gin’o’clock-Nacht. Im Breezy waren wir ja wohl ewig nicht!“

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