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Warum es so schwer fällt, loszulassen

Und wie wir lernen können, das falsche Studium oder die kaputte Beziehung früher zu beenden.
Von Johanna Bouchannafa
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    Collage: Daniela Rudolf / Foto: FemmeCurieuse / photocase

Meine Zeit als Studentin unterlag einem festen, jedes Semester wiederkehrenden Rhythmus: Die Kurse für das neue Semester wurden hochgeladen, alle klangen vielversprechend und so viel aufregender als letztes Mal. Mit der festen Überzeugung, dass dieses Mal wirklich alles besser werden würde, meldete ich mich begeistert an. Das würde mein Neuanfang sein! Ich wollte wirklich Spaß am Studieren haben, denn eigentlich sollte es genau mein Ding sein. Ich liebe es zu lesen, zu diskutieren und zu lernen. Aber spätestens in der zweiten Vorlesungswoche wurde ich von der Realität eingeholt: Mein Studium war grottenlangweilig. Auswendiglernen statt denken, zuhören statt diskutieren. Ich verbrachte die Vorlesungszeit resigniert an meinem Handy. 

Trotzdem habe ich mein Studium durchgezogen. Nachdem auch ein halbherziger Wechsel des Nebenfachs das Studentendasein nicht interessanter für mich machte, beschloss ich einfach, es irgendwie hinter mich zu bringen. Denn aufgeben wollte ich nicht. Nicht nur, weil ich stur war, sondern auch, weil es mir schwerfiel, diesen Plan loszulassen. Den Plan, Studentin zu sein, Spaß am Studium und am Ende einen Abschluss zu haben. Wie eine Schiffbrüchige klammerte ich mich an das von mir selbst gesetzte Ziel. Und damit bin ich nicht alleine.

Ob im Beruf oder im Privatleben – vielen Menschen fällt es schwer, einen Schlussstrich zu ziehen. Unter eine unglückliche Beziehung, einen miesen Job oder den falschen Studiengang. Statt einfach loszulassen, halten wir verbissen an unserem Plan fest. Auch dann, wenn die Situation uns eigentlich nicht mehr guttut oder weiterbringt – und wir das eigentlich auch ganz genau wissen. Aber warum quälen wir uns eigentlich so? Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach loszulassen? Und können wir etwas dagegen tun? Oder ist so ein Klammerverhalten eine Veranlagung, gegen die wir vollkommen machtlos sind? 

Tatsächlich hängt viel von unserer Persönlichkeit ab. Aber auch davon, was für Erfahrungen wir mit Loslassen in unserem Leben bisher gesammelt haben. Annette Boeger ist Psychologieprofessorin an der Uni Duisburg-Essen und erklärt: „Das Loslassen oder Klammern ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die durch entsprechende Umweltbedingungen und dadurch, wie wir aufwachsen, weiter verstärkt oder abgeschwächt werden kann.“ 

Bis zu meinem Studium  ist es noch nie vorgekommen, dass mir Lernen keinen Spaß gemacht hat. Mein Abi habe ich gut und ohne stundenlanges Pauken bestanden. Vorher sogar eine Klasse übersprungen. Auf die Idee, dass Studieren langweilig oder nicht das Richtige für mich sein könnte, bin ich einfach nie gekommen, weil in Sachen Bildung bei mir bis dahin alles glatt gelaufen war. Ich hatte bisher einfach noch nie einen Plan loslassen müssen. Also absolut keine Erfahrungen damit. 

Wenn spannende Alternativen auf uns warten, fällt uns ein Schlussstrich viel leichter

Hinzu kommt, dass Loslassen auch immer ein Schritt ins Ungewisse ist. Wir müssen uns neu orientieren und mitunter die gesamte Lebensplanung umgestalten. Das ist auch immer ein Sprung ins kalte Wasser. Eine Situation zu beenden, ohne einen Plan B in petto zu haben, fällt doppelt schwer. „Ganz wichtig für das Loslassen ist, dass man eine Alternative hat, auf die man sich freut. Etwas Neues, das einen begeistert. Am schwersten ist das Loslassen ohne Neuanfang“, erklärt Klaus Rothermund, Professor für Psychologie an der Uni Jena. 

Warten aber spannende oder gar bessere Alternativen auf uns, fällt uns ein Schlussstrich direkt viel leichter. Ein klassisches Beispiel: Die Person, die sich erst dann von ihrem aktuellen Partner trennt, wenn ein neuer schon in Aussicht ist. Erst die neue Liebe ermöglicht es, sich aus der aktuellen Beziehung zu lösen – auch wenn diese schon lange kaputt war. 

Aber nicht nur die möglichen Alternativen sind entscheidend, sondern auch, wie wichtig uns eine Angelegenheit ist. Denn auch, wenn wir sonst vielleicht kein Problem damit haben, etwas hinter uns zu lassen, kann das bei einer Herzensangelegenheit ganz anders aussehen. Loslassen oder Festhalten hängt immer mit unserer persönlichen Einstellung zu dem Thema zusammen. Mir war es vor allem wichtig, mein Studium abzuschließen, um dann in den Job arbeiten zu können, den ich mir wünschte. Das Studium wurde schlicht Mittel zum Zweck, weil meine berufliche Zukunft eine persönliche Herzensangelegenheit für mich war. 

Wenn es mir in einem Lebensbereich schwer fällt loszulassen, muss das aber nicht bedeuten, dass es mir immer so geht. Denn auch, wenn ich mein Studium unbedingt durchziehen wollte und an diesem Plan festhielt, hatte ich nie ein Problem damit, umzuziehen, den Job zu wechseln oder den Kontakt zu Personen, die mir nicht guttun, zu beenden. In all diesen Bereichen ziehe ich im Gegenteil sogar ganz schön schnell die Reißleine. 

Nur weil ich mir wünsche, dass mir eine Sache nicht mehr wichtig ist, wird sie nicht unwichtig

Annette Boeger erklärt, dass das ganz normal ist: „Nicht loslassen können kann ein durchgehendes Merkmal sein. Häufiger ist es aber so, dass sich Verhaltensweisen je nach Lebensbereich und Situation zeigen. Jemand trennt sich zum Beispiel sehr schnell aus Liebesbeziehungen wegen übergroßer Kränkbarkeit, schwachem Selbstwert oder aus geringem Urvertrauen in andere. Im Bereich Besitz ist er aber ein Messie, sammelt alles und kann nichts loslassen.“ 

Doch was, wenn ich weiß, dass es mir in einem oder mehreren Bereichen schwerfällt, loszulassen? Was kann ich dagegen tun, wenn ich mich viel zu sehr an Situationen, Personen und Dinge klammere, die mir gar nicht mehr guttun? Wie schaffe ich es, eine Beziehung zu beenden, bevor ein neuer Partner in Aussicht ist, und einen blöden Job zu schmeißen, ohne zu wissen, ob der nächste wirklich besser wird? Wie funktioniert „Loslassen für Anfänger“?

Klaus Rothermund rät, die Situation von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. „Nicht Loslassen können bedeutet ja oft, in einer Sicht gefangen zu sein und zu glauben, dass eine bestimmte Sache oder Person allein glücklich macht. Macht sie de facto aber nicht. Fast nie. Das heißt nicht, dass alles egal ist, aber man kann lernen, Dinge differenziert zu sehen.“ 

Das hört sich allerdings leichter an, als es ist, und erfordert jede Menge Geduld und Ehrlichkeit mit sich selbst. Loslassen funktioniert nicht auf Knopfdruck, so Rothermund. „Man kann nicht auf Befehl loslassen. Nur weil ich mir wünsche, dass mir eine Sache nicht mehr wichtig ist, wird sie nicht unwichtig. Erst wenn sich die Sichtweise wirklich verändert hat, dann kann man loslassen.“ 

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