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Wie streitet man mit Freunden?

Und warum vermeiden wir das so gerne?
Aus der jetzt-Redaktion*
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    Foto: Saimen. /photocase.de

Ich habe einer guten Freundin vor einigen Monaten etwas sehr Privates anvertraut und ihr das Versprechen abgenommen, dass sie es nicht weitergibt. Einige Wochen später wurde ich von verschiedenen anderen Leuten aus dem Freundeskreis angesprochen, die es offensichtlich von ihr erzählt bekommen haben. 

Leider war das nicht alles: Kurze Zeit später fragte mich ein Freund, ob es stimme, dass ich etwas getan hätte, das eben diese Freundin sehr verletzt habe. Ich ließ mir den Vorfall schildern und merkte: Was sie erzählt hatte, war nicht wahr. Sie hatte Lügen über mich verbreitet.

Inzwischen bin ich natürlich auf hundertachtzig. Versprechen brechen und dann noch Lügen erzählen – das sind Sachen, bei denen ich mich frage, ob ich mit ihr überhaupt noch befreundet sein möchte. Dazu kommt, dass sie schon seit einer Weile ein seltsames Verhalten an den Tag legt. Aus der ruhigen, einfühlsamen Freundin ist ein Feierbiest geworden und sie erkundigt sich kaum noch nach ihren Freunden. Das hatte ich bisher kommentarlos ausgehalten, weil ich dachte: „Das geht schon wieder vorbei.“

Schon das war ein Fehler, meint Prof. Dr. Peter Henningsen, Leiter der Psychosomatischen Klinik am Klinikum Rechts der Isar in München.

Er sagt, dass es nicht gut ist, dass inzwischen so viel zusammengekommen ist, über das ich mich ärgere. Man sollte Probleme ansprechen, solange sie noch klein sind, weil man sie dann noch leichter aus der Welt schaffen könne. „Bei Kleinigkeiten hat man seine eigenen Emotionen noch besser im Griff und es ist leichter, den anderen auf das anzusprechen, was einen stört“, sagt Henningsen. „Umso mehr sich aufstaut, desto mehr wächst die Wut und es besteht die Gefahr, dass man ‚explodiert’, wenn es zum Gespräch kommt.“ 

Ich frage mich aber, ob ich das alles überhaupt ansprechen möchte. Denn eigentlich hätte ich Lust, die ganze Freundschaft für abgehakt zu erklären und mich damit nicht mehr weiter zu beschäftigen. Der kleine Teufel auf meiner Schulter sagt sogar: „Einmal zusammenstauchen, umdrehen und gehen!“ Klingt verlockend.

„Ganz ‚frische’ Emotionen sind immer gefährlich“, sagte der Psychologe

Aber: Aus dem Impuls und der Wut heraus zu handeln, das geht selten gut, sagt der Direktor der Psychosomatischen Klinik: „Ganz ‚frische’ Emotionen sind immer gefährlich, weil man sich da selbst nicht gut im Griff hat. Da ist es besser, erstmal etwas zu warten. Denn je mehr Zeit vergeht, desto rationaler kann man wieder an das Problem herangehen und sich in Ruhe überlegen, wie man am besten reagiert. Gerade in unserem digitalen Zeitalter gibt es die große Gefahr, dass man, wenn man zum Beispiel eine Nachricht per Whatsapp bekommt, schnell aus dem Affekt etwas Aufgeladenes zurückschreibt. Das lässt die Situation eskalieren.“

Der Gedanke mit dem Zusammenstauchen hält auch bei mir nur so lange an, bis der Engel auf der anderen Schulter sagt: „Aber ihr wart doch lange gut befreundet, willst du nicht wenigstens mal mit ihr drüber reden und fragen, was denn da eigentlich los ist?“ Es passiert also genau das, was Professor Henningsen mir beschrieben hat: Ich fange nach dem ersten Wutanfall an, vernünftiger zu denken.

Trotzdem: Was ist denn jetzt die bessere Lösung? „Man muss sich darüber im Klaren werden: Was will ich in Zukunft überhaupt von dieser Person?“, sagt Henningsen. Hat man die Freundschaft sowieso schon für sich selbst aufgegeben, dann mache es auch keinen Sinn, sich noch zu einem Gespräch zu zwingen. „Will man aber mit der Person befreundet sein oder zumindest mit ihr klarkommen, dann sollte man sich vorher überlegen, was man ansprechen möchte.“ Die Gründe für ein Gespräch müssen auch nicht unbedingt etwas mit Emotionen zu tun haben, meint der Mediziner. Sie können auch strategisch sein: Zum Beispiel, dass man einen gemeinsamen Freundeskreis hat und es für alle Beteiligten einfacher ist, wenn man sich verträgt. 

Objektiv betrachtet weiß ich, dass ich mit meiner Freundin reden sollte – aber ich weiß auch, dass das nicht unbedingt heißt, dass wir uns vertragen werden, weil sie vielleicht eine ganz andere Sichtweise hat. Außerdem kommt dann natürlich direkt das Teufelchen wieder und sagt: „Also wirklich, du hast es doch gar nicht nötig, klein beizugeben. Die muss zu dir kommen!“ 

Jetzt drehen wir das ganze Mal um und versuchen, es aus der Perspektive meiner Freundin zu sehen. Sie hat etwas Vertrauliches weitergegeben und sie weiß vermutlich, dass das dumm war – aber sie ist nie zu mir gekommen, um sich dafür zu entschuldigen. Vielleicht denkt sie auch, dass ich überhaupt nichts davon weiß. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das Ganze für sie nicht gut anfühlt. Aber wer geht schon gerne auf jemanden zu und sagt: „Sorry, da hab ich echt richtig Mist über dich erzählt und mein Versprechen gebrochen.“ 

Also lieber den eigenen Stolz beiseitestellen – das sagt auch Peter Henningsen, denn: „Prinzipiell zeugt es von Souveränität, auf Menschen zugehen zu können und es noch einmal zu probieren. Es ist immer besser, wenn man zumindest versucht, über eine Problematik zu sprechen.“

Bei Freunden behält man die Wut lieber im Bauch, anstatt sich damit auseinanderzusetzen

Aber warum haben wir überhaupt so ein Problem damit, mit Freunden zu streiten? Bei Freunden behält man die Wut oft lieber im Bauch, anstatt sich damit auseinanderzusetzen, wohingegen man bei der Familie oder beim Partner schneller mal „platzt“. 

„Im Konzept der Freundschaft sind Streitigkeiten erstmal nicht enthalten. Freunde trifft man, weil man eine gute Zeit haben möchte. Außerdem hat man bei ihnen natürlich das Risiko, dass man sie durch einen Konflikt verlieren kann – deswegen überlegt man sich da eher, ob man etwas anspricht, als bei der Familie.“ 

Inzwischen habe ich mich dafür entschieden, mit meiner Freundin zu sprechen. Auch, um dieses ständige Weitererzählen durch andere zu vermeiden und mal von ihr direkt zu hören, was sie zu den einzelnen Themen sagt oder mir vielleicht auch entgegenzusetzen hat. 

Damit das Gespräch gut läuft und man ruhig miteinander reden kann, hat Prof. Henningsen noch einen Tipp für mich: „Senden Sie Ich-Botschaften, damit die andere Person nicht direkt in eine defensive Haltung verfällt.“ Anstatt zu sagen: 'Du hast das und das gemacht', sollte man sagen: 'Ich habe gehört, dass...' " Problematisch würde es natürlich, wenn wir beide finden, dass wir Recht haben und nicht von unseren Standpunkten abrücken wollen. Was dann?   

Wenn meine Freundin alles abstreitet und gar nicht einsieht, dass sie Fehler gemacht hat, dann sei es vollkommen verständlich, wenn ich die Sache abbreche und einen Schlussstrich ziehe, sagt Henningsen. „Sie können andere nicht erziehen und das ist auch nicht Ihre Aufgabe. Solche Situationen sind aber gut, um zu sehen, ob das wirklich Freunde sind, mit denen man sich umgeben möchte.“

Aber auch im positiven Fall sollte ich mich besser auf einen längeren Prozess einstellen. Denn es könnte gut sein, dass einmal ansprechen nicht reicht, um das Problem vollständig aus der Welt zu schaffen.

* Die Autorin des Textes möchte gerne anonym bleiben, damit sie die Chance hat, ganz in Ruhe mit ihrer Freundin zu sprechen.

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