Ach, wär' sie doch schon weg. Oder noch richtig da. Aber das hier...

Ach, wär' sie doch schon weg. Oder noch richtig da. Aber das hier...

Illustration: Daniela Rudolf

Es ist Sonntag, als mein Herz bricht. Sonntag, der inoffizielle Fernbeziehungstag auf deutschen Bahnhöfen. Ich bin auf einer Zugreise mit vielen Unterwegshalten an mittelgroßen Bahnhöfen – und an jedem einzelnen von ihnen bietet sich das immer gleiche, herzzerreißende Bild: Menschen, die am Bahnsteig stehen. Aber nicht etwa die, die sich schmerzlich vom Partner, Freund oder Verwandten verabschieden. Sondern die, die sich gerade verabschiedet haben und nun einsam am Bahnsteig stehen und darauf warten, dass der Zug und der Mensch darin endlich losfährt. Ihr Abschied ist noch nicht komplett vollzogen. Sie befinden sich in einem grausamen Zustand zwischen besucht werden und verlassen sein.

Das Phänomen betrifft flächendeckend jeden Bahnhof, an dem mich meine Reise vorbeiführt. Und das macht mich besonders traurig. Denn was ich sehe, ist ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt der Dramen, die dort jeden Tag passieren.

Nun könnte man sagen, alles halb so wild, das geht schnell vorbei, denn im Vergleich zur Dauer des Besuches oder des Alleinseins ist dieser Moment in der Schwebe wirklich nur sehr, sehr kurz. Aber gerade das macht ihn so grausam. Er zwingt einen für einen kurzen Moment, sich wirklich mit sich selbst, der Person da im Zug und der Beziehung zu ihr auseinanderzusetzen. Es ist ein Moment der inneren Einkehr, in dem unangenehme Fragen das Gehirn fluten: Wie war die gemeinsame Zeit? Hat er oder sie auch so empfunden? Werden wir uns wiedersehen? Es ist ein Zustand, in dem man noch nicht richtig traurig oder richtig glücklich sein kann, denn noch ist die Person irgendwie da. Manchmal zieht sich dieser Moment besonders in die Länge, dann nämlich, wenn sich irgendwas im Zugbetrieb verzögert. Es sind quälende Minuten, in denen der Blick zwischen dem Fenster und der Anzeige hin und her wandert und in denen man das „Typisch Deutsche Bahn“-Gefühl förmlich in den Gesichtern lesen kann.

Es gibt verschiedene Typen, die da auf dem Bahnsteig stehen und warten. Da gibt es zum Beispiel die, die, sobald der Zug ins Rollen kommt, die Hand kurz zum Gruß heben, sich auf dem Hacken umdrehen und gehen. Oder dann gibt es die Performer. Die Performer sind sich für nichts zu schade. Sie winken, werfen Kusshände oder signalisieren mimisch, wie traurig sie über die Abreise der sich im Zug befindlichen Person sind (der Performer ist mit Sicherheit ein großartiger Scharade-Spieler). Wenn die Performer ganz gut drauf sind, laufen sie ein Stück neben dem Zug her – manchmal locker gejoggt, manchmal aber auch in Matrix-Zeitlupe. Das alles würde der Beschämte niemals tun. Der Beschämte ergibt ein Bild von seltener Traurigkeit. Ihm ist das Ganze SUPER unangenehm, denn er ist sich bewusst, dass so ziemlich jeder, der auf der ihm zugewandten Fensterseite des Zuges sitzt, ihn beobachtet. Er traut sich nicht so recht, was zu machen, denn er möchte seine Botschaft nicht an die Gesamtheit der Empfänger senden. Vielleicht kann er sich zu einem kleinen, aus den Händen geformten Herz hinreißen. Die Person im Zug versucht unterdessen klopfend und mit wütender Hartnäckigkeit, eine überschwänglichere Geste aus ihm herauszulocken. Die Person am Bahnsteig lächelt nur gequält und zückt in ihrer Beschämung vielleicht das Handy, um die noch ausstehenden Worte und Zuneigungsbekundungen über Whatsapp zu versenden. Wenn ich das sehe, möchte ich aus dem Zug stürmen, die Person bei der Hand nehmen und ihr sagen: „Alles gut, gleich ist es vorbei! Gleich bist du nicht mehr besucht, sondern allein“.

Man könnte glauben, das bevorstehende Alleinsein sei etwas noch Grausameres, aber das stimmt nicht. Es geht nicht um das Davor und auch nicht um das Danach, denn darüber, welcher der beiden Zustände – besucht werden oder verlassen sein – der wünschenswertere ist, lässt sich nur spekulieren. Womit wir zu der Person im Inneren des Zuges kommen: Mit ihr steht und fällt die Gefühlslage. Vielleicht sind es die Eltern, die zum ersten Mal nach dem Auszug zu Besuch waren. Vielleicht freut sich die Person am Bahnsteig darauf, dass der Zug endlich abfährt, und sehnt dabei die erste Zigarette nach einem enthaltsamen Wochenende herbei. Oder vielleicht ist es der Freund oder die Freundin von früher und die Person am Bahnsteig ist ein kleines bisschen froh, sie erst Weihnachten in der Heimat wiedersehen zu müssen. Oder vielleicht ist es auch der Klassiker: die Fernbeziehung, die zurück in ihre ferne Heimat fährt und die Person ist scheiße traurig.

Um das Traurigsein oder Glücklichsein zu erreichen, müssen sie jedoch alle zunächst durch diese wenigen herzzerreißenden Minuten am Bahnsteig. Minuten voller Unsicherheit, Selbstzweifel und Scham. Die einen nehmen es leichter, die anderen schwerer. Es ist ein bisschen wie ein Berg Haferschleim vor dem Schlaraffenland, nur dass manchmal hinter dem Haferschleim kein Schlaraffenland wartet, sondern noch mehr Haferschleim.

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