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Was mir das Herz bricht: Menschen, die vom Barkeeper ignoriert werden

An der Theke um Aufmerksamkeit betteln zu müssen, ist erniedrigend.
Von Maximilian Weigl
  • herzensbrecher bar cover
    Illustration: Daniela Rudolf

Mein Herz bricht gegen Mitternacht in einem kleinen Club in München. Genauer: An der Theke des Clubs. Der Schweiß tropft von den Wänden, die Getränkenachfrage ist hoch. Der schwarz gekleidete Hipster-Barkeeper kann keine Sekunde verschnaufen.

Ich stehe links der hufeisenförmigen Theke und trinke mit einem Kumpel Bier. Und etwas rechts der Mitte fällt er mir auf: Ziemlich groß, weißes Poloshirt und blonde Kurzhaarfrisur. Er steht da schon eine gefühlte Ewigkeit und will bestellen. Und als er zaghaft den Finger hebt und der Barmann ihn schon wieder ignoriert, macht es *knacks* in meiner Brust.

Wieso bekommen manche ihre Getränke sofort und andere warten dreimal so lange? 

In überfüllten Clubs wird immer jemand radikal vom Service übersehen. Warum mich das traurig macht? Eigentlich will doch jeder von uns den Western-Bestell-Move machen: „Johnny, schieb mal den Whiskey rüber. Aber zackig!“ Und schon saust das Getränk über den Tresen und wird vom Protagonisten lässig mit einer Hand abgefangen. Naja, so wird es nie ablaufen, aber wenigstens halbwegs entspannt will doch jeder seinen Drink bekommen. Denn das Warten an der Bar unterbricht nur das schöne Feiern.

Und deswegen würde ich Menschen, bei denen das Bestellen so gar nicht klappen will, am Liebsten in den Arm nehmen. Auch weil es so ungerecht ist. Wieso bekommen die grölenden Mädels oder der braungebrannte Typ im Tank-Top schnell ihre Getränke und andere warten dreimal so lange?

Klar, als Barkeeper darf man im Trubel auch mal den Überblick verlieren, wer zuerst da war. Ich finde aber, dass einigen Barkeepern die Wartezeit der Gäste scheißegal ist. Sie sind fast wie Türsteher. Nur dass sie eben ihre Theke bewachen. Wer ist cool genug, sein Getränk gechillt zu bekommen? Gefällt ihm deine Nase nicht? Kein schnelles Bier für dich!

Als mein Kumpel auf die Toilette verschwindet, beobachte ich die Szenerie noch genauer. Der Typ im Tank-Top kennt wohl den König der Theke und wird sofort bedient. So läuft das also. Zuerst Freunde und Stammkunden und danach? Ich überlege: Würde ich als Barkeeper danach auch zuerst die flirty Girls und feschen Boys bedienen und ihnen dabei erotisch zuzwinkern?

Naja, ehrlicherweise… Aber das Schicksal des Zwei-Meter-Manns im Polo-Shirt geht mir trotzdem nahe. Und wenn ich ihn mir so ansehe, kann ich leider nicht nur dem Barkeeper die Schuld geben. Ganz offen gesagt, stellt er sich schon auch saudoof an.

Seine Körpersprache schreit geradezu „Bedien mich nicht!“

Wie er sich streberhaft über das Holz lehnt und fordernd mit seinem Geldschein wedelt! Kein Wunder, dass der Barkeeper da genervt ist. Und dann irgendwann setzt er sich auf den Hocker, weil er glaubt, dass das beim Warten cooler kommt als Stehen. So falsch! Barhocker sind für Menschen, die sich zum Trinken (!) hinsetzen. Und immer dieses voreilige Zucken des Arms, wenn der Barkeeper vorbeiläuft. Als würde ihn jemand mit einem Elektroschock in den Bauch pieksen. Dann hat er einen Moment lang das Gefühl, dass es klappt. Man sieht einen Hauch Vorfreude in seinem Gesicht, die freudige Gewissheit, das er jetzt endlich dran kommt, ja der Barkeeper wendet sich schon in seine Richtung, er ist jetzt ganz nah – und dann bedient er den Typen neben dem Riesen. Der fühlt sich ertappt und versucht die Geste zu retten, indem er sich pseudocool durch die Haare fährt. Nichts ist schlimmer als Vorfreude, die so gnadenlos enttäuscht wird. Ach doch: Gnadenlos enttäuschte Vorfreude, die jeder sehen kann: Die zwei Mädels nebenan haben´s bemerkt und grinsen ihn schadenfroh an.

Seine Körpersprache schreit geradezu „Bedien mich nicht!“: Zu zögerlich, zu ausdruckslos und seltsamerweise auffällig und unsichtbar zugleich. Je länger sein Warten dauert, desto verkrampfter wird er. Desto mehr wägt er jede Bewegung und Geste ab, die er in Richtung Barkeeper unternimmt. Mit so einer Aura kann er Flirten und Smalltalk heute bestimmt auch vergessen.

Jetzt versucht er eine andere Strategie. Vielleicht ist sein Standort ungünstig? Er schiebt sich in der ersten Reihe durchs Gewühl nach links, wartet zwei Minuten dort und probiert es doch wieder rechts. Die anderen Wartenden senden ihm genervte Blicke: „Was bewegst du dich? Du bist doch schon ganz vorne an der Theke?“

„Das dauert mir zu lange!“ sagte er und ging.  Puff. Flirtblase geplatzt. 

Aus einer Gruppe heraus brüllt einer zum Ignorierten rüber: „Michl! Was ist jetzt mit den Drinks? Wir gehen rauchen!“ Seine Freunde haben ihm wohl ihre Bestellung mitgegeben und lassen den Ärmsten jetzt genervt alleine.

Das ist fast so schlimm wie damals in Leipzig. Ich stand neben einer Frau, die einen Typen einladen wollte. Doch der Barkeeper bediente sie einfach nicht. Und dann stand sie da:

Fokussiert auf den Barkeeper und deshalb unfähig, mit ihrer Begleitung zu plaudern. Zehn lange Minuten der Stille. Dann tippte ihre Begleitung sie an und sagte emotionslos: „Das dauert mir zu lange!“ und ging.  Puff. Flirtblase geplatzt.

Und der blonde Große? Der bittet letztlich die zwei Mädels neben ihm für ihn mit zu bestellen. Es funktioniert. Da balanciert er die vier Gin Tonic davon, verschüttet die Hälfte und bewegt stumm seine Lippen. Er schimpft in sich hinein. Beinahe kann ich es hören. Es klingt so traurig.

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