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„Jedes zweite Au-pair wechselt mindestens einmal die Familie“

Wie ist es, auf fremde Kinder aufzupassen? Lisa, Jana und Martina haben das in den USA gemacht – und uns davon erzählt.
Protokolle von Christina Waechter
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    Fotos: freepik / Collage: Daniela Rudolf

Werden Au-pairs in den USA ausgenutzt? Ein Bundesrichter in Colorado hat vor drei Wochen eine Sammelklage von 91.000 ehemaligen Au-pairs zugelassen, die dieser Meinung sind. Sie haben mithilfe einer Anwaltskanzlei insgesamt 15 Austauschorganisationen angeklagt. Der Vorwurf: Sie hätten das Kultur-Austausch-Programm in eine Vermittlungsstelle für billige Arbeitskräfte und Babysitter mit extrem niedrigem Lohn verwandelt. Die Anwälte fordern, dass auch Au-pair-Kräfte Anspruch auf den gesetzlich vereinbarten Mindestlohn haben sollen. Der liegt in den USA zwischen 7,25 und 15 Dollar. Sollte die Klage Erfolg haben, könnte das zum Ende des Au-pair-Programms in den USA führen. 

Was erleben Au-pairs in ihrer Austauschzeit? Was sind ihre Aufgaben, fühlen sie sich manchmal überfordert und ausgenutzt? Und wie ist es, so eng mit fremden Menschen zusammenzuleben und gleichzeitig für sie zu arbeiten? Wir haben mit drei ehemaligen Au-pairs über ihre Erfahrungen in den USA gesprochen.

Lisa Neuber aus Berlin hat 2013 mit 23 zwei Jahre Au-pair in den USA gemacht 

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„Meine Zeit als Au-pair begann im November 2013 in der Kleinstadt Edmond in Oklahoma. Dort habe ich mich um einen sechsjährigen Jungen mit körperlichen und geistigen Behinderungen gekümmert. In dem Haushalt lebte sonst nur noch Brian, sein Vater. Die Mutter kam allerdings öfter vorbei, um Zeit mit ihrem Kind zu verbringen, aber auch, um das Haus gegen Geld zu putzen – das war schräg! 

Am Anfang hat es gut geklappt, aber mit der Zeit haben sich die Auseinandersetzungen zwischen Brian und mir gehäuft. Ich habe einfach gemerkt, was für ein Kontrollfreak er war. Wir hatten zum Beispiel ständig Auseinandersetzungen wegen der ‚Nachtruhe‘, die er mir aufzwängen wollte. Ich war damals 23, aber er wollte trotzdem, dass ich um 22 Uhr zuhause bin, wenn ich am nächsten Tag auf das Kind aufpassen sollte.

Zudem hat er mir gleich einen Monat nach meinem Einzug zu Weihnachten einen Vibrator geschenkt. In Gegenwart seines Kindes hat er mir das Gerät überreicht und gemeint, es handle sich dabei um ein Nackenmassagegerät. Aber ich bin mir sicher, dass er wusste, was er mir da geschenkt hat – und sich durch die Übergabe-Situation nur absichern wollte, falls ich das der Agentur melden würde. Ich glaube, er wollte mit diesem Geschenk testen, ob ich für ‚mehr‘ zu haben wäre. Ich habe diesen Vorfall nie gemeldet, weil ich ihn mir nicht zum Feind machen wollte. Brian ist der Typ Mann, der immer gewinnen wird. Hätte er versucht mich zu betatschen, hätte ich es aber definitiv gemeldet. 

Nach sieben Monaten haben wir ein klärendes Gespräch geführt und gemeinsam beschlossen, dass es mit uns nicht funktioniert und ich mir eine andere Gastfamilie suche. Ich habe mich bei der Agentur gemeldet und die haben mein Profil wieder in der Datenbank sichtbar gemacht. Ich bin dann zu einer brasilianischen Familie nach Minnesota gekommen. Bei denen habe ich mich unglaublich wohl gefühlt. Genauso wie in meiner dritten Familie in New Jersey. Bei beiden wurde ich wie ein Familienmitglied behandelt. 

Meine Zeit als Au-pair war extrem wichtig für mich. Vorher hatte ich viele Ängste: Mein Englisch war nicht der Knaller, ich habe mich vor der Selbständigkeit gefürchtet und davor, einsam zu sein. Aber ich wollte das durchziehen und möglichst viel von dem Land kennenlernen – die Landschaften, die Menschen und die Kultur. Ich wollte unbedingt Las Vegas sehen, den Grand Canyon und die Niagara-Fälle. Das habe ich auch alles gemacht und das war auch mit meinem Verdienst möglich. Als Special-Needs-Au-pair habe ich ein bisschen besser verdient als normal. Ich habe pro Monat ungefähr 960 US-Dollar verdient, also rund 780 Euro.

Diese zwei Jahre haben mich unglaublich wachsen lassen, ich habe so viel gelernt über mich, die Sprache und die Kultur. Und ich bin sehr selbständig geworden. Selbst den ganzen Mist, der mir passiert ist, betrachte ich inzwischen als Bereicherung. Das Leben ist schließlich nicht immer Zucker und wenn man es schafft, sich alleine aus solchen Situationen heraus zu retten, dann macht einen das umso stärker. 

Es gab einen schriftlichen Vertrag von der Agentur, in dem festgehalten wurde, was ich machen sollte, es gab einen Wochenplan und es war festgesetzt, dass ich an höchstens 45 Wochenstunden arbeiten durfte und mindestens ein Wochenende pro Monat frei haben musste. Und man hat Anspruch auf zwei Wochen bezahlten Urlaub pro Jahr. Aber das war alles nur Schein. In Wahrheit wird das alles direkt mit der Familie ausgehandelt. Wenn die cool sind, kann man das auch locker absprechen: Da arbeitet man eine Woche etwas mehr und bekommt dafür in der nächsten Woche einen Tag frei. Ich habe mich mit um den Haushalt gekümmert, war aber vor allem für die Betreuung der Kinder zuständig. Ausgebeutet habe ich mich nie gefühlt, auch wenn ich am Anfang oft am Wochenende gearbeitet habe.

Die Sammelklage der 91.000 ehemaligen Au-pairs sehe ich etwas kritischer. Man weiß schließlich von Anfang an, dass man sich nicht für einen Job bewirbt, sondern für eine Art Kulturaustausch. Man wird komplett von der Familie gesponsort und geht da hin, um Land, Leute und Kultur kennen zu lernen, nicht um Geld zu verdienen. Natürlich sollte man ein Entgelt für die geleistete Arbeit bekommen, aber das kann nicht oberste Priorität haben. Andererseits bin ich auch nicht so ausgebeutet worden wie die jungen Frauen, die jetzt klagen. Insofern kann ich das schon nachvollziehen. 

Was die Unterstützung durch die Agentur angeht: Das hängt alles von den Leuten vor Ort ab. In Oklahoma gab es am Anfang gar niemanden und dann nach einer Zeit eine Frau, die aber völlig überfordert war. Als ich nach Minnesota gegangen bin, war das genaue Gegenteil der Fall: Die Betreuerin hat sich total reingekniet und für uns Au-pairs alle paar Wochen schöne Treffen organisiert – da sind wir geritten, waren beim Bowlen oder hatten eine Halloween-Party. Bei meiner letzten Station in New Jersey war die Betreuerin wieder eher von der Sorte Schlaftablette.“ 

Jana, hat 2006 mit 19 ein Jahr Au-pair in den USA gemacht

„Meine erste Familie in Conneticut hatte vier Kinder, zwei, drei, fünf und zehn Jahre alt, einen Vater mit einem sehr anspruchsvollen Job, der unter der Woche nie da war, und eine ‚Stay-at-home-Mom‘. Mir war schon klar, dass sie Unterstützung brauchte, aber ich hatte erwartet, dass wir uns die Aufgaben aufteilen. Die Frau war aber so beschäftigt mit ihrem eigenen Leben, mit Sport, Einkaufen etc., dass ich eigentlich jeden Tag die Kinder versorgt habe. Das wäre auch okay für mich gewesen, aber hat sich als eine ziemlich problematische Situation herausgestellt, weil sie immer zuhause war und die Zuständigkeiten einfach nicht klar waren. 

Ich war über eine Agentur in den USA, worüber ich im Nachhinein sehr froh war, denn so hatte ich wenigstens einen Ansprechpartner, auf den ich zurückgreifen konnte. Die Regeln für Au-pairs sind in den USA relativ streng, es ist klar festgelegt, wie lange man arbeitet, wie viel Geld man verdient und wie viel Freizeit man hat. Trotzdem kam es zu Problemen, weil die Familie einfach vollkommen falsche Vorstellungen davon hatte, was ein Au-pair leisten kann. Es war wahnsinnig viel Arbeit: Nach jeder Mahlzeit mussten die Kinder quasi desinfiziert werden, die Küche geputzt und aufgeräumt werden. Ich habe die Kinder nach dem Essen oft vor den Fernseher gesetzt, um alles zu schaffen, und das wurde mir dann zum Vorwurf gemacht. Es gab auch eine Ausgangssperre, ich durfte nur bis 23 Uhr ausgehen. Es ist zwar von der Agentur so erlaubt, dass die Familien das vorgeben, aber für eine 19-Jährige ist das dann doch sehr gewöhnungsbedürftig. 

Voher hatte ich gehofft, dass ich Teil der Familie werden würde und mich mit den Leuten gut verstehe. Aber man darf sich da nichts vormachen: Man bekommt Geld von ihnen, muss sich an die Regeln halten und Arbeitsstunden abarbeiten. Das ist eine sehr schwierige Gratwanderung. 

Nach knapp sechs Wochen wurde ich rausgeschmissen und kam über meine Agentur zu einer anderen Familie auf Long Island. Dort war es deutlich anders, sie hatten nur zwei Kinder, die schon zur Schule gingen und schon als sie mich vom Flughafen abgeholt haben, war klar, dass wir uns besser verstehen würden. Sie hatten eine komplett andere Erwartungshaltung an mich. Es gab zwar auch Regeln und Vorschriften in dieser Familie, aber es war alles ein bisschen lockerer. Die erste Familie hatte mir sehr kleinteilig jeden Tag Aufgaben in mein Buch geschrieben, die mit Zeiten versehen waren. In der zweiten konnte ich mir die Aufgaben selbst einteilen.

Es gab zwar keinen Vertrag, aber ich fand es sehr positiv, dass in den USA ziemlich genau vorgeschrieben ist, was man als Au-pair tun darf und was nicht. Prinzipiell sind alle Aufgaben erlaubt, die mit den Kindern zu tun haben. Aber die Familie darf zum Beispiel nicht erwarten, dass man für alle kocht, die Wäsche wäscht oder das Haus renoviert. Ich habe ein volles Wochenende pro Monat frei gehabt und höchstens 40 Stunden pro Woche gearbeitet. 

Auch wenn es ein schwieriges Jahr war, hat es sich gelohnt. Man lernt wahnsinnig viel über sich selbst, wird eigenständiger und kann das Jahr auch als Orientierungsphase nutzen. Und man verbessert natürlich seine Sprachkenntnisse. 

Die Agentur hat mich betreut, aber sie hätten deutlich mehr machen können, gerade in der Krisensituation. Ich glaube, es sind viel zu viele US-Familien in dem Au-pair-System, die dafür eigentlich gar nicht geeignet sind. Aber sie werden fast gar nicht überprüft, denn sie bezahlen ja auch die Agenturen. Es kommt ausgesprochen selten vor, dass eine Familie aus dem System rausgeschmissen wird – aber dafür hört man ständig, dass Au-pairs die Familie wechseln müssen. 

In Deutschland war ich auf einem Infotag für zukünftige Au-pairs und da wurde einfach nicht aufrichtig über das Thema ‚Familienwechsel‘ informiert, das wurde als ganz große Ausnahme dargestellt. Aber nach meiner Erfahrung wechselt jedes zweite Au-pair mindestens einmal die Familie. Meistens hakt es mit den Müttern und nur sehr selten mit den Kindern. Bei meiner ersten Familie gab es in den letzten Wochen auch jede Menge Vorwürfe. An einem Abend hat mich die Mutter 40 Minuten lang angeschrien, dass ich nicht mit Kindern umgehen könne und zu egoistisch sei. 

Ich kann die Klage der 91.000 ehemaligen Au-pairs durchaus nachvollziehen und kann mir gut vorstellen, dass sie wirklich ausgebeutet wurden. Auch wenn es mir nicht so ging.“

Martina Kix, hat 2003 mit 19 Jahren ein Jahr Au-pair in den USA gemacht 

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    Bild: privat

„Ich war in meinem Au-pair-Jahr bei zwei Familien mit jeweils zwei Kinder. Als ich damals im Flugzeug nach New York saß, dachte ich, ich sei gut vorbereitet. Ich hatte mit zwölf Jahren begonnen, auf das Nachbarskind aufzupassen und später, mit 16, habe ich angefangen, bei einer Familie einmal in der Woche zwei Kinder zu babysitten. Aber ich war nicht darauf vorbereitet, alleine für einen gesamten Haushalt zuständig zu sein. 

Meine erste Familie war in Larchmont, Upstate New York. Der Vater war Kinderarzt in einem großen Krankenhaus in Manhattan und die Mutter Richterin. Die haben mich gleich mal in den ersten Woche mehrere Tage alleine gelassen. Ich habe mich um die Kinder gekümmert, sie mit einem Geländewagen zur Schule gefahren, obwohl ich gerade erst den Führerschein gemacht hatte. Mich hat das damals überfordert. Die Familie hatte vorher ein anderes deutsches Au-pair-Mädchen gehabt und die Kinder haben sie wahnsinnig geliebt und vermisst. Mich haben sie dauernd mit ihr verglichen und nicht auf mich gehört. Als ich dann auch noch ein mal die Toilette verstopft habe, haben meine Gasteltern beschlossen, sich ein anderes Au-pair zu suchen.

Das fand ich zuerst schrecklich und habe zwei Tage lang geheult. Als ich dann die Familie gewechselt habe, wusste ich gleich, dass es besser werden würde: die neue Familie war normal, ein kleineres Haus, der Mann ‚nur‘ normaler Anwalt und die Mutter Krankenschwester. Sie haben für mich in ihrem Haus auf Long Island extra den Keller renoviert und mich in ihrer Familie willkommen geheißen. Allerdings hat an Weihnachten Laurie, die Schwester meines Gastvaters, die Diagnose Krebs bekommen – und auf einmal war ich in einer Familie, die sich um tausend Dinge kümmern musst und sehr wenig Zeit hatte, sich Gedanken um die Kinder und das Au-pair zu machen.

Ich habe irgendwann den Haushalt fast komplett geschmissen, eingekauft, für die Kinder gekocht und die Stellung gehalten. Aber das war eine absolute Notsituation, mit der niemand gerechnet hatte. Ich habe das auch gemacht, weil ich helfen wollte, wo es ging. Die Eltern sind oft nach Feierabend ins Krankenhaus gefahren und konnten sich nicht um den Alltag kümmern. Ich habe in der Zeit auch zum ersten Mal die Schattenseiten des tollen Amerikas erlebt. Lauries Krankenversicherung hat nämlich nur die Basics abgedeckt. Sodass dann irgendwann die Frage im Raum stand: Kann sich die Familie die teure Krebsbehandlung leisten, mit der Lauries Überlebenschancen ein bisschen erhöht wurden, oder nicht? Am Ende meines Aufenthalts ist Laurie gestorben, das war furchtbar traurig.

Ich hatte einen Arbeitsvertrag, in der meine Aufgaben geregelt waren, und obwohl ich mehr gemacht habe, habe ich mich nie ausgebeutet gefühlt. Ich habe in beiden Familien große Teile vom Haushalt geschmissen, die Küche gewischt, das Wohnzimmer gesaugt, aufgeräumt, und so weiter. Aber wenn ich mal länger gearbeitet habe oder auch am Wochenende, wurde ich immer extra bezahlt. Ich habe pro Woche ungefähr 120 Dollar verdient. Das war für mich damals viel Geld. Klar, wenn man das Gehalt umrechnet, dann kommt da lange nicht der Mindestelohn raus, aber gleichzeitig muss man auch gegenrechnen: Wäre ich auf eigene Faust nach New York gegangen, hätte ich mir da vielleicht ein winziges Zimmer mieten können, hätte mir das Ganze mit einem Job, den ich bei meinen Qualifikationen bekommen hätte, aber eigentlich nicht leisten können. So gesehen war das schon ein okayes Gehalt, weil ja auch Kost und Logis enthalten waren.

Auch wenn mein Aufenthalt viele Höhen und Tiefen hatte, habe ich von dem Jahr profitiert. Allein, was meine Sprachkenntnisse betrifft. Ich spreche fließend Englisch und freue mich, wenn manchmal Leute denken, dass ich aus den USA komme. Das nützt mir bis heute. Und natürlich war auch der Abschied von Freunden und Familie gut für mich. Das war in dem Moment natürlich hart und mit vielen Tränen und traurigen Telefonaten verbunden. Ich habe meine Freundinnen und meine Familie mehr vermisst als ich gedacht hätte. Ich habe aber auch gelernt, in einer großen Stadt neue Freunde zu finden und mich mit einer fremden Familie vertraut zu machen. Ich bin in der Zeit viel gereist, nach Chicago, Boston, Washington, das war gut, um den Horizont zu erweitern.  

Ich hatte fast zehn Jahre lang keinen Kontakt mehr zu meiner Gastfamilie, aber als ich im vergangenen Jahr in New York war, habe ich meine Gastmutter auf Facebook gesucht und ihr geschrieben. Sie hat mir dann eine lange Nachricht geschickt und sich noch einmal bedankt, dass ich ihrer Familie in der schwierigen Zeit so unterstützt habe. Das war nett. Die Kinder gehen inzwischen aufs College und Christine, meine Gastmutter, hat ihren Doktor gemacht und eine eigene Praxis eröffnet, sie hilft heute Krebspatienten. Wenn ich das nächste Mal in New York bin, werde ich sie vielleicht besuchen.“ 

Was man sonst noch macht, bevor man ins Berufsleben startet: