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3000 bis 3200 Euro brutto für den Notfallsanitäter

Abderrahmane, 24, hat sich seinen Kindheitstraum erfüllt und rettet Leben – kennt aber auch die Probleme mit Pöblern und Gaffern.
Protokoll von Nadine Kellner
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    Foto: Nadine Kellner / Collage: jetzt.de

Warum ich Notfallsanitäter geworden bin

Ich habe mich tatsächlich immer für das „Blaulicht“-Milieu interessiert. Ich bin mit elf Jahren in die Jugendfeuerwehr eingetreten und mit 18 in die aktive Wehr übergegangen. Meine Mama kommt aus der Pflege und hat immer mal eine Spritze oder Ähnliches mitgebracht. Ich fand das ganz spannend.

Wir hatten einen kleinen Erste-Hilfe-Kasten und ich habe dann alle Verwandten und Bekannten im Spiel verarztet. Ich habe dadurch gemerkt, dass mich der medizinische Part am Retten mehr interessiert als der technische Part – also das Aufschneiden eines Unfallwagens durch die Feuerwehr. Das Reden mit den Patienten, ihnen bewusst helfen zu können, fand ich deutlich interessanter.

Was ich genau mache

Ich bin am Einsatzort für die Patienten zuständig. Ich spreche mit ihnen, frage sie nach ihren Symptomen und leite entsprechende Maßnahmen ein. Zum Beispiel kann ich Infusionsnadeln legen, um den Blutdruck oder den Zuckerspiegel zu stabilisieren oder Medikamente zu verabreichen, wie Mittel zur Krampflösung.

Wenn ein Unfall passiert ist, legen wir eine Halskrause beim Opfer an, bergen es und immobilisieren es – mit einer Vakuummatratze, die sich dem Körper anpasst und den Patienten stabilisiert. Offene Wunden verbinden wir. Wenn ein Bruch schief steht, muss man den Knochen wieder in die richtige Position bringen – aber dafür brauchen wir zur Schmerzbekämpfung aktuell noch einen Notarzt. Künftig sollen uns mehr Maßnahmen erlaubt sein. Das wird zurzeit noch vom „Ärztlichen Leiter Rettungsdienst“ in Bayern ausgearbeitet.

Eine Schicht dauert in den Stadtwachen acht und in den Landkreiswachen zwölf Stunden. Teilweise fahren wir in acht Stunden auch mal neun bis zehn Einsätze. Darunter sind aber auch Kleinigkeiten wie eine Schnittwunde am Finger. Anrufende kennen die Situation nicht, in der sie sind. Das ist für sie extrem belastend. Was für mich Alltag ist, kann für sie das Schlimmste sein, was hätte passieren können. Deshalb darf man nicht vergessen, dass sich jeder, der uns ruft, in einer persönlichen Extremsituation befindet. 

Was mir der Job abverlangt – und was er mir gibt

Es kommt öfter vor, dass Patienten sterben. Aber das gehört zum Leben. So, wie Kinder geboren werden, sterben auch Menschen. Man hat auf der Wache die Möglichkeit, mit den Kollegen darüber zu sprechen oder zusätzlich mit Psychotherapeuten.

Wenn ich diese Arbeit mache, habe ich eine gewisse Rolle in der Gesellschaft. Dann bin ich der, zu dem der Patient blickt und sagt „Hey, du weißt Bescheid, du kennst dich aus. Hilf mir“. Sobald ich die Arbeitskleidung ablege, schlüpfe ich auch aus dieser Rolle wieder raus. Manchmal reagiert man sensibler, wenn man selbst schon einen eigenen ähnlichen Fall erlebt hat. Wenn zum Beispiel die eigenen Großeltern gestorben sind und man eine ganz ähnliche Situation mit einem Patienten erlebt.

Manchmal ist es auch schwierig, wenn man nicht weiß, ob der eigene Einsatz erfolgreich war. Wegen der Schweigepflicht kommt man nicht an die Information, ob es der Patient geschafft hat. Man trägt ein extrem schlechtes Gefühl mit sich. Aber manchmal steht plötzlich eine Patientin vor mir, bedankt sich aus tiefstem Herzen und sagt: „Mir geht es gut.“ Sobald man diese Rückmeldung hat, fällt ein unheimlicher Ballast von einem ab. Das wiegt alles wieder auf.

Der Job zeigt mir außerdem täglich, dass es Menschen viel schlechter gehen kann als mir. Dadurch lernt man, das Leben mehr zu schätzen. 

Was sich ändern muss

Es wäre schön, wenn die Akzeptanz in der Bevölkerung besser wäre. Zum Beispiel dahingehend, dass man nicht von Passanten angepöbelt wird. Wenn man zum Beispiel für einen Notfall auf dem Radweg parkt, beschweren sich die Radfahrer. Das ist unangebracht. Da könnten die Menschen mehr Verständnis zeigen. Und Respekt. Aber damit haben, glaube ich, alle Rettungskräfte zu kämpfen.

Auch das Gaffer-Problem kenne ich. Die Leute gucken immer ganz begeistert, treten ganz nah ran, laufen ganz langsam vorbei. Ich animiere sie dann manchmal, näherzukommen, um noch besser sehen zu können. Meistens merken sie dann, dass es falsch war, zu starren. Dann wenden sie sich ganz schnell ab. Wenn das nicht klappt, muss ich sie scheuchen und fragen, wie es sich für sie anfühlen würde, wenn sie dort liegen würden und sie jeder anschaut. Wir dürfen natürlich nicht beleidigend werden. Aber wir müssen klare Ansagen machen.

Die Ausbildung

 

Ich gehöre zu den ersten Notfallsanitätern, die das Bayerische Rote Kreuz ausgebildet hat. Der Beruf wurde erst eingeführt und wer „Rettungsassistent“ ist, kann sich zum Notfallsanitäter weiterbilden lassen. Unsere Ausbildung dauert drei Jahre. Man hat einen stetigen Wechsel zwischen Berufsschule, Rettungswache und Klinik-Praktikum. Ich hatte das Gefühl, echt gut vorbereitet zu sein. Man bekommt ein solides Wissen, das „draußen“ unentbehrlich ist.

Das Geld

 

Die Bezahlung sollte besser werden. Der Verdienst beträgt in den ersten sechs Monaten nach der Probezeit circa 2800 Euro als Grundgehalt. Es kommen dann noch monatliche Schichtzulagen für Wochenend-, Nacht- und Feiertagsdienste dazu. Summa summarum liegt man dann bei ungefähr 3000 bis 3200 Euro brutto. Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen ist das zwar nicht schlecht, aber man trägt auch sehr viel Verantwortung.

Die Frage, die auf Partys immer kommt

 

Die erste Reaktion ist immer „Boah, das könnte ich ja echt nicht machen. Ich hab so ‘nen Respekt vor euch Sanitätern. Danke, dass es euch gibt.“ Das ist der Klassiker. Als nächstes kommt die Frage: „Wie hältst du den ganzen Stress aus? Ist das nicht schlimm für dich, wenn du solche Sachen siehst?“ Und manchmal flunkere ich dann scherzhaft und sage, es sei absolut kein Thema. 

Zukunftsaussichten

 

Es gibt viele Möglichkeiten, sich betriebsintern weiterzubilden. Ich könnte später auch als Ausbilder tätig werden und an Berufsschulen unterrichten. Es ist nicht so, dass man in diesem Beruf nach der Ausbildung stehen bleibt. Ich kann Praxisanleiter werden, wenn ich genug Berufserfahrung habe, also die Auszubildenden im Betrieb unterstützen.

 

Ich könnte in den Rettungshubschrauber wechseln oder in die Klinik, wenn die Arbeit draußen bei Wind und Wetter zu belastend wird oder ich ein geordneteres Umfeld möchte. Jetzt möchte ich aber zuerst meine Berufserfahrung als Notfallsanitäter sammeln.

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