Partner von

Katharina vertritt Flüchtlinge vor Gericht

Sie ist Asylanwältin. Und davon gibt es nicht genug.
Von Nadja Schlüter
Mitte Juli 2017 waren an den deutschen Verwaltungsgerichtes 283.000 Asylverfahren anhängig – fast doppelt so viele wie noch Ende 2016.

Mitte Juli 2017 waren an den deutschen Verwaltungsgerichtes 283.000 Asylverfahren anhängig – fast doppelt so viele wie noch Ende 2016.

Foto: Stephan Rumpf / picture alliance / arifoto UG/Mi, Bearbeitung: Daniela Rudolf

Einer ihrer Mandanten konnte im ersten Moment nicht glauben, dass Katharina ihn tatsächlich vor Gericht vertreten würde. „Sie sind der Anwalt?“, fragte er. „Ich weiß auch nicht, was er sich vorgestellt hat“, sagt Katharina, als sie sich beim Bier vor einem Münchner Café an die Szene erinnert. „Er kam auch aus einer eher patriarchalischen Gesellschaft, vielleicht war eine junge Frau als Anwältin darum erstmal schwierig zu akzeptieren.“ Sie sei sachlich geblieben und er habe sich schnell beruhigt. Vermutlich hat er gemerkt, dass sie kompetent ist. Dass sie weiß, wovon sie spricht und wie sie ihm helfen kann.

Katharina Glocker, eine zierliche 29-Jährige mit lockerem Dutt, aus dem dunkelblonde Strähnen fallen, ist Anwältin für Asylrecht in München. Sie vertritt Geflüchtete, die zum Beispiel gegen abgelehnte Asylanträge klagen. Katharina gehört damit zu dem Nachwuchs, den ihr Fach so dringend braucht: Im vergangenen Jahr waren von den etwa 165.000 zugelassenen Anwälten in Deutschland nur rund 1500 auf Asylrecht spezialisiert. Wie schwer diese Zahlen wiegen, merkt man vor allem, wenn man die der Klageverfahren dagegenhält: Mitte Juli 2017 waren an den deutschen Verwaltungsgerichtes 283.000 Asylverfahren anhängig, das sind fast doppelt so viele wie noch Ende 2016.

Katharina ist 29 und arbeitet seit drei Monaten als selbstständige Anwältin für Asylrecht in München.

Katharina ist 29 und arbeitet seit drei Monaten als selbstständige Anwältin für Asylrecht in München.

Foto: privat

Die Zahl der bearbeiteten Asylanträge steigt, und damit auch die der Ablehnungen und der darauf oft folgenden Klagen – aber die der Anwälte leider nicht. Geflüchtete wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, Sozialarbeiter im Asylbereich wissen nicht, an wen sie ihre Ratsuchenden noch vermitteln können. Die Bundesrechtsanwaltskammer bestätigt, dass es sehr viele Anfragen möglicher Mandanten gibt. „Mein Terminkalender ist jetzt schon jeden Tag voll“, sagt auch Katharina, die ihren Job als selbstständige Anwältin vor knapp drei Monaten angetreten hat, nach mehreren Praktika im Asylbereich und ihrem Referendariat, das sie ebenfalls entsprechend ausgerichtet hatte. Bisher hat sie etwa 50 bis 60 Mandanten angenommen und die Nachfrage ist immer noch groß. Ihre Kolleginnen, mit denen sie die Kanzlei teilt, mussten täglich etwa fünf Mandate ablehnen, als Katharina noch nicht da war. Warum ist das so? Warum gibt es so wenig Fachpersonal im Migrationsrecht? Und wie kann das geändert werden? 

Den Ursprung und die mögliche Lösung des Problems findet man dort, wo die Juristen von morgen ausgebildet werden: an den deutschen Universitäten. Kathleen Neundorf, 31, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Öffentliches Recht der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und promoviert derzeit im Ausländerrecht. An ihrer Uni können die Jura-Studenten seit dem Wintersemester 2009/2010 Migrationsrecht als Schwerpunkt wählen. „Und das ist leider längst keine Selbstverständlichkeit“, sagt Kathleen.

Denn an vielen Unis gibt es zwar einen Völkerrechtsschwerpunkt, aber in das deutsche Ausländer- und Asylrecht kann man fast nirgends tiefer einsteigen. Ausnahmen sind neben Halle zum Beispiel Gießen, Frankfurt und Bremen. Der Grund für das geringe Angebot ist zum einen der Teufelskreis aus wenigen Lehrangeboten, also wenig wissenschaftlichem Nachwuchs, also wenig Forschung, also wenig Lehrangeboten. Zum anderen sind das Image und der finanzielle Anreiz nicht besonders hoch: Der Job als Asylanwalt gilt als Arbeit mit meist mittellosen Mandanten. Während das jährliche Einstiegsgehalt bei einer Großkanzlei im besten Falle sechsstellig sein kann, leben Asylanwälte meist von Vorschuss- und Ratenzahlungen der Mandanten. Katharina zum Beispiel bekommt von jedem ihrer Mandanten einen niedrigen, dreistelligen Vorschuss und anschließend 50 Euro im Monat.

Manche Experten vermuten, dass das mangelnde Ausbildungsangebot und das schlechte Image lange politisch gewollt waren. „Es sollte kein Anreiz bestehen, diese Menschen, die der Staat nicht aufnehmen wollte, gut zu vertreten“, sagte ein Asylanwalt im vergangenen Jahr der Zeit. Dass es seit 2015 den Fachanwaltslehrgang für Migrationsrecht gibt, ist womöglich ein erstes Zeichen des Umdenkens, denn nun kann man sich als Anwalt offiziell in diesem Bereich spezialisieren und niederlassen. Allerdings, so heißt es von Seiten der Bundesrechtsanwaltskammer, wachse der Fachbereich weniger schnell als erhofft: Zum 1. Januar 2017 gab es in Deutschland 14 niedergelassene Fachanwälte für Migrationsrecht. Und auch an den Unis mit Asylrechts-Schwerpunkt hält sich das Interesse eher in Grenzen. Kathleen betreut in Halle das an den Lehrstuhl von Prof. Dr. Winfried Kluth angegliederte „Praxisprojekt Migrationsrecht“, in dem die Studenten zum Beispiel Gerichtsverhandlungen besuchen und Fallbesprechungen machen. „Ende 2015 hatten wir zwar relativ viele Interessenten“, sagt sie. „Aber aktuell sind im Praxisprojekt nur 15 aktive Mitglieder. Bei etwa 400 Jura-Studenten insgesamt ist das also keine riesige Nummer“, sagt Kathleen. „In diesem Bereich arbeiten wir mit wenigen, sehr interessierten Studenten.“

Wenn die Nachwuchsarbeit nicht umfassend genug ist, gründen Studenten eigene Projekte

Das Praxisprojekt ist für Kathleen zusätzliche, ehrenamtliche Arbeit und ein Beispiel dafür, dass dort, wo die Nachwuchsarbeit nicht umfassend genug ist, der Nachwuchs selbst nachhilft: Studenten gründen ihre eigenen Projekte, um sich fortzubilden. Natalia Loyola Daiqui, 21, Jura-Studentin im sechsten Semester, arbeitet in einem solchen Projekt mit. Sie ist Beraterin und Vorstandsmitglied der Münchner „Refugee Law Clinic“, eine vor vier Jahren gegründete Initiative, in der Studenten freiwillige Rechtsberatung für Geflüchtete geben. Mehr als 30 solcher auf Asylrecht spezialisierten Law Clinics gibt es mittlerweile in Deutschland. Natalia will später mal als Juristin im internationalen, humanitären Bereich arbeiten. „Und weil ich im Studium kaum damit in Berührung komme, muss ich mich eben selbst weiterbilden“, sagt sie. 

Natalia ist im Vorstand der Münchner "Refugee Law Clinic" und berät selbst Geflüchtete in Rechtsfragen.

Natalia ist im Vorstand der Münchner "Refugee Law Clinic" und berät selbst Geflüchtete in Rechtsfragen.

Foto: Leonhard Simon / L//S Photography

Als Natalia an diesem verregneten Donnerstagabend im September in einem Konferenzraum der Caritas in der Münchner Arnulfstraße hintereinander sechs geflüchtete Männer aus dem Senegal, Nigeria, Afghanistan und Palästina berät, die mit ihren Sorgen und Problemen zur Law Clinic gekommen sind, wirkt sie viel älter als 21. Vor der Beratung, als sie sich in einem Café mit einem heißen Kakao aufgewärmt hat, hat sie viel gelacht. Jetzt ist sie ernst, zugewandt und kompetent. Ihre großen, dunkelbraunen Augen werden immer wieder zu nachdenklichen Schlitzen, wenn sie sich über das mehr als 700 Seiten dicke Ausländerrecht beugt oder mit ihrer Kollegin Jana berät, die neben ihr sitzt. Rosalie und Malek, beide 19 und ebenfalls Jura-Studenten, protokollieren die Beratungsge-spräche. 

Einer der Ratsuchenden an diesem Abend ist ein 25-jähriger Mann aus Nigeria in grüner Bomberjacke, roten Sneakers und mit falschen Brillies in den Ohren. Das Outfit mag einen anderen Eindruck machen, er selbst ist zurückhaltend, beinahe schüchtern. Auf Englisch erzählt er, dass er gegen seinen Ablehnungsbescheid geklagt hat. Solange über die Klage nicht entschieden wurde, ist er in Deutschland gedudelt. Doch als er bei der Ausländerbehörde seine Duldung verlängern lassen wollte, habe die Frau dort einen „ungültig“-Stempel draufgedrückt – und damit gilt er nun plötzlich als ausreisepflichtig. Er zeigt Natalia und Jana das Dokument. „Was, wenn mich die Polizei damit sieht?“, sagt er. „Ich bin fast gar nicht mehr in meiner Unterkunft, weil jede Nacht Polizisten kommen und Leute abholen. Ich habe Angst.“ „Wie ist der Status Ihrer Klage?“, fragt Natalia. Das weiß der Mann nicht – bisher habe er keine Benachrichtigung vom Gericht bekommen. Natalia muss ihn vertrösten und lässt ihn eine Einverständniserklärung unterschreiben, dass sie bei seinem Anwalt Informationen über den Fall einholen darf. Sie muss herausfinden, ob die Ausländerbehörde nicht über das laufende Verfahren Bescheid wusste. Ob das Verfahren schon entschieden wurde und der Klient den Brief nicht erhalten hat. Ob der Anwalt seinen Mandanten vielleicht nicht gut betreut und informiert hat. 

Während viele nur „die Flüchtlinge“ sehen, sieht Katharina täglich einzelne Menschen und ihre Schicksale

„Wir haben von Zeit zu Zeit Ratsuchende hier, die unzufrieden mit ihren Anwälten sind“, sagt Natalia. „Sie lassen zum Beispiel Fälle extrem lange liegen, sind nicht erreichbar, nicht die Ansprechpartner, die sie sein sollten. Für die Mandanten ist das schrecklich: Sie vertrauen sich einer Fachperson an und dann kommt von ihr nichts.“ Eigentlich eine logische, wenn auch traurige Konsequenz aus der Marktlücke: Weil man als Anwalt theoretisch jeden Mandanten in jedem Bereich vertreten darf, springen auch solche Anwälte in die Bresche und vertreten Geflüchtete, die keine Experten für Ausländerrecht sind. Oder einfach generell keinen guten Job machen. Wenn möglich, vermitteln die Berater der Law Clinic an einen Anwalt oder eine Anwältin aus ihrem Beirat. Der besteht aus fachkundigen Juristen, die die Studierenden unterstützen und beraten. Und die Law Clinic soll ja nicht den Job der Anwaltschaft übernehmen, sondern nur eine Ergänzung sein. Denn wenn eine Versorgungslücke besteht und Geflüchtete darum ihre Rechte nicht wahrnehmen können, ist es eigentlich nicht die Aufgabe ehrenamtlicher Berater, sie zu füllen. Sondern die der Politik. 

Asylanwälte müssen nicht nur fachlich gut ausgebildet sein, sie brauchen auch ein hohes Maß an Empathie. Katharina, die Nachwuchs-Anwältin, sagt, ihre Arbeit sei ein Schnittpunkt zwischen sozialer Arbeit und Jura: „Viele Mandanten haben extrem schlimme Sachen erlebt, sind psychisch belastet oder traumatisiert. Zu diesen Menschen muss ich mir erstmal einen Zugang verschaffen, auf sie eingehen und sie verstehen.“ Während viele nur „die Flüchtlinge“ sehen, sieht Katharina täglich einzelne Menschen und ihre Schicksale. Die Iranerin, deren Mann sie misshandelt hat. Den Zwanzigjährigen aus Mali, der mit 15 geflohen ist und jetzt in ein Land abgeschoben werden soll, das ihm völlig fremd geworden ist. Den Mann aus Nigeria, dessen Frau verschleppt und dessen Kinder getötet wurden. Um damit umgehen zu können, muss sie auch Abstand halten können. „Ich habe sehr viel Verantwortung. Oft muss ich innerhalb kürzester Zeit handeln und entscheiden“, sagt sie. „Und ich weiß: Wenn jetzt was schiefgeht, dann bringt das nicht einfach eine Haftpflichtversicherung wieder in Ordnung. Es geht ja immer um die Zukunft eines Menschen.“ Trotzdem liebt sie ihren Job. Weil er abwechslungsreich ist. Weil sie mit unterschiedlichsten Menschen zu tun hat. Weil sie im besten Falle dazu beitragen kann, dass sie endlich ein Leben in Ruhe und Sicherheit führen können. 

Obwohl Katharina schon relativ viele Mandanten vertritt, ist die Nachfrage kontinuierlich größer als das, was sie leisten kann. „Es bräuchte einfach mehr Anwälte in diesem Bereich“, sagt sie. „Am Wochenende hat mich auf einer Party jemand gefragt: Sind die ganzen Krisen nicht langsam mal vorbei? Hast du jetzt nicht mal weniger zu tun? Und ich musste sagen: Das wäre schön – aber wir werden wohl immer einen Job haben.“

Interviews zu den Themen Flucht und Ankommen: