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3941 Euro brutto für die Gesamtschullehrerin

Laura, 27, ist stolz auf ihre Arbeit mit Schülern in einem Problembezirk. Aber manchmal verzweifelt sie an Eltern, die sich nicht um ihre Kinder kümmern.
Protokoll von Mercedes Lauenstein
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Foto: privat; Grafik: jetzt

Der Job

Ich arbeite an einer integrierten Gesamtschule. Das ist eine Schule, in der Schüler mit Eignung für Haupt- und Realschulen und für das Gymnasium unterrichtet werden. Von einer richtigen Gymnasiallehrstelle kann man also bei meiner Position nicht sprechen, obwohl ich Gymnasiallehramt studiert habe. Ich gebe eher Unterricht auf Realschulniveau. Es ist auch weniger ein Unterrichten als intensive pädagogische Betreuung.

Ich bin Klassenlehrerin einer fünften Klasse und habe 22 Schüler, die ich bis zur zehnten Klasse, also fünf Jahre lang mit 15 Wochenstunden begleite. Dass man seine Klasse so lange behält, ist eine Besonderheit von integrierten Gesamtschulen. Das ist so geregelt, weil man weiß, dass stabile Bindungen für Kinder aus schwierigen Verhältnissen wichtig sind.

In einer einzigen Klasse kann die IQ-Spanne teilweise von 60 bis 150 reichen. Man hat vom Gymnasiumskind bis zu Kindern mit geistiger Behinderung alle da sitzen. Die meisten bewegen sich auf Real- und Hauptschulniveau. Ich habe derzeit zwei I-Kinder in meiner Klasse, also „Inklusionskinder“ mit geistigen Einschränkungen. Eins meiner I-Kinder hat eine Schulbegleitung dabei, eine erwachsene Person, die ihm im Unterricht zur Seite steht. Das sind schlecht bezahlte Jobs, für die man keine besondere Ausbildung braucht und die vom Jugendamt vergeben werden. Anfangs war das schwer für mich, dass da ein erwachsener Mensch jeden Tag im Unterricht sitzt, mich beobachtet und teils sogar korrigiert oder kritisiert. Das geht gar nicht. Zum Glück konnte ich das aber klären.

Außerdem steht mir eine Förderschullehrkraft im Deutschunterricht zur Seite, die die Arbeitsaufgaben für die einzelnen Schüler individualisiert – die schwächeren bekommen leichtere Aufgaben, die intelligenteren schwerere. Sie greift auch ein, wenn sie merkt, dass ich ein Thema für gewisse Schüler nicht eingehend genug erklärt habe.

Man darf sich aber keine Illusionen machen: Inklusion funktioniert nur, wenn du mindestens 50 Prozent Kinder in der Klasse hast, die das Niveau halten und die Schwächeren mitziehen. In meiner Klasse sind gerade einmal drei starke Kinder, der Rest ist sehr schwach. Das zieht alle dramatisch runter.

Ich mag meine Klasse richtig gerne. Die haben sich an mich gewöhnt und hören auf das, was ich sage. Sie haben ein sehr großes Nähebedürfnis und wollen mir wirklich alles erzählen. Sie malen mir Bilder und sagen mir, wie lieb sie mich haben. Neulich bin ich in die Klasse gekommen, da haben sie angefangen zu applaudieren und gerufen: „Die Königin ist da!“ Bei meinem ersten Verbeamtungsbesuch haben sie sich untereinander verabredet, sich in Teamfarben anzuziehen, um mich anzufeuern. Da saßen die da alle in ihren Farbgrüppchen. Ich weiß nicht, was die Schulleitung sich gedacht hat, aber ich war total gerührt.

Der Weg

Ich wusste früh, dass ich gut mit Kindern kann. Ich wusste aber auch, ich will ein gutes Gehalt. Da kommt nur der Lehrerberuf in Frage. Genauer gesagt Gymnasiallehramt, denn da gilt die höchste Besoldungsstufe unter Beamten.

Ich habe meine ganze Studienzeit in Hannover verbracht und sogar mein eineinhalbjähriges Referendariat hier machen können. Danach habe ich mich unter anderem für eine Stelle an einer integrierten Gesamtschule in einem Problembezirk beworben. Und wurde genommen. Ich hatte Respekt vor der Stelle. Aber mein Bauchgefühl hat mir gesagt, dass ich es schon schaffen werde, an einer schwierigen Schule zu arbeiten.

Die Schwierigkeiten an einer Brennpunkt-Schule

In meiner siebten Klasse, in der ich nicht Klassenlehrerin bin, konnte ich mich anfangs nicht behaupten. Die haben mich komplett ignoriert. Sind über Tische und Bänke gelaufen, haben in der Ecke getanzt. Als ich die schlimmsten Schüler rauswerfen wollte, haben sie sich unter einen Tisch gesetzt und gesagt, dass ich nichts gegen sie ausrichten kann, weil ich sie nicht anfassen dürfe. Sowas ist heftig. Man kann dann zur Schulleitung gehen und um Hilfe bitten. Wenn die damit droht, den Eltern Bescheid zu geben, wirkt das. Die meisten Kindern haben wahnsinnige Angst vor Ärger mit ihren Eltern, gerade die muslimischen fürchten sich vor ihren Vätern.

Ich habe mich in diesem Fall aber nicht an die Schulleitung gewendet, sondern mir die Schüler einzeln vorgenommen und unter vier Augen mit ihnen gesprochen. Da merkten die plötzlich, dass ich auch nur ein Mensch bin und dass das so nicht geht. Die sind ja, was Empathie angeht, nicht blöd. Seither geht es viel besser.

Ich träume manchmal von der Arbeit. Ich erlebe sie zwar als sehr erfüllend und spannend, aber die Geschichten der Kinder beschäftigen mich. Ich bin wütend auf die Eltern, die nichts für ihre Kinder tun. Die kommen teilweise nicht einmal zu den Treffen, die wir mit ihnen verabreden, oder spielen Jugendamt und Schule gegeneinander aus. Ich habe einen Elfjährigen mit Computersucht. Wir haben für ihn einen Platz bei der Suchtberatung organisiert – und dann geht die Mutter da hin und sagt: „Mein Sohn hat kein Problem, der spielt nur samstags eine halbe Stunde Computer.“ So eine Lüge! Aber die Suchtberatung sagt: Na gut, wenn die Mutter das sagt, muss das stimmen.

Ich versuche, den Kindern so viel wie möglich mit auf den Weg zu geben. Ich spreche mit ihnen darüber, dass man sich regelmäßig waschen und die Klamotten wechseln soll. Manchmal habe ich Fünftklässler, die wie Penner riechen. Aber das Schöne ist, dass die meisten Kinder Hilfe und Aufklärung sofort annehmen und viel an Liebe und Dankbarkeit zurückgeben.

Das Privatleben

Ich arbeite etwa 50 Stunden die Woche. Ich mache das gerne und kann mich super strukturieren. Ich bin Frühaufsteherin und stehe Montag bis Freitag sowieso um zehn vor sechs auf. Dann bereite ich einiges vor, denn mein Unterricht geht nicht vor der dritten Stunde los. Bis nachmittags unterrichte ich, dann erledige ich viel Drumherum und ab 17 Uhr habe ich Feierabend. Die Wochenenden habe ich auch frei. Während der Schulferien fällt der ganze Schulbetrieb weg, das ist schön. Trotzdem hat man da nicht einfach frei. Die vergangenen Weihnachtsferien über saß ich zum Beispiel jeden Tag am Schreibtisch.

Das Geld

Ich bekomme ein A13-Gehalt, 3941 Euro brutto, werde also wie eine Gymnasiallehrerin bezahlt. Mit bleiben davon monatlich 3025 Euro netto. Davon gehen nur noch 250 Euro Krankenkasse ab. Das ist ein dickes Gehalt und ich bin sehr froh drüber. Alle drei Jahre gibt es Gehaltserhöhungen.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Es ist weniger so, dass die Leute mich zu meinem Job ausfragen. Eher beginne ich, darüber zu reden. Ich rege mich dann darüber auf, dass die Eltern meiner Schüler ihre Kinder so vernachlässigen. Ich finde das so traurig und ungerecht.

Erwartung vs. Realität

Mir war nicht klar, wie fachfremd man eingesetzt wird. Ich habe Deutsch studiert, unterrichte jetzt aber auch Kunst, Arbeit-Wirtschaft-Technik und Computergrundkenntnisse. Ein Halbjahr lang musste ich Hauswirtschaft unterrichten. Ich habe nie darüber nachgedacht, wie man das Schneiden einer Zwiebel unterrichtet. Oder richtiges Salzen. An unserer Schule gibt es für jedes Fach Ordner, in dem die Unterrichte vorbereitet sind. Da muss man sich dann einlesen.

Zukunftsvisionen

Vor Kurzem habe ich die Jahrgangsleitung übernommen, habe also schon eine Führungsrolle an meiner Schule. Im Frühjahr mache ich eine Fortbildung im Darstellenden Spiel. Ich finde es wichtig, dass die Kinder etwas machen, das nicht so verkopft ist. Ansonsten kann gerne erst mal alles bleiben, wie es ist.

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