Partner von

3550 Euro brutto für die Sterbebegleiterin

Anna Maria erlebt bei ihrer Arbeit viele schöne und berührende Momente.
Protokoll von Katja Neitemeier
  • jobkolumne hospiz cover
    Foto: Christoph A. Hellhake, DaSein e.V / dpa / Catherina Hess / Collage: jetzt.de

Der Job

Ich arbeite in einem sogenannten SAPV-Team bei einem ambulanten Hospizdienst. SAPV bedeutet spezialisierte ambulante palliative Versorgung. Wir begleiten unsere Patienten in ihrem Zuhause oder im Pflegeheim in ihrer letzten Lebensphase. Dabei betrachten wir sie ganzheitlich und beschränken uns nicht nur auf eine medikamentöse Behandlung. Es ist unser Ziel, ihnen ein würdiges Leben bis zum Schluss zu ermöglichen. Wenn etwa Frau H. Lungenkrebs hat und an Atemnot leidet, überlegen wir: Was verursacht die Atemnot? Ist der Krebs schlimmer geworden? Oder hat sie Angst? Im Gespräch mit der Patientin und den Angehörigen versuchen wir die Ursachen zu klären und Lösungen zu finden. Etwa ob wir eine Nachtwache organisieren müssen, damit Frau H. nachts nicht alleine ist, oder ob wir, nach Rücksprache mit unserem Arzt im Team, andere Medikamente geben sollten. Mein Job besteht also aus der Arbeit mit medikamentöser Symptomlinderung sowie der psychischen und organisatorischen Unterstützung von Patienten und deren Angehörigen.

Der Weg

Mit dem Thema Tod und Sterben bin ich schon früh in Berührung gekommen. Seitdem ich ungefähr 14 oder 15 Jahre alt war, arbeitet meine Mutter ehrenamtlich auf einer Palliativstation in meiner Heimatstadt. Da bin ich oft mit meiner Gitarre mitgegangen und habe für die Menschen dort gesungen. Ich fand es schön, ihnen eine Freude zu machen. Zu dieser Zeit hatte ich schon den Wunsch, im palliativen Bereich zu arbeiten. Damals war mir aber noch nicht so ganz klar, was es bedeutet, täglich mit sterbenden Menschen zu tun zu haben. Nach meinem Abitur habe ich erst ein FSJ in einem Krankenhaus gemacht. Anschließend habe ich an der Hochschule München Pflege dual studiert und gleichzeitig eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht. Nach meinem Studium arbeitete ich in einem Pflegeheim als Wohnbereichsleiterin. In dieser Zeit habe ich eine Palliative Care Weiterbildung begonnen. Diese dauerte insgesamt, über ein Jahr verteilt, vier Wochen. Vorraussetzung dafür ist, dass man bereits eine Ausbildung, etwa als Gesundheits- und Krankenpflegerin oder als Sozialpädagogin, abgeschlossen hat. Während der Weiterbildung habe ich meinen Arbeitsplatz gewechselt und bei einem ambulanten Hospizdienst zu arbeiten begonnen.

Der typische Tag

Mein Tag beginnt um 8.30 Uhr mit einer Übergabe. Diese dauert circa 45 Minuten, je nachdem, was sich während der Rufbereitschaft ereignete. Am Montag haben wir immer eine längere Besprechung. Da gehen wir alle Patienten einmal durch und berichten, was es Neues gibt und was am Wochenende passiert ist. Am Ende jeder Übergabe erfolgt die Tagesplanung. Gibt es Hausbesuche? Wer übernimmt die Hausbesuche von den Ärzten und von den Pflegekräften? Die Hausbesuche haben wir meistens bis ungefähr 15 Uhr erledigt. Spätestens dann wird dokumentiert und organisiert. Zum Beispiel wenn ein Patient ein neues Medikament braucht. Wie kommt dann das Medikament schnellstmöglichst zu ihm? Braucht der Patient einen Pflegedienst? Oder brauchen wir jemand, der nachts bei ihm bleibt? 

Die schwierigen Momente

Es gibt Patienten und Angehörige, die mich sehr berühren, weil ich mich in ihren Geschichten wiederfinde. Wir haben zum Beispiel eine Frau begleitet, die vor ihrer Krebserkrankung auch im palliativen Bereich gearbeitet hat. Genau wie bei ihr, besteht mein Alltag vor allem daraus, Patienten zu unterstützen, die sterben werden. Sie war Anfang 40 und hat einen siebenjährigen Sohn. Sie wirkte auch gar nicht wie jemand, der bald sterben würde, sondern wie eine sehr aktive und lebendige Frau, die viel mit dem Fahrrad unterwegs war. Was wäre, wenn jetzt bei mir Krebs diagnostiziert werden würde? Wie würde ich damit umgehen, wenn ich wüsste, dass ich bald sterben werde? Ich möchte eine Familie haben. Wenn ich dann mit einer Patientin zu tun habe, die ein kleines Kind hat, frage ich mich natürlich auch, was mit meinen Kindern passieren würde, falls ich jung sterbe.

In solchen Situationen fällt es mir teilweise schwer, mich abzugrenzen. Zum Glück konnte ich meine Bedenken bei meinen Kollegen ansprechen. Sie haben mich dabei sehr unterstützt.

Die schönen Momente

Es gibt bei meiner Arbeit viele schöne und bewegende Momente. Einen hatte ich in meiner Anfangszeit. Ich habe eine schwerkranke Frau mit einem Lippentumor betreut. Die Wucherung war zwar noch nicht so groß, trotzdem hat sie beim Essen und Trinken gestört. Einmal war ihr sehr übel und sie hat sich häufig erbrochen. Meine Kollegin und ich sind dann zu ihr gefahren, haben sie versorgt, gewaschen und das Bett frisch bezogen. Sie konnte nicht mehr sprechen, aber sie hat uns angestrahlt. Wir konnten ihre Dankbarkeit richtig spüren. Oder wenn jemand sagt: Dankeschön, dass ihr da seid. Oder: Es ist gut zu wissen, dass wir jederzeit anrufen können. Da merke ich, ich bin am richtigen Ort, ich mache die richtige Arbeit. Oft heißt es, dass man für todkranke Menschen nichts mehr tun kann. Das stimmt nicht. Schon mit kleinen Dingen kann man helfen.

Der Tod 

Wir haben im Team feste Rituale, die uns helfen, mit dem Tod umzugehen. Etwa gedenken wir einmal in der Woche den Patienten, die in der letzten Woche verstorben sind. Während dieser Sitzung erzählen wir uns von schönen Momenten mit den Patienten und freuen uns und lachen über manche Erlebnisse. Außerdem haben wir ein Gedenkbuch. Das ist ein Ordner, in dem wir für jeden Patienten eine eigene Seite anlegen. Diese gestalten wir mit Bildern oder Sprüchen, die uns an den jeweiligen Patienten erinnern. Jeder Mitarbeiter hat sein eigenes Ritual. Ich schreibe zum Beispiel den Angehörigen eine persönliche Karte. 

Tod ist immer schrecklich, weil ein geliebter Mensch nicht mehr da ist. Ein „schöner“ Tod ist für mich, wenn die Angehörigen die Möglichkeit bekommen, sich gut zu verabschieden. Dadurch wird der Trauerprozess erleichtert.

Menschen gehen sehr unterschiedlich mit dem Tod um. Manche wollen hören, dass sie sterben werden. Es fällt ihnen dann leichter loszulassen. Andere verdrängen es bis zum Schluss. Ich erinnere mich an eine Patientin, die nichts von Sterbebegleitung oder Hospiz hören wollte. Sie hatte bis zum Schluss die Hoffnung, gesund zu werden.

Wir sind hin und wieder dabei, wenn jemand stirbt. Das kann ein ruhiges, stilles Sterben sein. Da hören die Leute hören einfach auf zu atmen. Manchmal erleben wir es auch als Kampf. Man merkt, die Sterbenden hält noch etwas auf der Erde. Sie sind dann unruhig, als ob sie sich noch an irgendetwas festhalten. Zum Beispiel habe ich einen Mann begleitet, der auf seinen Sohn und die Enkeltochter gewartet hat. Der Sohn wollte eigentlich erst in zwei Wochen mit der ganzen Familie und der neugeborenen Tochter kommen. Als er gehört hat, wie schlecht es seinem Vater geht, ist er schon früher gekommen. Kurz nach dem er da war, ist sein Vater friedlich verstorben.

Das Leben

Seitdem ich bei einem ambulanten Hospizdienst arbeite, lebe ich bewusster. Ich sehe das Leben als Lebenszeit. Wenn ich zuhause putzen muss, denke ich nicht mehr „Oh Gott, ich muss jetzt putzen.“ Sondern „Hey das ist jetzt Lebenszeit, die ich in das Putzen investiere und danach ist die Wohnung sauber und ich fühle mich wohl.“ Ich versuche mein Leben positiver zu gestalten, weil ich jeden Tag erlebe, wie begrenzt die eigene Lebenszeit ist. Deshalb will ich mich nicht unnötig mit negativen Gedanken belasten.

Ich ernähre mich auch bewusster, rauche nicht und trinke nur wenig Alkohol. Ich habe gesehen, wie schädlich Zigaretten und Alkohol für den Körper sein können. Manchmal weise ich meine Freunde scherzhaft darauf hin, dass sie weniger rauchen oder trinken sollen. Aber ich würde zu ihnen nie direkt sagen, dass sie ihre Ernährung umstellen müssen. Das mache ich eher bei meinem Freund.

Durch meinen Beruf ist das Thema Tod in meinem Umfeld normaler geworden. Ich spreche etwa mit meinem Freund offener über Sterben und Tod. Zwar hat er noch keine Patientenverfügung erstellt, aber er hat eine Vorstellung davon, wie er sich sein Lebensende vorstellt.

Besonders am Anfang fiel es mir schwer, die Patienten gedanklich nicht „mit Nachhause“ zu nehmen. Aber mit der Berufserfahrung merke ich, dass das besser wird. In solchen Momenten hilft es mir Sport zu machen. Ich fahre zum Beispiel, so oft es geht, mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das pustet mir total den Kopf frei und hilft mir Abstand zu meiner Arbeit zu bekommen. Außerdem singe ich in meiner Freizeit  in zwei Chören.

Wenn mir ein Patient nahe geht, hilft es mir darüber zu reden. Zum Beispiel mit Kollegen oder mit meiner Mutter.

Ich merke selber, dass ich zwei Rollen habe. In der Arbeit bin ich Frau L., die professionell Menschen beim Sterben begleitet, und zu Hause bin ich Anna Maria, der der Tod immer noch nahe geht. Letztes Jahr hatte eine Bekannte einen tödlichen Autounfall. Sie war 30 Jahre alt, stand mitten im Leben. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, obwohl ich jeden Tag mit Tod und Sterben zu tun habe. Aber das Leben geht weiter.

Das Geld

Ich verdiene 3550€ brutto. Das Gehalt beinhaltet auch schon den Zuschlag für die Rufbereitschaft. 

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Wenn ich jemanden kennenlerne, und ich nach meinem Beruf gefragt werde, ist die erste Reaktion oft ein leicht erschrockenes „Oh“. Danach kommt die Neugier. Viele fragen mich dann, wie ich mit meinem Job umgehe und wie sich sterben anfühlt. Dabei kann ich das doch gar nicht sagen, weil ich noch lebe.

Andere Jobs: