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Die klassische Leader-Figur bringt Unternehmen nicht mehr weiter, meint Wolfgang Jenewein. In seinem Buch „Warum unsere Chefs plötzlich so nett zu uns sind“ erklärt der BWL-Professor, was junge Menschen von ihren Chefs erwarten können.

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Foto: Uni St. Gallen

jetzt: Herr Jenewein, welche Rolle spielt Arbeit in Ihrem Leben?

Wolfgang Jenewein: Eine große. Ich empfinde das aber nicht so, weil ich auch mit Freunden zusammenarbeite und mir das, was ich tue, Spaß macht. Das ist dann eher positiver Stress. Es ist schlecht, wenn Spaß zu Arbeit wird. Im Idealfall ist es andersrum, dass Arbeit zu Spaß wird.

Sie schreiben an einer Stelle Ihres Buchs, dass es Teams gibt, die ohne Chefs viel besser funktionieren. Wozu brauchen wir dann überhaupt noch Vorgesetzte?

Ich plädiere auf jeden Fall für weniger Hierarchien und wechselnde Führungskräfte. Der klassische Chef oder die Chefin macht nur Sinn, wenn er oder sie das Team zu mehr Leistung anregt. Gerade in einem Umfeld, wo es immer mehr digitale Produkte gibt und die Halbwertzeit des Wissens immer kürzer wird, sollten sich Führungkräfte immer wieder selbst fragen: Kann ich dem Team wirklich noch neue Impulse geben? 

Man sollte die Generation Y viel früher an die Macht bringen – und auch die darauffolgende, die Z-Generation. Grade in einem Umfeld, wo es immer mehr digitale Produkte gibt, müssen sich die Chefs damit auch auskennen. Statt dieser Generation nur kleinteilige Aufgaben zu geben und sie sich „hocharbeiten“ zu lassen, sollte man sie empowern und ihre Stärken nutzen.

Das Wohl der Angestellten steht laut ihrem Buch immer mehr im Zentrum der Unternehmensführung. Woher kommt dieser Wandel?  

Diese Entwicklung hat mit zwei einschneidenden Faktoren zu tun. Durch die Digitalisierung entstanden einerseits neue Arbeitsmodelle mit flexiblen Arbeitszeiten und neuen Formen der Zusammenarbeit. Andererseits hat die Generation Y, also die Generation, die Mitte der Achtziger geboren und mit dem Internet groß geworden  ist, ganz andere Bedürfnisse als frühere Angestellte. Sie suchen auch im Job nach Selbstverwirklichung und wollen oft einer sinnvollen Arbeit nachgehen, die der Gesellschaft was bringt. 

Wie sähe dieser perfekte Arbeitsplatz für die Generation Y aus?

Das perfekte Unternehmen gibt es nicht. Jedes Unternehmen sollte einen ernsthaften Zweck erfüllen und die Frage „wozu?“ klar beantworten können. Das „wozu“ ist heute vielen Unternehmen verloren gegangen. Wenn selbst die Chefs nicht wissen, wozu ihre Mitarbeiter überhaupt arbeiten, dann wird da auch nicht viel Einsatz zurückkommen. Die Generation Y fordert viel mehr als früher diesen Zweck ein.   

Wie müssen sich Vorgesetzte der Generation Y anpassen?

Ohne Begeisterung und Leidenschaft werden Menschen nicht über sich selbst herauswachsen. Dafür müssen Chefs und Chefinnen aber selbst auch wissen, warum sie ihren Job tun, um andere dafür begeistern zu können. Erfolg und Profit reichen als Ziele nicht mehr aus. Emotionalität ist heute deshalb viel wichtiger als früher, wo einfach nur abgearbeitet wurde. Die Generation Y sucht auch auf der Arbeit nach ideellen Werten. Man muss als Chef oder Chefin aber auch nicht alles mitmachen. Ein Problem dieser Generation ist, dass sie sehr viel Anerkennung erwartet, weil sie das aus ihrem Alltag auch gewohnt ist. Auf der Arbeit bekommt man aber nicht permanent „Likes“, da müssen beide Seiten Zugeständnisse machen.  

Wir sprechen die ganze Zeit von einer Generation, die es sich aussucht, flexibel und selbstbestimmt zu arbeiten. Aber was ist mit den Jobs, die solche Dinge nicht bieten? Klos putzen zum Beispiel.  

Diese Menschen garantieren oft den sogenannten „social glue“, den sozialen Klebstoff der Unternehmen, und darüber sollten sich die Chefs auch bewusst sein. Wachschutzpersonal oder Reinigungskräfte haben viel Kontakt zu allen anderen im Unternehmen und können viel zur Stimmung beitragen. Wir müssen ganz neu über den Zweck solcher Tätigkeiten nachdenken. Ich glaube daran, dass eine Putzkraft inspiriert werden kann. Dazu müssen die Chefs die anderen Mitarbeiter aber auch dafür sensibilisieren, wie wichtig diese Jobs sind.

Das hört man als alteingesessener Chef wahrscheinlich nicht so gern.

In meinen Seminaren reagieren die meisten Führungskräfte erstmal sehr positiv. Die Frage ist aber, wie ernsthaft sie dabei sind. Da erlebe ich, dass ungefähr 20-30 Prozent etwas verändern wollen. Der Rest beobachtet und findet das spannend, verändert aber nichts.

Sie schreiben, dass Firmen wie Apple Imageschäden riskieren, weil sie billig in China produzieren. Inwieweit hängt die Vision der „schönen neuen Arbeitswelt“ davon ab, dass andere weiterhin für uns die Drecksjobs machen?

Wenn Unternehmen größer werden als Staaten, dann wird die Politik einlenken müssen. Ausbeutung zu verhindern, ist Aufgabe der Politik. Ich habe ein positives Menschenbild und kämpfe dafür, dass Unternehmen zunächst bei sich selbst was verändern. Die Kunden haben sich schon verändert, im Vergleich zu früher. Früher lautete die Devise „Verkauf um jeden Preis“. Von dieser „Geiz ist geil“-Mentalität haben wir uns ja zum Glück entfernt. Wir sind viel sensibler geworden und hinterfragen, was die Unternehmen uns verkaufen. Skandale über unmenschliche Arbeitsbedingungen können heute viel schneller zu einem Shitstorm führen und dem Image des Unternehmens massiv schaden.  

Wie sehen die Unternehmen der Zukunft aus?

Die Zeit der Rabattschlachten ist vorbei. Immer mehr Unternehmen setzen darauf, dass ihre Kunden, aber auch ihre Mitarbeiter zu ihnen passen. Dazu muss die Belegschaft genauso davon überzeugt sein wie ihre Chefs, das Richtige zu tun. Dieser Führungsstil zieht die junge Generation an. Das sind Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit und Verantwortung setzen, statt die Kunden zu verführen.

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