Ist die Berührung okay, oder nicht?

Ist die Berührung okay, oder nicht?

Foto: Matheus Ferrero / Unsplash

Liebe schwule Jungs,

dass zwei gute Freunde sich nach ein paar Bier gerne mal auch körperlich ihre Zuneigung versichern, ist eine schöne Sache und sollte den Alkohol eigentlich gar nicht nötig haben. Da drückt der eine dem anderen im Suff einen Schmatz auf die Backe, man liegt sich zum Lieblingslied in den Armen, oder lallt dem Gegenüber „WeisseichhabdicheinfachsoKRASSgern“ ins Ohr.

Seit ein paar Jahren werden solche Momente als „Bromance“ bezeichnet, ein Wort, das mit der Betonung auf „Bro“ möglichst deutlich und mit zehn Ausrufezeichen mitteilen soll: Ja, wir fassen uns hier grade an und brüllen uns romantische Dinge ins Ohr, aber bitte bitte nicht falsch verstehen – wir sind garantiert total heterosexuell!

Warum das Ganze nicht einfach als eine „ziemlich enge Freundschaft“ bezeichnen? „Weil aus Freundschaft, so viel weiß man, ,auch mal mehr’ werden kann, braucht man einen Begriff, der das Nichtsexuelle schon in sich einbetoniert hat, damit alle wissen: no homo“, schreibt dazu Margarete Stokowski in ihrer Kolumne über die seltsame Berichterstattung zum Aufeinandertreffen von Macron und Donald Trump.

Ist unsere Hemmung, euch mal kurz zu drücken, vielleicht größer, als wir wahrhaben wollen?

Diese panische Betonung der garantierten Homo-Unverdächtigkeit könnte man sicher mal eine eigene Homos-fragen-Heteros-Frage widmen, in der mal ergründet würde, woher diese Panik eigentlich kommt. Heute soll es aber um eure Wahrnehmung der Zärtlichkeiten von Seiten eurer Heterofreunde gehen:

Ist unsere Hemmung, euch mal kurz zu drücken, vielleicht größer, als wir wahrhaben wollen? Wenn schon die Umarmung eines Heterofreundes sich begrifflich von jeglicher Homo-Tendenz abgrenzen muss, wie sieht es dann mit der Umarmung eines Schwulen aus? Habt ihr das Gefühl, dass sich dabei so mancher Hetero plötzlich anders verhält? Distanzierter? Sich danach umständlich erklärt, weil er aus unerfindlichen Gründen bei jeder Berührung eines Schwulen die Alarmglocken klingen hört? Oder umgekehrt: Ist es tatsächlich auch schon mal vorgekommen, dass ihr freundschaftlich gemeinten Körperkontakt als spontan-schwule Interessensbekundung missverstanden habt? Gibt es auch übergriffige Annäherungen, in der die freundschaftliche Touchiness plötzlich einen unangenehmen Beigeschmack bekommt? Und, mal so für Dummies: Wie sollte ein unverkrampfter und respektvoller Umgang bei sowas aussehen?

Bussi,

eure Jungs

Die Jungsantwort:

Jungs-Antwort

Liebe Jungs,

wir lernen uns auf einer Party von gemeinsamen Freunden kennen, labern, trinken, rauchen, lachen – kurz: ein Bombenabend. Irgendwann, wenn Sonnenstrahlen den Qualm in der Küche durchlöchern, kommt die Verabschiedung. Alle werfen sich einander in die Arme, ganz selbstverständlich. Bis der Hetero und ich dran sind.

In diesem klitzekleinen Moment erkenne ich oft Ratlosigkeit mit leichter Tendenz zur Panik im Gesicht und der Körpersprache meines Gegenübers. Eine kleine Auswahl, was darauf schon so gefolgt ist: Bro-Faust. Super unangenehmes Winken. Peace-Geste. Völliges Erstarren. Oder Klassiker: Ausholen zum High-Five, was von mir als Umarmungsansatz fehlinterpretiert wird und dadurch in einer verunglückten Standardtanz-Pose endet.

Klar, irgendwie fühlt sich das komisch an, wenn der super Vibe plötzlich total stockig wird. Denn nein, ich kann mich an keinen freundschaftlichen Körperkontakt in den letzten 15 Jahren erinnern, den ich als Interessensbekundung missverstanden hätte. Dazu gehört doch auch einfach mehr als eine lockere Umarmung. Manche meiner männlichen Hetero-Freunde verabschiede ich mit Küsschen auf den Mund – und ich weiß zu hundert Prozent, dass da niemals was laufen wird. Von beiden Seiten aus.

Während das bei meinen Freunden alles gar kein Thema ist, gibt es bei manchen neuen oder losen Bekanntschaften aber einen Punkt, der tatsächlich oft nervt. Manche Hetero-Jungs erwähnen nämlich gerne immer wieder, dass sie „voll nicht schwul“ sind, wenn sie uns schwulen Jungs sagen, dass sie uns mögen. Fast wie ein Tweet, der mit #nohomo neutralisiert wird. Das fühlt sich dann an, als gäbe es einen Generalverdacht: „Der ist schwul, also findet er mich geil, weil er ALLE Männer geil findet.“ Finde ich aber gar nicht. Genau wie ihr nicht auf alle Mädchen dieser Welt steht.

Das andere Extrem gibt es übrigens auch, meist im Partykontext. Ich nenne es „Die Mutprobe“. Da möchten manche Hetero-Jungs zeigen, WIE cool sie mit meinem Schwulsein sind. Das kann dann von lustig Tanzen, Gesprächen über Gayporn und Poppers bis zur Hand in der Hose gehen – je nachdem, wie viel getrunken wurde und wo wir die Grenzen setzen. Aber das ist definitiv die seltenere Variante.

Auch wenn ihr euch bei uns machmal nicht sicher seid: Wir wissen genau, wie sich freundschaftliche Zuneigung von einem Hetero-Jungen anfühlt. Sehr genau. Die meisten von uns haben in der Pubertät nämlich mal für einen von euch geschwärmt. Haben jeden Blick, jede Bewegung analysiert, waren traurig – und haben irgendwann erkannt, dass wir da einerseits total überinterpretiert haben und andererseits Liebe sehr viel schöner ist, wenn man die gleiche Orientierung hat und somit auch beide on Board sind.

Also entspannt euch bitte und vertraut uns einfach. Denn in diesem Fall sind wir die Fachmänner. Ich für meinen Teil bin dazu übergegangen, die seltsame Situation durch ein „Lass dich drücken!“ gar nicht mehr aufkommen zu lassen. Schaut euch das doch gerne ab! Der unverkrampfte und respektvolle Umgang ist nämlich ziemlich einfach: Er funktioniert genau so, wie im ersten Absatz meines Textes beschrieben – nur, dass wir zusammen einfach noch den letzten Satz streichen müssen.

Bussi zurück und lasst euch drücken,

eure Jungs 

Was die schwulen Jungs gerne von dern Hetero-Jungs wüssten: