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Fotos: Unsplash / Collage: Daniela Rudolf

Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Ich mag meine Arbeit. Aber kaum eine Zeit im Jahr ist für mich als Freiberuflerin anstrengender ist als das Jahresende, an dem Dinge wie die Umsatzsteuer oder Auftragsakquise für das neue Jahr anstehen. Das geht den meisten Menschen so, mit denen ich darüber spreche. Auch denen, die nicht von der Lohnarbeit gefordert sind.

Gleichzeitig gibt es kaum eine Zeit, in der wir mit mehr medialen Bildern konfrontiert werden, die uns suggerieren, wir – die Ausgebrannten, die auf dem Zahnfleisch ins Jahresende kriechen – seien die Fehlgeleiteten. Denn gerade jetzt sind Zeitungen, Internet und Fernsehen voll von Bildern sich in Wolldecken kuschelnder, Schokolade mampfender, bastelnder und permanent glückseliger Kleinfamilien.

Die Augen leuchten, die Wohnungen sind perfekt geputzt und der größte Stress besteht darin, sich auf zu backende Plätzchensorten festzulegen. Alle Menschen tragen Wollpullover und basteln von Herzen kommende und persönliche Geschenke, während sie auf magische Weise mit der rechten Hand im Glühwein rühren und mit einer weiteren, aus dem Nichts aufgetauchten Hand die seidigen Haare der braven Kinderlein streicheln, die geduldig Adventskalendertürchen aufmachen.

Niemand ist am Rand des Nervenzusammenbruchs.

Niemand arbeitet sich den Arsch ab, um kommende Rechnungen zu begleichen.

Niemand flucht dem Paketdienst hinterher, weil die Amazon-Bestellungen, die sie mit schlechtem Gewissen gemacht hat, auch noch im gottverdammten Fahrradladen mit den komischen Öffnungszeiten abgegeben wurden.

So weit, so verlogen.

„Hygge” kommt aus dem Dänischen und bedeutet „Behaglichkeit“ 

Was mich aber wirklich rasend macht, ist, dass in den letzten Jahren die subtile Hirnwäsche, dass auf der Welt am Jahresende nur versonnen lächelnde Wollpullovermenschen auf Sofas existieren, erweitert wurde. Die Kampfzone der Weihnachtslüge ist auf die gesamte so genannte „dunkle” Jahreszeit gesuppt. Und weil man einen Begriff brauchte, den man vermarkten kann, nannte man das ganze „Hygge”.

„Hygge” kommt aus dem Dänischen und bedeutet im Großen und Ganzen „Behaglichkeit“. Ansonsten scheint die Auslegung des Begriffs etwas vage zu sein –  in der englischen Wikipedia werden zwei Menschen, die einander gegenübersitzen und zuprosten mit den Worten „Let’s hygge” untertitelt.

Kein Grund, für einen deutschen Verlag, nicht ein eigenes Magazin um den Begriff zu stricken. Zynisch betrachtet ist Journalismus wenig anderes als die Bemühung, den Platz zwischen Werbeanzeigen zu füllen. Magazine erfüllen diese Aufgabe noch ergebener als Zeitungen. Man denke nur an Modezeitschriften, bei denen es auf den ersten 50 Seiten um nichts anderes als Anzeigen geht. Oder an Beilagen von Wochenzeitungen, die sich regelmäßig dem Menschheitsthema „Luxusuhren” widmen – eine ganze Ausgabe lang.

 

Es ist also grundsätzlich nicht verwunderlich, dass Verlage ständig neue Trends suchen, die es zu kommerzialisieren gilt. Aus dem abstrakten Begriff der „Behaglichkeit“ wird ein mit Bedeutung aufgepumpter Modebegriff. Statt seinen Leser*innen zu helfen damit klarzukommen, welche Bedeutungslosigkeit ihr Leben im kapitalistischen Verwertungskontext hat, und mit ihnen zu fühlen, wie schwierig es ist, das Jahresende ohne Nervenzusammenbruch zu überstehen, werden Duftkerzen im Gegenwert eines Wocheneinkaufs einer vierköpfigen Familie getestet. In Großbritannien hat der Trend inzwischen die Bücherregale erreicht. Nach dem letzten Schrei des Aufräum-Diktats von Marie Kondo darf mir jetzt Marie Tourell Søderberg ein schlechtes Gewissen machen, weil ich mir schon wieder keinen Adventskranz selbst gebastelt habe. Oder nicht die Zeit habe, mich überhaupt mit der Idee eines selbstgebastelten Weihnachtskranzes zu beschäftigen.

 

Guck dir die Dän*innen an! Die sind die glücklichste Nation der Welt

 

Der Hygge-Kult hat mit anderen Lifestyle-Predigten gemeinsam, dass er die Realität von 99 Prozent der Zielgruppe – Stress zu haben und generell gegen das Energiedefizit der lichtarmen Winters zu kämpfen – in ein Defizit verwandelt. Wer keine Zeit für selbstgebastelte Weihnachtsgeschenke hat, weil sie kaum die Energie aufbringt, den Alltag zu bewältigen, macht einen Fehler.

 

Guck dir die Dän*innen an! Die sind die glücklichste Nation der Welt, sagt der Hygge-Kult. Und die Norweger*innen erst! Das liegt bestimmt daran, dass sie ihre Häuser mit Weihnachtpappsternen dekorieren, und nicht an lächerlichen Faktoren wie Sozialsystemen, die auf mehr Interessensgruppen als verheiratete Alleinverdienerfamilien ausgerichtet sind!

 

Nicht hilfreich ist in diesem Zusammenhang der öffentliche Lebensstil-Schwanzvergleich namens Instagram. Endlos scrollen wir durch Szenen des Glücks, uns verlierend in den Glücksversprechen von inszenierten Situationen an Orten, die wir bereisen wollen, weil wir glauben, dass sie uns interessanter machen, als wir es selbst je sein könnten.

 

Statt uns ein schlechtes Gewissen zu machen, dass wir nicht behaglich genug leben, sollten wir uns klar machen, dass der Kult um die skandinavische Behaglichkeit nicht mehr ist als eine weitere Verkaufsmasche. Die Claims der Hygge-Industrie wie „Just be happy” suggerieren uns, unser Wohlbefinden sei ein Zustand, den wir stets und ständig frei wählen und frei gestalten können. Dieser Gedanke ist nicht so harmlos, wie er daherkommt, da er letztlich aus dem gleichen argumentativen Boden sprießt wie die Idee, Depression sei keine Erkrankung, sondern ein bisschen schlechte Stimmung, gegen die sich Betroffene einfach wehren könnten, wenn sie es nur genug wollten. Aber das ist falsch.

 

Es gibt überwältigend viele Gründe, sich buchstäblich unter einer Decke zu verkriechen

 

Gleichzeitig verstehe ich, was den Hygge-Kult zum internationalen Verkaufsschlager macht. In einer Zeit, in der Rechtsextreme in den Bundestag gewählt werden, ein Kriminalkomissar in Bürger*innengesprächen rechtsextreme Verschwörungstheorien verbreitet und es einen US-Präsident gibt, der es okay und sogar wünschenswert findet, sexualisierte Gewalt gegen Frauen anzuwenden, wirkt die Welt an manchen Tagen wie ein riesiger, brennender Müllhaufen. Gefühlt minütliche Updates über das Abkacken des Planeten aufgrund des Klimawandels tun ihr Übriges. Genau wie armselige Reaktionen deutscher Zeitungen auf die globale #metoo-Bewegung, in denen der Verfasser oder die Verfasserin versucht, die Erfahrungen von Millionen von Frauen nichtig zu machen oder Schuld umzukehren.

 

Es gibt überwältigend viele Gründe, sich buchstäblich lieber unter eine Decke zu verkriechen und dem Ende der Welt entgegen zu dämmern, als in dieser Realität zu leben. Und ein System, das besonders weiche Decken propagiert und uns damit ablenkt, welcher Scherenschnitt den perfekten Weihnachtsstern hervorbringt, hat einen großen eskapistischen Reiz.

 

Aber die Flucht vor der Beschissenheit der Welt und vor dem Stress, in den wir gerade am Jahresende stürzen, braucht kein Verkaufsetikett. Für den Anfang würde es eher helfen, uns zu vergegenwärtigen: Behaglichkeit und Wohlbefinden sind nicht immer in unserer Macht und das ist okay. November und Dezember in ständiger Geschäftigkeit zu verbringen, weil wir keine Wahl haben, wann unsere Rechnungen fällig werden, ist okay. Lebensqualität hängt auch davon ab, wie viel Zeit wir haben, um mit Menschen rumzuhängen, mit denen wir gerne zusammen sind. Manchmal ist es schwierig, diese Zeit zu finden – für uns oder für die Freund*innen. Und auch das ist okay.

 

Statt unser schlechtes Gewissen mit einem neuen Magazin, einem Lifestyle-Blog oder Instagram-Inszenierungen zu befrieden (und damit paradoxerweise nur weiter zu füttern, weil wir niemals so perfekt sein können wie inszenierte Medienwelten), sollten wir uns klar machen, dass innerer Frieden kein Orden ist. der uns von den entspannten Hegge-Menschen verliehen wird, wenn wir nur schön genug gebastelt haben.

 

Eher ist er ein Momentzustand. Manchmal können wir etwas dafür machen, dass er sich einstellt, auch ohne dafür Magazine zu kaufen oder dänischen Lifestyle-Gurus zu folgen. Und manchmal können wir nur akzeptieren, dass wir gerade andere Dinge um die Ohren haben, als uns um unsere Behaglichkeit zu kümmern.

Dieser Text erschien zuerst auf kleinerdrei.org . Wir veröffentlichen hier eine gekürzte Fassung.

 

Kleinerdrei ist ein Gemeinschaftsblog, das 2013 von Anne Wizorek gegründet wurde. Zehn feste Autor_innen und sieben Kolumnist_innen schreiben hier regelmäßig über alles, was ihnen am Herzen liegt. Daher auch der Name kleinerdrei, der im Netzjargon für ein Herz steht: eben ein <3. Die Themen reichen dabei von Politik bis Popkultur und werden stets aus einer feministischen Perspektive betrachtet. Im Jahr 2014 wurde kleinerdrei in der Kategorie „Kultur und Unterhaltung” für den Grimme Online Award nominiert.

 

Die Autorin Juliane Leopold arbeitet als freie Journalistin, Redakteurin und Beraterin. Sie war die Gründungschefin von BuzzFeed Deutschland, Redakteurin bei der Zeit, Zeit Online und der Neuen Zürcher Zeitung. Bei Kleinerdrei schreibt sie meistens über: #Fernsehen #Celebrity und #Ladything.

 

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