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Sind Weihnachtsmärkte besinnlich oder bescheuert?

Unsere Autoren sind da ganz unterschiedlicher Meinung. Folge drei unserer Serie zu den großen Streitfragen um Weihnachten.
Von Quentin Lichtblau und Lara Thiede
pro conta weihnachtsmarkt cover
Illustration: Daniela Rudolf

Die (Vor-)Weihnachtszeit ist voll von kleinen Ritualen und großen Traditionen. An ihnen scheiden sich jährlich die Geister: Die einen hassen den Trubel rund um das Fest, die anderen genießen nichts mehr. Folge drei der großen Streitfragen rund um Weihnachten: Das Pro und das Contra zum Thema „Weihnachtsmarkt“.

Für Lara bedeuten Weihnachtsmärkte die wohlriechendsten Feierabende:

Wenn ich mich jetzt, in dieser Sekunde, entscheiden müsste, wo ich lieber hingebeamt werden würde: an einen Strand in Panama mit türkisblauem Wasser oder aber auf einen Weihnachtsmarkt in der bayerischen Provinz – ich würde wahrscheinlich den Weihnachtsmarkt wählen. Im Dezember kann mich nichts und niemand aus Deutschland abwerben. Ich bin im Genießer-Modus.

Denn er riecht so schön, dieser Markt. Der Glühwein dampft all die guten Dinge aus, die in ihm stecken. Zimt, Orangenschalen, Sternanis. Und Wein natürlich. Zutaten, die eine Welt wieder heil machen können. Vergangene Woche habe ich herausgefunden, dass es Menschen zu geben scheint, die Glühwein nicht mögen. Eigentlich habe ich für so ziemlich jede Geschmacksverirrung Verständnis. Dafür, dass offenbar nicht alle Menschen pro Glühwein sind, habe ich keines.

Aber beim Weihnachtsmarkt geht es ja nicht nur ums Trinken. Es geht vor allem darum, gemeinsam gemütlich zu sein: Holzhütte reiht sich an Holzhütte, die wenigen Lichter tauchen alles in ein Potpourri aus Rottönen. Irgendwo knistert ein Lagerfeuer, ein Seniorenchor singt Weihnachtslieder. Endlich mal kein „Boom Boom“ am Abend.

Gestern wollte ich Freunde aus Israel deshalb mit zum Weihnachtsmarkt nehmen. Als die dann allerdings herausfanden, dass der Outdoor stattfindet, war der Vorschlag vom Tisch. Viel zu kalt, sagten sie. Endlich schön kalt, dachte ich. Ich liebe es, wenn die Dezembertemperaturen meine Nasenschleimhäute einfrieren. Das klingt zwar nicht besonders sexy, kitzelt aber sehr schön und gibt meiner Nase das Gefühl, mal wieder so richtig am Leben zu sein.

Auch die roten Nasen anderer Leute freuen mich auf dem Weihnachtsmarkt. Denn sie beweisen mir, dass er die uneitelste Gelegenheit ist, den Feierabend zu zelebrieren. Niemand würde dort auf die Idee kommen, mal eben zum Abpudern auf die Toilette (auf welche auch?) zu verschwinden.

Abtrünnig werde ich dem Glühwein- oder Bratwurststand eigentlich nur dann, wenn die Füße sich nach dem Kauf warmer Socken aus Alpakawolle sehnen. Oder die Geschenkenot mich zu den netten Damen vom Wir-tun-Gutes-Verein treibt, die Kerzen aus Bienenwachs verkaufen. Mei, wie die riechen! Auf dem Weihnachtsmarkt bin ich sehr zufrieden mit der Welt.

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Quentin verachtet Weihnachtsmärkte, auch und vor allem die vermeintlich „besonderen“:

 

Dass lieblose Großstadt-Weihnachtsmärkte ein abstoßender Graus sind, darüber müssen wir doch eigentlich nicht diskutieren. Schlimmer als jede Angestellte mit Echtfuchspudelmütze, die nach der vierten Afterwork-Feuerzangenbowle ihr dunkelrotes Verständnis von Besinnlichkeit in den Schnee kotzt, sind aber die Verfechter vermeintlicher „Underground“-Weihnachtsmärkte. Die sind dann angeblich echter, trotz dem „Markt“ im Namen so ganz und gar nicht auf Profit ausgerichtet und mit total viel Liebe gemacht. Hätte ich ja auch nicht gedacht, ich mag sowas ja sonst nicht, aber ach – sowas sagen diese Menschen über ihre „Entdeckungen“.

 

Die Märkte haben dabei meist sehr widerliche Namen, irgendwas mit Zauber, Märchen, Funkeldunkel, das winterliche Pendant zu  Klangträumerfiedelbums-Wortverbrechen, nach denen im Sommer schlechte Technofestivals benannt sind. Oder sie heißen eben einfach Tollwood. Die finden dann in irgendwelchen Industriebrachen statt oder, Königsklasse, in weit entlegenen Dörfern, die man nur mit dem SUV erreicht.

 

Der Glühwein heißt dort Power-Chai und die Pudelmützen kommen von glücklichen Füchsen in Kenia, die sich damit eine eigene Existenz oder sowas aufbauen können. Dazwischen ganz viel Kunst, nein, KunstHANDWERK, weil Kunst kauft ja keiner und man will keine Assoziationen mit Akademieabsolventen auf Hartz IV wecken, die pinkeln ja nur Leinwände an und wollen Geld dafür. Aber Kunsthandwerk, das sind richtig geile Produkte, von bei Minusgraden schwitzenden Männern live am Amboss gehämmert. Diese „in echter Handarbeit“ entstandenen Produkte sind noch dazu unfassbar „wertig“, was wörtlich genommen nichts anderes als teuer heißt. Aber mit ihnen kann man richtig viel anfangen, wer freut sich denn nicht über einen bronzenen Regenmesser mit Drahtblume? Passt der nicht super in den nicht vorhandenen Garten? Mein Mitlleid gilt hier allen Beschenkten.

 

Wie immer kann natürlich jeder machen, was er will, freie Marktwirtschaft, freie Pudelmützenträger. Es gibt ja angeblich auch Leute, die sich über Regenmesser freuen. Schlimm ist nur, dass Weihnachtsmarktbesuche mittlerweile zum gesellschaftlichen Zwang geworden sind: Mit den alten Schulfreunden oder Arbeitskollegen wird da auf Teufel komm raus ein Termin erdoodlet, als ob es vor Weihnachten nicht schon genug steife Saufanlässe gäbe.

 

Noch dazu blockieren die Märkte den eh schon knappen öffentlichen Raum, oft wird man ganz unfreiwillig auf dem Heimweg zum Besucher, weil der Heimweg eben über den Platz führt. Und gerade, wenn man seinen ganzen Hass auf diese Inszenierung von Schrottgegenständen in die Welt schreien will, sieht man aufrichtig verzauberte Kindergesichter, die die zwei frierenden Studenten neben der Plastikpuppe im Heu da tatsächlich für Maria und Josef halten. Dann reißt man sich zusammen, ignoriert diese seltsam nostalgische Wärme, die da gerade in einem aufsteigt – und rennt nach Hause.

 

 

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