horrordate wein cover
Grafik: jetzt/ A. Guillemin. - Barcelona Montaner y Simón

Dating-Situation: eine Woche Besuch in Berlin

Geschlecht und Alter des Dates: Weiblich, Ende 20

Horror-Stufe: 7 von 10

Ganz im Sinne der Klischeeerfüllung war ich nach dem Ende einer langjährigen Beziehung zum temporären Tinder Heavy-User mutiert und habe im mich im Verlauf zu der ein oder anderen Dummheit hinreißen lassen. Vermeintlich Verpasstes nachholen und so. Mit Abstand die unglücklichste Begegnung war wohl diese:

In war zu Besuch bei Freunden und für ein Konzert in einer größeren Stadt in NRW. Leider fand ich einfach keine Zeit, um mich mit meinem neuesten Match Anna* zu treffen (fürs Swipen blieb natürlich genügend Zeit), auch wenn sie nach den ersten Nachrichten eigentlich ganz nett wirkte. Ein paar Tage später war ich zurück in meiner damaligen Heimat Berlin und war überrascht, noch mal etwas von Anna zu hören: „Hey, ich bin bald für eine Woche beruflich in Berlin, aber sie zahlen mir keine Unterkunft. Hast du eine Idee?" Die richtige Antwort wäre wohl ein Let-Me-Google-That-For-You-Link gewesen, der zum Stichwort „Hostel Berlin günstig" eine Reihe ungemütlicher Orte voller Rucksacktouristen und Kegelclubausflüglern ausgespuckt hätte.

Stattdessen stellte sie nach kurzem hin und her die Frage: „Kann ich zu dir kommen Sebastian?? :)" Woraufhin sie von mir eine hormongesteuerte Antwort zu hören bekam: „Na klar! Wir haben zwar kein Sofa, aber wenn es dir nichts ausmacht, bei mir im Bett zu schlafen, kannst du gerne hier wohnen."

Und so ging es dann los. Es kam also eine mir bislang nur übers Handy bekannte Person nach Berlin, um dann ein einwöchiges „Date" mit mir und meinem WG-Zimmer zu haben. Ausweichmöglichkeit: null. 

Leider stimmte die Chemie von Anfang an überhaupt nicht. Am späten Abend, als Anna ankam, waren wir beide wenigstens relativ müde und hatten uns schon mit einigen Bieren eine Mindestportion Mut angetrunken. Da konnte ich das noch vor mir selbst rechtfertigen. Im Bett gelandet sind wir nach einer knappen halben Stunde. Natürlich. Es gab ja auch kein Sofa. Ohne weitere Gespräche hat auch eigentlich alles soweit akzeptabel funktioniert – wie es das halt tut, wenn man sich gerade erst körperlich kennenlernt. Am nächsten Morgen ging es dann für beide früh los, sie musste auf eine Messe, ich ins Büro.

Am Abend fand dann das eigentliche, richtige „erste Date" statt. Mit Reden und so. Setting: eine hippe Weinbar irgendwo zwischen Kreuzberg und Neukölln. Damals war es um meine Weinkenntnis so bestellt, dass ich schon froh war, die Farbe eines Weins richtig benennen zu können, wenn er mir ins Glas geschenkt wurde. Also überließ ich ihr die Wahl. Sie hatte eine recht genaue Vorstellung davon, was sie wollte: „Fruchtig, aber nicht zu fruchtig. Trocken, aber nicht zu trocken. Ein bisschen Säure, aber nicht zu viel."

Der Kellner brachte ihr Glas Nummer 1 zum probieren, das sie mit einem: „Nee, der ist nicht gut" gleich wieder zurück an die Bar gehen ließ. Ähnlich ging es dem Schluck in Glas Nummer 2 : „Nein, der schmeckt auch leider nicht." Nachdem auch das dritte Glas für „nicht gut" befunden wurde, traute sich der Kellner zu sagen, dass eigentlich alle Weine gut seien – nur eben nicht nach Jedermanns Geschmack. Ab da wurde sie pampig und schroff. Und watschte noch drei weitere Probierschlücke ab. Beim siebten (!) Glas murmelte sie dann nur noch: „Ok, dann nehme ich halt den. Der ist zwar auch nicht gut, aber egal."

Ich tippte nur still und mit gesenktem Blick auf den zweitgünstigsten Weißwein der Karte und quittierte den Probierschluck mit einem knappen „Ja, super. Nehme ich".

Nach dem Anstoßen schaute sie plötzlich leicht irritiert und griff nach einer Serviette. „Vielleicht sollte ich den vorher rausnehmen", sagte sie ohne große Reue, während sie ihren Kaugummi ausspuckte. Den Kaugummi, den sie während der ganzen Weinprobe im Mund gehabt hatte. Ich habe noch nie so viel Trinkgeld für zwei Gläser Wein da gelassen.

Der Rest der Konversation war auch eher bescheiden. Gute Voraussetzungen also dafür, dass sie noch eine ganze Woche lang bei mir wohnen würde. Nach drei Tagen habe ich mir dann eine Ausrede von zurückkehrenden Mitbewohnern ausgedacht, die keinen Besuch dulden, um meine Ruhe zu haben.

Die Anstands-Konversation nach ihrer morgendlich Abreise übers Handy verlief so: „Du hast scheinbar so tief und feste geschlafen. Da wollte ich dich nicht wecken. Der Schlüssel liegt auf dem Schreibtisch. Danke für dein Obdach!" „Gerne - happy times!" „Ich hätte mir nur gewünscht, dass wir uns nochmal sehen. Ich bin ja noch ein paar Tage in der Stadt. Wenn du Zeit hast, kannst du dich ja noch mal melden." „Ja klar, lass uns das auf jeden Fall irgendwie schaffen!"

Das ist natürlich nicht passiert. Weder in einer Weinbar, noch sonstwo. Mittlerweile bin ich übrigens mitten in den Hochzeitsvorbereitungen. Auch mit einer Frau, die ich über Tinder kennengelernt habe. Aber einer richtig tollen. Die sich mit Wein auskennt. Mit Konversation. Und mit Kaugummis.

*alle Namen geändert

Dieser Text wurde von einem jetzt-Leser eingereicht. Er hat darum gebeten, anonym bleiben zu dürfen, sein Name ist der Redaktion aber bekannt.

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