Wie sehen Beziehungen aus, wenn beide Partner völlig unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben? Spielt es eine Rolle, wenn er aus Uganda kommt und sie aus Niederbayern oder eine Atheistin mit einer Muslima zusammen ist? Wir haben mit drei interkulturellen Paaren gesprochen – und festgestellt, dass soziokulturelle Unterschiede, verschiedene Bräuche und Rituale und unterschiedliche Prägungen eine Liebesbeziehung beeinflussen. Lena Pérez, die seit 20 Jahren als interkulturelle Paartherapeutin arbeitet, hat sich diese Erzählungen für uns genauer angesehen. 

Paar 1: Danh und Amanda

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Fotos: Privat / Element5 Digital, Unsplash

Amanda (20) und Danh (22) sind seit sechs Jahren ein Paar. Beide sind in Berlin aufgewachsen. Amandas Eltern stammen ursprünglich aus Polen, Danhs Familie kam aus Vietnam nach Deutschland. 

Amanda sagt:

„Ich habe mich bei Dahns Eltern von Anfang an willkommen gefühlt. Manchmal kamen beim Essen zwar ironische Sprüche in Richtung Danh, wie: ‚Warum hast du keine asiatische Freundin?‘ Ich glaube aber, das war eher spaßig gemeint. 

Das größere Problem ist mein Vater. Als er Danh am Anfang unserer Beziehung durch Zufall mal durchs Fenster beobachtet hat, nachdem wir uns getroffen hatten, reagierte er wütend. ‚Du darfst ihn nicht wieder sehen‘, hat er gesagt. Ich hatte dafür überhaupt kein Verständnis. Trotzdem hat es mich nicht überrascht. Ich konnte mir schon denken, dass es meinem Vater lieber gewesen wäre, wenn ich einen polnischen Freund mit nach Hause gebracht hätte. Er ist sehr besitzergreifend, hätte einen Türken oder Araber vermutlich genauso wenig akzeptiert.

Kurz darauf hat meine Mutter mir offenbart, dass sie sich von meinem Vater trennen will und mich gefragt, was ich davon halte. Die Situation mit Danh war für mich ein wichtiger Grund, meine Mutter zu unterstützen. Vier Tage später sind wir ausgezogen. Die Trennung war hart für mich, Halt habe ich bei Danh gefunden, der in dieser Zeit zu einem krassen Bezugspunkt geworden ist.

In der Schule hatte ich eine beste Freundin, die auch Vietnamesin war. Darum war ich schon ein bisschen mit der Kultur vertraut. Trotzdem konnte ich mit dem Essen erst mal nicht so viel anfangen, vor allem mit einigen Suppen und der Schärfe. Ich habe aber bei Danhs Familie trotzdem immer mitgegessen und mich so daran gewöhnt. Als meine Familie zerbrochen ist, war es außerdem ungewohnt, den Zusammenhalt von Danhs großer Familie zu sehen. Dort beschränkt es sich nicht wie bei uns auf die Kernfamilie: Bei Dann kennen sich Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins alle gut, verstehen sich und sehen sich oft. Das ist ein riesiger Kreis, der eng verbunden ist. Das kannte ich in dieser Form nicht.“

Danh sagt:

„Meine Familie ist ziemlich religiös, wir sind alle katholisch. Bei uns ist es normal, jeden Sonntag den Gottesdienst zu besuchen. Deshalb war es auch ein Problem, dass ich weniger in die Kirche gegangen bin, nachdem ich mit Amanda zusammengekommen bin. Ich war in dieser Zeit lieber bei ihr. Meine Eltern haben versucht, mich dazu zu bringen, wieder in die Kirche zu gehen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, irgendwann hat sich meine Familie aber daran gewöhnt.

Als sich Amandas Eltern getrennt haben, war sie oft bei uns, hat nach und nach meine ganze Familie kennengelernt. Bei uns hat nur die ältere Generation die Einstellung, dass wir nur mit jemandem aus unserem Kulturkreis eine Beziehung führen sollten. Die kennen es einfach nicht anders und sind deswegen skeptisch. Das hat sich gelegt, als sie Amanda näher kennengelernt haben. Was für meine Familie allerdings ein Problem wäre: Wenn Amanda unehelich schwanger würde. Das ist bei uns einfach ein absolutes No-Go. Man würde über uns lästern und meine Eltern wären sehr traurig darüber.

Mit Amandas Mutter bin ich schnell warm geworden. Ihren Vater habe ich anfangs nie zu Gesicht bekommen. Amanda hat mir dann erzählt, dass er mich nicht akzeptiert. Mittlerweile haben wir uns zweimal gesehen. In sechs Jahren. Nur eine der Begegnungen dauerte etwas länger. Da waren wir Eis essen und es war eine merkwürdige Stimmung. Mit der Zeit hat sich das etwas gelockert und wir haben über ganz normale Sachen wie Uni gesprochen.“

Das sagt die Paartherapeutin:

„Diese Beziehung überrascht mich etwas, denn in dem Alter sind sechs gemeinsame Jahre ja eine sehr lange Zeit. Aber ich sehe hier einige Stärken: Ich glaube, Amanda und Danh teilen den Wert des internen Familienzusammenhalts – jeder hat auf seine Art eine intensive Beziehung zu seinen Eltern oder einem Elternteil. Hinzu kommt, dass sie beide in der gleichen Stadt aufgewachsen sind und auch noch derselben Religion angehören – egal, wie stark sie die ausleben. 

Amandas Vater wirkt sehr konservativ, aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass oft gerade die Personen, die sich am Anfang schwer mit der fremden Kultur tun, auf lange Sicht eine besondere Verbundenheit spüren. Außerdem steht Amandas Vater durch die Trennung ja selbst vor einem Neuanfang, bei dem er sich mit der Fremde auseinandersetzen muss. Nach sechs Jahren Beziehung sollten die Eltern der beiden von selbst merken, dass die Sache ernst ist und Zukunft hat.

Für Amanda könnte es snoch ein längerer Prozess werden, Danhs Kultur kennenzulernen. Denn die asiatische Lebensart unterscheidet sich auf den ersten Blick ziemlich von der europäischen. Doch entscheidender als die Herkunft ist oft, dass die soziale Schicht der beiden Partner übereinstimmt – beispielsweise das Bildungsniveau. Die Unterschiede zwischen jemandem, der in Berlin groß geworden ist, und jemandem aus einer ländlichen Region in Italien können größer sein, als die zwischen zwei Personen aus Berlin und Kairo. Danh und Amanda werden sich eigene Rituale suchen, bestimmte Feste feiern und so den Bezug zur ihrer jeweiligen Kultur aufrechterhalten.“ 

Paar 2: Anne und Ken

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Fotos: Privat / Element5 Digital, Unsplash

Anne (25) und Ken (26) haben sich während Annes Auslandssemester in Uganda kennengelernt. Er studierte dort Psychologie, sie Journalismus. Anne wurde in Deutschland geboren, Ken in Uganda. Seit drei Jahren führen sie eine Fernbeziehung. 

Anne sagt: 

„Die Hautfarbe spielt in unserer Beziehung eine Rolle – zumindest für andere Leute. Leider wird ‚weiß‘ von vielen Menschen in Uganda mit Geld verbunden. Es kann also vorkommen, dass Ken in einer Bar von wildfremden Leuten dreist nach Geld oder Drinks gefragt wird, weil er mit mir dort aufgetaucht ist. Das macht uns beide traurig und wütend, da viele Außenstehende unsere Beziehung anscheinend nicht als wahre Liebe ansehen. Und obwohl wir nicht an unseren Gefühlen zweifeln, fühlen wir dann den Druck, uns selbst und anderen immer wieder beweisen zu müssen, dass wir uns wirklich lieben. 

Viele meiner Freunde von zu Hause waren oder sind skeptisch. Sie sorgen sich wohl, dass Ken mich nur ausnutzt, um nach Europa kommen zu können – dabei will er gar nicht aus Uganda weg. Meine Familie hingegen unterstützt uns sehr. Als Ken letztes Jahr in Deutschland war, hatte meine Mutter aber Sorgen, dass ihm aufgrund seiner Hautfarbe etwas passiert, da zu der Zeit der Hass auf Flüchtlinge hochgebrodelt ist. Auch in Uganda musste ich mir schon so einige Kommentare anhören: Ob es in Deutschland keine Männer geben würde, zum Beispiel. Oder wieso ich nach Uganda komme und dort ihre Männer stehle.

Leicht ist unsere Beziehung nicht. Wir können uns nicht sehen, wann immer wir wollen, und das liegt nicht nur an der Entfernung. Es ist für Ken extrem schwierig, ein Visum für Europa zu bekommen. Letzte Weihnachten war er hier, wir haben das monatelang vorbereitet und Briefe, Bürgschaften und alle möglichen Dokumente organisiert, die seine ‚Rückkehrbereitschaft’ nach Uganda beweisen. Im Moment sind wir wieder dabei und es ist nervenaufreibend. Wir streiten wegen Kleinigkeiten und das nur, weil er sich nicht einfach wie ich in ein Flugzeug setzen kann. 

Ich wünsche mir, dass wir in absehbarer Zeit endlich im gleichen Land leben. Wenn ich mit meinem Master fertig bin, werde ich mich in verschiedenen Ländern bei Redaktionen und Organisationen bewerben – auch in Uganda. Leider ist es für mich sehr schwierig, dort als Journalistin zu arbeiten, die Stellen sind knapp. Daher rechne ich mir keine großen Chancen aus. Aber aufzugeben ist auch keine Option.“ 

Ken sagt:

„Ich bin nicht in einer typisch afrikanischen Familie aufgewachsen, wir sind immer viel gereist und haben Verwandte in Großbritannien. Meine Familie liebt Anne, es war nie ein Problem, dass sie Deutsche ist. Vor dem ersten Treffen mit Annes Familie war ich ziemlich aufgeregt. Aber ihre Eltern sind großartig und tun alles, damit ich mich in Deutschland so wohl wie möglich fühle. 

Ich habe ein paar Freunde, die nicht verstehen können, warum ich mir keine afrikanische Freundin gesucht habe. Die meisten afrikanischen Beziehungen unterscheiden sich in einem Punkt von den europäischen: Die Paare bleiben zusammen, selbst wenn sie oft streiten. Besonders extrem ist es bei denen, die schon geheiratet haben, sie würden sich niemals scheiden lassen. Die Europäer hingegen trennen sich selbst nach zehn Jahren Beziehung noch wegen Kleinigkeiten – das ist zumindest mein Eindruck.

Klar, manche Menschen denken, dass ich nur mit Anne zusammen bin, weil ich ihr Geld will oder nach Deutschland kommen möchte. Aber ich liebe Anne – und möchte eigentlich lieber in Uganda leben. Es gibt aber wirklich viele Afrikaner, die sich auf so eine Beziehung nur aus finanziellen Gründen einlassen. Wenn Anne und ich gemeinsam in Deutschland unterwegs sind, dann kommt es vor, dass wir schief angesehen werden – vor allem in den bayerischen Dörfern. Viele Menschen dort haben Vorurteile gegenüber Schwarzen, vielleicht würde ich auch deshalb gerne in Uganda bleiben. Aber auch hier in Afrika gibt es Rassisten, die Paaren verschiedener Kulturen ihre Liebe nicht gönnen. 

Von Annes Freunden kenne ich nicht so viele, aber ich glaube, sie mögen mich. Zumindest sagt Anne das. Wenn wir streiten und es Anne schlecht geht, kommt es vor, dass ihre Freunde Kontakt zu mir aufnehmen und versuchen, zu vermitteln.

Ich hatte schon Beziehungen, bei denen ich die Zukunft gar nicht geplant habe, doch dieses Mal bin ich mir sicher: Mit Anne möchte ich Kinder haben und den Rest meines Lebens verbringen. Wir werden bald heiraten, es steht noch nicht fest, ob in Deutschland oder Afrika. Im nächsten Jahr will Anne für längere Zeit nach Uganda kommen. Und dann hätte ich eigentlich gerne bald ein Kind mit ihr.“

Das sagt die Paartherapeutin:

„Die Hürden bei Anne und Ken sind eindeutig der Rassismus, den jeder von ihnen aus seiner Perspektive erlebt, die große Entfernung und auch die strengen Einreisegesetze. Denn die verhindern bei Paaren oft ein Näherkommen und ausgiebiges Kennenlernen. Eine Liebe über eine solche Distanz kann außerdem zu einer finanziellen Belastung werden. In vielen Fällen ist eine Heirat die einzige Chance, längerfristig zusammen sein zu können. Dies führt allerdings zu dem großen Problem, dass sich ein Paar oft erst nach der Hochzeit richtig kennenlernen kann und feststellt, dass es eigentlich gar nicht passt. 

Deshalb finde ich es gut, dass Anne versucht, für längere Zeit zu Ken zu reisen. Dass sowohl Ken als auch Anne die soziale Umgebung des anderen schon kennengelernt haben, halte ich ebenfalls für einen wichtigen Schritt. Wie wichtig den beiden ihre Beziehung ist, zeigen die Strapazen und die Wartezeit, die sie seit Jahren dafür auf sich nehmen. Auch dieses Paar hat den Vorteil, dass das Bildungsniveau ähnlich ist. 

Etwas schwierig erscheint mir, dass einige von Annes Freunden offenbar keine positive Meinung über Ken haben. In der Praxis erlebe ich in solchen Fällen oft, dass sich Paare deshalb unverstanden fühlen und immer mehr isolieren. Stattdessen sollten sie aber neue Freundschaften zu Personen knüpfen, die den Partner so akzeptieren, wie er ist. Gegen den Rassismus, dem beide immer wieder ausgesetzt sind, werden sie ihre persönlichen und gemeinsamen Strategien entwickeln. Es ist wichtig, dass sie sich in solchen Situationen immer Rückhalt geben. Sie müssen einfach durchhalten. Ihr Umfeld wird sich an die Beziehung gewöhnen und, wenn Anne und Ken in zehn Jahren immer noch zusammen glücklich sind, merken, wie falsch sie gelegen haben.“

Paar 3: Merve und Hanna

Hanna, 28, und Merve, 24, (beide Namen von der Redaktion geändert) haben sich über eine Dating-App kennengelernt und führen seit einem Jahr eine Fernbeziehung. Hanna ist in Thüringen aufgewachsen und Atheistin. Merve ist Muslima und lebt bei ihren Eltern, die aus der Türkei stammen. 

Merve sagt:

„Unser größtes Problem ist, dass ich unsere Beziehung vor meinen Eltern geheim halte. Ich habe Angst, dass meine Eltern mich verstoßen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich lesbisch bin und eine Freundin habe. Das beeinflusst unsere Beziehung natürlich sehr: Wenn Hanna zu mir kommt, müssen wir bei Freunden oder im Hotel übernachten. Ich muss meine Eltern ständig belügen. Ich erzähle ihnen, ich sei bei Bekannten oder auf Schulungen, wenn ich am Wochenende zu Hanna fahre. Dieses ständige Versteckspiel inklusive Fernbeziehung ist für uns beide anstrengend und führt oft zu Streit. Vielleicht kann mein Onkel dabei sein, wenn ich mich vor meinen Eltern oute. Das würde mich beruhigen, denn ihm habe ich bereits gesagt, dass ich lesbisch bin, und er hat positiv reagiert. Hanna muss aber sicher noch etwas Geduld haben. Von ihr erwarte ich Verständnis dafür, dass es mir schwer fällt, mich zu outen. 

Für unsere Beziehung habe ich bereits viel aufgegeben: Ich habe den Kontakt zu meinen Schwestern komplett abgebrochen. Als sie herausgefunden haben, dass ich mit einer Frau zusammen bin, haben sie mich beschimpft und mir wütende Nachrichten geschrieben. Sie haben sogar Hanna angeschrieben. Trotz ihrer Wut würden sie meinen Eltern niemals davon erzählen, denn sie wollen ihnen keinen Kummer bereiten. 

Meine Religion stellt kein Problem dar. Ich bin nicht besonders konservativ. Aber es gibt Dinge im Koran, die für mich Sinn machen, und Sitten und Regeln, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich feiere die Feste, esse kein Schweinefleisch und ziehe mich nicht aufreizend an, aber dafür bin ich ohnehin nicht der Typ. 

In meiner Traumvorstellung werden Hanna und ich mal von einem Hodscha getraut, das ist ein Religionsgelehrter, der türkische Hochzeitszeremonien durchführen darf. Angeblich gibt es einen, der sogar homosexuelle Paare verheiratet. Dafür müsste Hanna aber zum Islam konvertieren und das würde ich niemals von ihr verlangen. Falls wir mal ein Kind haben, wäre es mir wichtig,  dass es muslimisch erzogen wird. Sollten wir einen Sohn bekommen, würde ich ihn gerne beschneiden lassen – aus hygienischen und religiösen Gründen. Wenn Hanna das nicht will, finden wir einen Kompromiss – dann wird er kein Moslem, aber trotzdem beschnitten.“ 

Hanna sagt:

„Für mich ist die Sache mit Merves Eltern eigentlich gar nicht so schlimm, ich bin ohnehin kein großer Familienmensch. Wahrscheinlich wäre ich bei ihnen auch nicht gerne gesehen, wenn ich ein deutscher Mann wäre – einfacher wäre es aber bestimmt. 

Schwierig ist es für mich vor allem, weil es unsere Zusammenzieh-Pläne fast unmöglich macht: In türkischen Familien ist es üblich, dass Kinder ihr Elternhaus erst verlassen, wenn sie heiraten. Da Merves Eltern ja nichts von uns wissen dürfen, können wir diese Tradition unmöglich einhalten und sie kann nicht ausziehen. Ich setze ihr keine Deadline, aber diese heimliche Fernbeziehung über mehr als 270 Kilometer ist natürlich keine Dauerlösung. Wenn sie sich nicht traut, sich vor ihren Eltern zu outen, muss sie halt unter einem Vorwand ausziehen und ihnen erzählen, dass sie für die Arbeit in eine andere Stadt muss. 

Als ich meinen Eltern von der Beziehung mit Merve erzählt habe, waren sie schon besorgt, weil der Islam nicht gerade bekannt dafür ist, offen gegenüber Homosexuellen zu sein. ‚Man hört ja immer wieder von Ehrenmorden‘, meinte meine Mutter. Aber mittlerweile stehen meine Eltern voll hinter uns und mögen Merve sehr. 

Ich hoffe, dass wir Anfang nächsten Jahres zusammenziehen können. Was die weitere Zukunft angeht, sehe ich bei uns Redebedarf, aber das hat Zeit. Ich weiß, dass Merve gerne von einem türkischen Hodscha getraut werden möchte. Aber ich würde keine Religion für sie annehmen. Beim Thema Kinder wäre ich kompromissbereit: Von mir aus bekommt das Kind kein Schweinefleisch – aber das mit der Beschneidung finde ich ein schwieriges Thema.“ 

Das sagt die Paartherapeutin:

„Bei diesem Paar merkt man die Doppelbelastung ganz stark, diese betrifft aber vor allem Merve. Denn die beiden leben ja nicht nur mit religiösen Unterschieden – Homosexualität ist in Merves Kulturkreise oft ein heikles Thema. Sie müsste ihren Eltern sagen, dass sie eine Atheistin liebt und müsste sich zusätzlich noch als lesbisch outen. Da muss sie sich wirklich auf alles vorbereiten, auch darauf, dass sie eventuell von der Familie bedroht wird. Sollte dieses Outing schief gehen, hätte ich auch hier die Sorge, dass das Paar sich isoliert.

In muslimischen Familien eignen sich Onkel und Tanten meist gut als Botschafter – so auch in Merves Fall. Sie können das Feld vorbereiten, antesten und dann erahnen, wie die Konsequenzen aussehen, wenn Merve sich vor ihren Eltern outet. Ich würde ihr raten, dass sie eine Beratungsstelle für Homosexuelle aufsucht, damit sie dort ihre Möglichkeiten aufgezeigt bekommt. Falls ihr die ‚Aussichten‘ nicht gefallen, kann sie natürlich auch unter einem Vorwand umziehen. Aber das Outing lässt sich fast nicht vermeiden, denn sonst werden Hanna und Merve nie frei leben können. Meine Erfahrung sagt ohnehin: Ihre Familie weiß schon, was da läuft, das wird nur nicht ausgesprochen. 

Paare wie Merve und Hanna beweisen noch viel mehr als andere, dass sie sich wirklich lieben – denn sie halten soviel dafür aus. Im Hotel schlafen und alles verheimlichen, das ist natürlich auch für Hanna nicht leicht. Doch es scheint, als wäre sie so sicher, dass sie mit Merve die Richtige gefunden hat, dass auch sie die Einschränkungen auf sich nimmt. Dass das Gerüst dieser Beziehung so instabil ist, bietet aber natürlich ständig Konfliktpotential. 

Auch wenn es im Moment vielleicht nicht im Fokus steht, müssen sie über ihre religiösen Unterschiede sprechen und Kompromisse suchen. Auch dieses Paar kann Rituale und Feste zusammen erleben –  beispielsweise Ramadan oder das Zuckerfest. Da muss Hanna einfach schauen, wie weit sie gehen will.“ 

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