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Warum sollte man ein Leben lang ein Paar bleiben?

Das hat Julia Grosse alte Menschen gefragt, die immer noch zusammen sind – und von ihnen viel gelernt.
Interview von Katja Neitemeier
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    Foto: zettberlin / photocase / Bearbeitung: jetzt.de

Julia Grosse hat ein Buch über die Liebe geschrieben. Dafür hat sie allerdings nicht mit Beziehungscoachs und Psychologen gesprochen, sondern mit Paaren aus der Generation unserer Großeltern. Sie interviewte dafür ihre eigenen Großeltern, die mehr als 70 Jahre lang ein Paar waren, und andere Paare, die es geschafft haben, eine tiefe Verbundenheit über ein ganzes Leben aufrecht zu erhalten.

jetzt: Warum hast du mit Paaren, die schon lange zusammen sind, über Liebe und Beziehung gesprochen?

Julia Grosse: Meine Großeltern hatten diese Traumbeziehung, die für uns alle in der Familie Fluch und Segen zugleich war. Kein Blatt passte zwischen sie, so innig und eng war ihre Verbindung. Wenn man selbst gerade in einer guten Beziehung steckte, fühlte man sich durch die Großeltern bestätigt. Lief die Beziehung gerade schlecht, war es manchmal unerträglich, die beiden so glücklich und verliebt zu sehen. In solchen Momenten habe ich mich gefragt, ob der Weg meiner Großeltern, „dieser eine Weg“ ist, den man für eine lange und glückliche Beziehung einschlagen muss.

Eine 88-jährige Frau in deinem Buch sagt, dass sie zu Beginn ihrer Ehe nicht in ihren Ehemann verliebt war. Trotzdem sind sie heute noch zusammen und glücklich miteinander. Waren die Erwartungen an eine Beziehung früher niedriger?

Diese Nüchternheit hatten einige Paare, mit denen ich gesprochen habe. Sie haben erzählt, dass es auch viel mit den Umständen zu tun hatte, in denen sie sich kennengelernt haben. Alleine konnten sie sich etwa keine Wohnung leisten und unverheiratet zusammen wohnen ging auch nicht. Deswegen war es oft auch eine pragmatische Entscheidung, zu heiraten.

Haben sich die Erwartungen an eine Beziehung verändert?

Heute haben wir einen ganzen Katalog an Erwartungen, den eine Person erfüllen muss. Warum belasten wir uns damit so? Ich glaube mit dieser Haltung darf man nicht in eine Beziehung gehen. Ein Paar, mit dem ich gesprochen habe, hat zum Beispiel gesagt: „Natürlich lieben wir uns, aber wir wollen uns nicht gegenseitig dafür verantwortlich fühlen, alle Wünsche des anderen zu erfüllen.“ Das fand ich total toll, dass sie auch andere Menschen haben, die sie mögen, und mit denen sie Sachen erleben.

„Viele Paare haben erzählt, dass in ihrer Beziehung viel verhandelt wird“

Was hast du bei deiner Recherche „gelernt“?

Ich bin genauso wenig eine Beziehungstherapeutin wie vorher. Ganz viele fragen mich, was das „Geheimnis“ der Paare aus meinem Buch sei. Es gibt nicht das eine „Geheimnis“, weil in jeder Beziehung unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen und die Paare ganz unterschiedliche Vorstellungen von der eigenen Beziehung haben.

Eine Beziehung ist ein Balanceakt. Ich habe verstanden, dass eine Beziehung immer in Bewegung ist und sich verändert. Man verändert sich als Mensch ja auch ständig. Ich habe gemerkt, dass es wichtig ist zu versuchen, immer auf Augenhöhe zu bleiben.

Was meinst du damit?

Es gibt Phasen, in denen der eine mehr nimmt, der andere dadurch mehr gibt. Das passiert in jeder Beziehung und ist auch normal, denke ich. Doch es muss sich auch wieder ändern und der andere kommt zum Zuge. Und das verpassen viele Paare, wodurch der oder die eine halt immer ein bisschen mehr auf Kosten des anderen in der Beziehung agiert. Das meine ich mit der Wichtigkeit, eine Balance im Auge zu behalten, fair zueinander zu sein. Während meiner Recherche habe ich bei mir beobachtet, wie intolerant ich bei manchen Kleinigkeiten bin. Anstatt am anderen rumzumäkeln, sollte man ihn so nehmen, wie er ist. Und das ist etwas, was eigentlich alle Paare, die ich getroffen habe, hinbekommen und mir dringend ans Herz gelegt haben. Das ist die eigentliche Arbeit, die man in eine Beziehung investieren muss. Das klingt erst einmal sehr einfach. Aber im Detail ist es sehr viel Arbeit, sich zu überwinden, die Dinge einfach laufen zu lassen.

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    Foto: Georgia Kuhn

Es ist ja auch schwierig, zwischen Angewohnheiten zu unterscheiden, die man akzeptieren kann, und denen, mit denen man nicht umgehen kann. 

Genau. Viele Paare haben erzählt, dass in ihrer Beziehung viel verhandelt wird. Dass es im Grunde immer wieder auf die Frage „Wo stehen wir gerade?“ und „Sind wir beide gerade auf Augenhöhe?“ hinausläuft. Ich hatte immer die Vorstellung, dass es so wird wie bei meinen Großeltern. Bei denen sah immer alles so leicht aus. Einfach den Richtigen finden, dann läuft alles wie von selbst. Aber das stimmt natürlich nicht.

„Ein Mann hat nach 30 Jahren festgestellt hat, dass seine Ehe nicht im Gleichgewicht ist“

Hattest du den Eindruck, dass die Paare in deinem Buch schon vor 30 Jahren in ihrem Umfeld als Traumpaar galten?

Bei einigen fiel schon früh auf, dass sie eine ganz besonders innige Beziehung haben. Bei anderen hat es sich erst mit der Zeit entwickelt. Zum Beispiel gab es ein Paar, bei dem der Ehemann nach 30 Jahren festgestellt hat, dass seine Ehe nicht im Gleichgewicht ist. Er hat lange als Komponist gearbeitet und seine Frau hat ihm den Rücken freigehalten. Nachdem sie krank wurde, ist ihm aufgefallen, wie sehr sie für ihn über Jahre auf Dinge verzichtet hat. Daraufhin hat er begonnen, sich um sie zu kümmern, sie zu verwöhnen und sich total zurückzunehmen. Ihre Beziehung war plötzlich absolut auf Augenhöhe. Die beiden waren auch schon vorher eng. Dieses extrem innige Verhältnis und dieses Glück, das sie als Paar ausgestrahlt haben, entwickelte sich erst in den letzten 15 Jahren. Die hatten ihren ersten richtigen Frühling mit 70.

Glaubst du, dass es in 20 Jahren immer noch Paare gibt, die so lange zusammen sind?

Ich weiß es nicht. Diese ganze digitale Veränderung macht ja auch was mit uns. Wir haben die Geduld verloren und sind in Sachen Beziehung ganz anders drauf als unsere Großeltern. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man fünf oder sechs Jahre durchsteht, in denen es schlecht läuft. Ich glaube, weil uns vorgegaukelt wird, dass wir so viele Möglichkeiten und Optionen haben, sinkt unsere Schwelle, schwierige Zeiten innerhalb der Beziehung auszuhalten. Weil wir nicht mehr sehen, wofür sich das Durchhalten lohnt.

Wofür lohnt sich denn das Durchalten?

Dafür, dass man nach vielen Jahren mit einem Menschen zusammen ist, mit dem man eine unfassbare Solidarität, Freundschaft und Intimität teilt. Was mich immer berührt hat bei den Paaren, ist der Gedanke, dass der andere Mensch ja im wahrsten Sinne beschließt, sein eines, einziges Leben mit einem anderen zu teilen. Diesen Gedanken finde ich unheimlich stark.

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