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Illustration: Daniela Rudolf

Achtung! Das ist eine Warnung an alle Leser, die Kommentare unter meine Kolumne posten: Meine Mama liest mit.

Vor ein paar Tagen saß ich im Café und habe ein bisschen gearbeitet, als meine Mutter auf dem Handy anrief. „Wer ist Stefan L.?“ Sie sagte natürlich nicht „L.“ sondern den vollen Nachnamen, den ich an dieser Stelle aber abkürze. Auch Dumpfbacken haben nämlich Persönlichkeitsrechte. „Hä? Hallo erstmal.“ „Entschuldige. Hallo, Spätzchen. Also, wer ist Stefan L.?“ Ich durchforstete angestrengt mein Großhirn, fand aber keine mir bekannte Person mit diesem Namen. Also antwortete ich: „Ich habe beim besten Willen keine Ahnung. Warum fragst du?“ „Weil er auf Facebook einen Kommentar unter deine Kolumne gepostet hat.“ „Aha“, sagte ich mäßig interessiert. „Wie kommt der dazu, zu behaupten, du seist nicht mehr ganz knäcke?“ „Das fragst du vielleicht lieber ihn, Mama. Ich weiß es wirklich nicht.“ „Und Jeanina F.?“ Meine Mutter war nun richtig in Fahrt. „Kenn ich auch nicht. Was sagt die denn?“ „Dass du ihr immer unsympathischer wirst.“ „Ach Mama, beruhig dich. Solche Kommentare darf man nicht ernst nehmen. Wer so was schreibt, ist ein biederer Wutbürger, der eine Plattform braucht, um seinen Frust loszuwerden. Und außerdem magst du die Kolumne doch selber nicht. Deswegen muss ich sie ja jede Woche anonym schreiben.“ „Das ist etwas anderes. Ich möchte nicht von Bekannten darauf angesprochen werden. Aber diese ...“ – sie suchte nach einer ihrer Meinung nach treffenden Bezeichnung – „... Individuen kennen dich doch überhaupt nicht. Wie können die sich ein Urteil erlauben?“

Meine Mutter ist wie ein Wachhund, der die dritten Zähne fletscht, wenn jemand ihrem „Jungen“ zu nahe kommt. In der 5. Klasse hat mich Lisa Brunnbauer mal in der großen Pause auf den Boden geworfen und sich dann auf meinen Rücken gesetzt. Das war peinlich. Aber noch schlimmer war der nächste Morgen, als meine Mutter mit mir an der Hand in das Klassenzimmer gestampft ist und die kleine Lisa vor der ganzen Klasse zur Rede gestellt hat. Von da an habe ich meiner Mutter nie wieder erzählt, wenn jemand gemein zu mir war. So fest kann niemand zuschlagen, dass es anschließend die Schmach wert wäre.

Meine Mutter bewacht mich wie der Bauer seinen preisgekrönten Zuchthengst

Leider kann ich keine Facebook-Kommentare vor ihr verstecken – genauso wenig wie die Erkältung, die mich gestern erwischt hat und nun aufs Sofa drückt. Meine Mutter bewacht mich wie der Bauer seinen preisgekrönten Zuchthengst. Deswegen werde ich mit diesem Text auch nicht fertig. Seit gestern Mittag sitze ich nun schon daran und komme einfach nicht zum Ende, weil meine Mutter mich jede halbe Stunde zu einer Pause zwingt. „Du darfst dich nicht überanstrengen. Sonst kriegst du noch eine Herzmuskelentzündung“, sagt sie immer wieder und stellt meinen Laptop weg. Ich weiß nicht, wo sie das plötzlich her hat. Ich befürchte, dass die Apotheken Umschau eventuell eine große Herzmuskelentzündungs-Coverstory in einer ihrer letzten Ausgaben gebracht hat und nun sieht meine Mutter überall eine potenzielle Herzmuskelentzündung. Jeder einzelne Schritt, den ich mache, kommentiert sie mit einer Warnung.

„Musst du wirklich zum Supermarkt um eine Cola zu kaufen? Du fängst dir noch eine Herzmuskelentzündung ein.“

„Sicher, dass dich das Playstationspielen nicht zu sehr anstrengt? Du fängst dir noch eine Herzmuskelentzündung ein.“ Meine Mutter weiß echt, wie man einem Angst macht.   

Das einzige was noch schlimmer ist, als krank zu sein und unter der Obhut meiner Mutter zu stehen, ist, wenn sie selber krank ist. Vor ein paar Wochen war ihr ein Autofahrer über den Fuß gerollt. Sie lag auf dem Sofa und konnte kaum laufen.

„Holst du mir bitte mein Kirschkernkissen aus der Mikrowelle?“

„Und bringst du mir bitte meine Brille?“

„Und kannst du bitte den Fernseher ein bisschen mehr zu mir drehen, damit ich das ZDF besser sehen kann?“

„Außerdem müsstest du mir bitte diese Fußcreme aus der Apotheke holen.“ Sie reichte mir ein Rezept aus der Handtasche neben sich.

Als ich in der Apotheke in der Schlange stand, beschäftigte mich eine Frage: Wieso gibt es extra Beichtstühle in Kirchen, damit Rentner anonym den Betrug beim Bingospiel gestehen können oder Ehemänner beichten können, dass sie beim Masturbieren an eine andere Frau gedacht haben – aber ich muss in aller Öffentlichkeit vor diesen Menschen hier nach einer Fußcreme verlangen. Es braucht dringend mehr Privatsphäre in Apotheken.

Ich habe auf meinem Handy jetzt Fotos vom Schrumpelfuß meiner Mutter

Als ich mit der Creme zurückkam und sie meiner Mutter in die Hand drückte, stellte ich gleich klar: „Denk bloß nicht, ich schmier dir deinen Fuß damit ein. Das kannst du dir abschminken.“

Das war vielleicht nicht nett formuliert. Aber ich bin halt ein ganzer Kerl, der Tacheles spricht.

„Nein, das kann ich auch selber machen“, sagte meine Mutter, als wäre der Gedanke total absurd.

„Dann ist ja gut.“

„Aber sei doch bitte so lieb und mach ein Foto von meinem Fuß.“

„Hä? Warum? Nein!“

„Wir müssen ihn für die Versicherung dokumentieren.“

„Oh mann. Kannst du das nicht selber machen?“

„Zur Not schon, aber das Foto wird besser, wenn du es machst, weil du besser hinkommst.“

Also zog sie ihren Socken aus und streckte mir den blau angelaufenen Fuß mit den Hühneraugen entgegen. Igitt. „Und zoom bitte nah ran, dass man die Verletzung auch deutlich sieht.“

„Keine Sorge“, stöhnte ich. „Man sieht für meinen Geschmack alles viel zu deutlich.“

Das ist einer der Momente, wo man eine UHD-Auflösung echt verflucht. Auf Instagram sehe ich ständig Menschen, die Fotos von sich in Luxus-Ressorts an Traumständen machen. Ich habe auf meinem Handy jetzt Fotos vom Schrumpelfuß meiner Mutter. Was mache ich bloß falsch im Leben? Zum Glück hat Stefan L. darauf bestimmt eine Antwort für mich. Oder?

Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Seine Mutter ist zwar mit dieser Kolumne einverstanden, möchte aber nicht mit ihren Freundinnen darüber reden müssen.

Du bist jünger als 60 und bereit, unseren Autor aufzunehmen, damit er nicht mehr bei seiner Mama wohnen muss? Dann schreib ihm am besten direkt an: Mutter.Soehnchen83@gmx.de

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