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Illustration: Daniela Rudolf

Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Seine Mutter ist zwar mit dieser Kolumne einverstanden, möchte aber lieber nicht mit all ihren Bekannten darüber reden müssen. 

Vor ein paar Tagen hatte ich Geburtstag. Ein Freund und seine Frau waren zum Frühstück mit ihrem Baby gekommen. Wir saßen bei meiner Mutter am Küchentisch und es gab Sachertorte und Mimosas, also Sekt mit Orangensaft, das Wodka-Bull der jungen Eltern.

Auf den Kuchen hatte meine Mutter sehr viele Kerzen gesteckt, die so viel buntes Wachs darauf tropften, dass er aussah wie ein Gemälde von Jackson Pollock. So viele Kerzen bin ich mittlerweile alt.

Früher dachte ich, ich würde zum jetzigen Zeitpunkt zwei kleine Kinder haben und mit meiner Frau in einem Häuschen am Stadtrand wohnen. Meine Freundin hat das wohl nicht gedacht. Deswegen hat sie mit mir Schluss gemacht und weil ich so schnell keine neue Wohnung finde, wohne ich nun wieder bei Mama. Wie heißt es doch: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann mach einen Plan.

„Könntest du nach dem Frühstück bitte deine Schmutzwäsche rauslegen, damit ich weiß, was ich waschen muss?“ fragte meine Mutter, während sie die leergegessenen Kuchenteller abräumte.

„Mama, ich habe Gäste. Kann ich das vielleicht auch später machen?“

„Es ist Samstag. Bis um 12 Uhr brauche ich deine Sachen. Danach darf ich laut Hausordnung heute nicht mehr waschen. Sonst musst du halt bis Montag mit den schmutzigen Boxershorts rumlaufen, wenn du keine sauberen mehr hast.“

„Ok, ich werd dran denken.“

So viel Anabolika kannst du gar nicht schlucken, dass du dich in meiner Lebensphase trotzdem noch geil im Spiegel findest. Mein Selbstwertgefühl ist so tief unten wie der HSV. Worauf kann ich auch stolz sein? Ich habe mich immer über meine Erfolge definiert. Und nun lebe ich wieder wie mit 14. Ich bin praktisch Benjamin Button. Ich schäme mich dafür und hatte eigentlich keine große Lust, an meinem Geburtstag auszugehen, aber das hat mein bester Kumpel nicht zugelassen. In unserer Clique sind wir mittlerweile die einzigen ohne Kinder.

Es lief. Bis die Frage aufkam, wo ich wohne

„Kommt überhaupt nicht in die Tüte, Digga. Heute wird die Nacht abgefackelt“, hat er gesagt. „Wir reißen dir wen auf und dann kannst du zumindest heute Nacht bei der pennen statt bei Mutti. Also los, schwing dich hoch. Ich treff' dich in einer Stunde am Hauptbahnhof.“

Eine Frau aufreißen. Ha. Ich bin sowieso schon schüchtern und in meiner momentanen Situation fehlt mir erst recht das Selbstvertrauen, eine Frau anzusprechen. Musste ich aber auch nicht, weil mein Kumpel Tobi das übernommen hat. Am Tresen des Clubs drehte er sich nach links zu einem attraktiven Mädchen und flüsterte ihr etwas zu, das ich nicht verstand. Im nächsten Moment kam sie zu mir herüber und reichte mir die Hand „Alles Gute zum Geburtstag“, sie strahlte mich an. Ihre Freundin stieß auch noch hinzu, wir bestellten vier Tequila, es lief. Bis die Frage aufkam, wo ich wohne. Blöderweise hab ich das Thema auch noch selbst angesprochen, weil ich wissen wollte, ob sie alleine wohnt oder in einer WG. Ich Depp.

Also selbst Schuld, weil ich auch nie nachdenke, wenn ich eine Frau kennenlerne und vor Nervosität einfach die nächstbeste Standard-Frage rausplärre. Ich Arsch. Ich dummer, dummer... naja, jedenfalls teilt sie sich mit ihrer Freundin eine Wohnung und natürlich stellte sie im Anschluss die Todes-Frage: „Und du?“

Ich hätte lügen können, aber das wäre bloß kompliziert geworden, wenn sie anschließend noch mit zu mir hätte gehen wollen. Also habe ich ihr die ganze Geschichte erzählt. Sie ist nicht sofort gegangen. Sie war nett und höflich. Sie hat immerhin noch 20 Minuten gewartet. Aber man merkte schon, dass das Interesse an mir von dem Moment an sank wie Reiner Calmund im Tiefschnee.

Was ich dabei nicht verstehe, ist Folgendes: Bei der Bundestagswahl haben fast sieben Prozent aller wahlberechtigten Frauen in Deutschland die AfD gewählt. Ich könnte also in eine Bar gehen und zu hundert Frauen sagen: „Wir müssen aufpassen, dass die Muselmänner nicht unser Land einnehmen“ – und sieben von ihnen würden wohl antworten: „Oh du hast ja so Recht. Nimm mich gleich hier, du weiser, geiler Nazi.“ Oder so ähnlich.

In Deutschland gilt es als Schande, ab einem gewissen Alter bei seinen Eltern zu wohnen

Aber wenn ich erzähle, dass ich bei meiner Mutter wohne, dann hauen alle ab. Mir ist natürlich bewusst, dass es den Sexappeal eines Mannes nicht unbedingt steigert, wenn er bei seiner Mama wohnt. Aber mich deswegen gleich wie einen Aussätzigen zu behandeln?

Woran liegt es, dass es bei uns in Deutschland als Schande gilt, ab einem gewissen Alter noch bei seinen Eltern zu wohnen, während es in vielen Ländern Südeuropas total normal ist? Ich habe einen Freund in Athen im gleichen Alter, der wohnt zusammen mit seiner Mama, seinem Papa, seiner Oma und seiner Schwester und dessen Ehemann und hat trotzdem eine Verlobte. Ich wäre wahnsinnig gerne Grieche.

Ich kenne sogar Frauen, die haben Affären mit verheirateten Männern. Das muss man sich mal vorstellen: Sollte die Ehefrau jemals eins dieser Mädchen in flagranti im Bett ihres Mannes erwischen, prügelt die ihr das Diaphragma doch direkt hinten aus dem Arsch wieder raus. Während meine Mutter, sollte sie je ein Mädchen bei mir im Bett finden, ihr ein Glas Wasser und einen Pyjama von sich anbieten würde. Und trotzdem legen sich alle lieber zu dem Ehemann. Da verstehe noch einer die Frauen ...

Du bist jünger als 60 und bereit, unseren Autoren aufzunehmen, damit er nicht mehr bei seiner Mama wohnen muss? Dann schreib ihm am besten direkt an: Mutter.Soehnchen83@gmx.de

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