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Norman sucht seinen obdachlosen Vater via Twitter

Tausende wollen helfen, nach jahrelanger Trennung scheint sein Vater gefunden.
Von Lara Thiede

Seit wann sein Vater verschwunden ist, weiß Norman schon gar nicht mehr genau. Er war noch jung damals, es gab viel Streit zwischen den Eltern, der Vater hatte finanzielle Probleme und war irgendwann einfach verschollen. „Es müsste aber mindestens zehn Jahre her sein“, sagt Norman am Telefon. Der 24-Jährige ist gerade in Boston, wo er als Au-pair arbeitet. Von dort aus sucht er seit einigen Tagen via Twitter-Aufruf nach seinem Vater.

 

Daran, dass er überhaupt noch am Leben ist, hatte Norman nicht mehr geglaubt. Schon als sein Vater verschwand, war dessen gesundheitlicher Zustand sehr schlecht. Als dann nach einigen Jahren auch noch die seltenen Anrufe ausblieben, glaubte die Familie, er sei gestorben.

 

Bis Norman vor einem Jahr auf Facebook von einem Fremden namens Alex angeschrieben wurde. Normans Vater, der inzwischen als Obdachloser in Hamburg lebt, hatte Alex angesprochen und um Hilfe dabei gebeten, seinen Sohn zu kontaktieren. Doch sobald es daran ging, ein Treffen zwischen Norman und seinem Vater zu organisieren, meldete sich Alex nicht mehr. Nach einem Jahr Grübeln und voller Sorge um seinen Vater entschied sich Norman deshalb, die Twitter-Community um Hilfe zu bitten. Er setzte einen Tweet mit dem Bild seines Vaters ab und bat um Hinweise, falls jemand ihn kenne.

 

Die Suche hat nicht nur eine Welle der Hilsbereitschaft, sondern auch des Hohns losgetreten

 

Der Schritt sei ihm sehr schwer gefallen, erzählt Norman. „Schließlich wusste ich, dass ich mich damit im Internet sehr verletzlich mache. Klar, ich habe auch vorher schon eine gewisse Angriffsfläche geliefert, weil ich viel über psychische Erkrankungen schreibe und offen schwul bin. Aber die Geschichte mit meinem Vater ist für mich dann doch noch eine Spur intimer.“

 

Trotzdem wollte er die Gelegenheit, seine Follower um Hilfe zu bitten, nicht verstreichen lassen. Schließlich waren im vergangenen Jahr immer und immer mehr dazu gekommen, inzwischen sind es viele Tausend. „Diese Community ist so toll und so hilfsbereit. Ich war mir sicher, dass mich mindestens ein- oder zweitausend Menschen bei der Suche unterstützen würden. Das musste ich einfach versuchen.“

 

Die Suche hat allerdings nicht nur eine Welle der Hilsbereitschaft, sondern auch des Hohns und Spotts losgetreten. Viele Twitter-User unterstellen Norman, seine Geschichte nur erfunden zu haben, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Andere machen sich über ihn lustig, mutmaßen zum Beispiel, sein Vater würde sicher über seinen Sohn lästern und ihn nicht sehen wollen. Oder sie kritisieren, dass Norman nicht nur das Bild seines Vaters online geteilt, sondern auch viele private Details über dessen Lebensumstände in der Öffentlichkeit dargelegt hat. Letzteren Kritikpunkt versteht Norman zwar. Er  findet aber auch: „ In diesem Fall heiligt der Zweck die Mittel. Der Gesundheitszustand meines Vaters ist kritisch – physisch wie psychisch. Dass die Suchaktion Privates in die Öffentlichkeit trägt, ist ein Problem. Aber vermutlich sein kleinstes.“

 

Norman konzentriert sich mehr auf die positiven Reaktionen: „Das Schöne ist, dass auf jeden Troll-Kommentar einer zurück kommt, in dem mich Leute in Schutz nehmen und klar machen, was stimmt und was nicht“, sagt Norman. „Natürlich trifft mich das schon auch, was die Leute da schreiben, weil die Geschichte mit meinem Vater eben einfach besonders intim ist. Da sind mir ein paar Tweets an die Hater direkt aus der Seele geflossen. Ich habe gebrannt vor Wut und das habe ich sie auch wissen lassen.“

Inzwischen haben fast 20.000 Menschen seinen Tweet geteilt, viele von ihnen verfolgen seine Suche weiter mit. Und tatsächlich haben sich schon einige Leute bei Norman gemeldet, die seinen Vater zu kennen scheinen.

 

Da gibt es Normans Erzählungen und Tweets zufolge zum Beispiel den Arzt, der ihn wohl schon öfter behandelt hat. Oder den Feuerwehrmann, der Normans volltrunkenen, weil alkoholkranken Vater immer wieder ins Krankenhaus gebracht hat. Beide haben versprochen, Normans Vater die Nummer des Sohnes zu geben.

Am meisten hofft Norman allerdings auf die Hilfe eines Mannes, der in der Nähe des Ortes arbeitet, an dem Normans Vater angeblich seit Jahren schläft. Auch er hat sich über die sozialen Netzwerke bei Norman gemeldet: „Er wusste viele Dinge über meinen Vater, die er nicht hätte wissen können, ohne öfter mit ihm gesprochen zu haben. Er war erst sehr misstrauisch mir gegenüber. Er hat gefragt, warum ich erst jetzt nach meinem Vater suche, nachdem er jahrelang keine Hilfe hatte. Ich habe ihm dann erzählt, wie wir das Ganze erlebt haben – und ich glaube, er hat es verstanden.“

 

Jetzt will der Mann tatsächlich Kontakt herstellen. Er wird Normans Vater die Nummer seines Sohnes geben und ihn von seinem Telefon aus anrufen lassen. Seit Norman das weiß, ist er unruhig. Als wir ihn auf Twitter anschreiben, ist es bei ihm fast fünf Uhr morgens. Er ist noch wach. „In dieser Zeit fällt es mir schwer zu schlafen“, sagt Norman. „Ich starre eigentlich nur noch auf mein Handy und warte.“

In der Nacht auf Donnerstag hat Normans Vater nicht an seinem üblichen Platz geschlafen. Der Mann wird es morgen noch einmal versuchen. Bis dahin wird Norman weiter nervös auf sein Handy starren und hoffen, dass sein Vater immer noch Kontakt will. Dann könnte er ihm schon bald helfen. Wie genau, das weiß er noch nicht. Aber auf Twitter haben sich viele Menschen bei ihm gemeldet, mit Vorschlägen, wie man das Leben seines Vaters verbessern könnte. In seinem letzten Update bittet Norman seine Community deshalb noch um einen weiteren Gefallen: „Daumen drücken!“

 

Für Norman scheint die Suche also gut auszugehen. Allerdings weiß bisher noch niemand, ob Normans Vater nicht ebenfalls problematisch findet, was viele Twitter-User kritisierten: Norman gab mit seinem Aufruf und den Updates über die Suche schließlich auch immer wieder Details über seinen Vater preis, die der vielleicht tatsächlich nicht in der Öffentlichkeit haben wollte.

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