Ja, schon klar, es blüht alles, und das ist ganz hübsch. Deshalb ist der Frühling aber noch lange kein richtiger Sommer.

Ja, schon klar, es blüht alles, und das ist ganz hübsch. Deshalb ist der Frühling aber noch lange kein richtiger Sommer.

Illustration: Daniela Rudolf

Die Menschen irren sich in ihrer Liebe zum Frühling. Der Frühling ist eine Landplage. Begrüßenswert einzig und allein, weil er bedeutet, dass ja wohl hoffentlich bald mal der Sommer kommt, ansonsten wenig zu gebrauchen.

Lasst euch einfach nicht auf ihn ein, sage ich euch. Lobt ihn nicht, sondern warnt eure Kinder vor ihm. Mögen sie vorbereitet sein auf seine Tücken. Er ist wie eine Mauer aus Grieß, die den Weg ins Paradies aka Sommer versperrt: Man muss da irgendwie durch, aber eine Freude wird es nicht.

Aber die Leute lieben den Frühling. Sie rasten total aus, sobald er einsetzt: Sie wollen sofort nach draußen, und zwar in Unterhemd und Sandalen, wollen sich sonnen, sich bewegen. Sie wollen Frühlingsputz und Balkonputz und wandern, grillen, daten, sich verlieben, sie machen große Hallo-Frühling-Pläne, aber das alles ist zu viel – und am Schluss holen sie sich vom Frühlingsputz einen Hexenschuss oder erkälten sich und bringen die winterliche Erkältungswelle wieder ins Rollen, obwohl die doch grad überstanden war. Nur, weil der Frühling ihnen den Kopf verdreht hat, weil sie auf sein Geheiß zu lange abends am Fluss gesessen haben, obwohl es noch viel zu kalt dafür war.

Die Leute verklären den Frühling, sie verwechseln ihn jedes Jahr aufs Neue mit dem Sommer, wie sie die Ostsee mit einem Badeurlaubsmeer verwechseln, weil es halt so schön wäre. „Weil es halt so schön wäre“ hat aber doch noch nie aus einem Fahrrad ein Maserati-Cabrio gemacht. Sieht das denn keiner?

Der Frühling mit seiner aufgedrehten Laber-Art, hinter der sich rein gar nichts als Pubertät und Unberechenbarkeit verbirgt, ist ein Blender. Scheinbar frisch, aufgeweckt und lieblich kommt er angeschlichen und hat soviel Lebenshunger, Enthusiasmus und Ideen im Gepäck, das es zwangsläufig im Chaos enden muss, wenn nicht gleich in der Klapse. Drei Mal am Tag bricht er mindestens unter seiner eigenen Aufgeregtheit zusammen, nur um sich dann als launisches Arschloch zu entpuppen, das reihenweise die Leute enttäuscht. Ein Energiebündel, endlich, blabla, ja, auf den ersten Blick vielleicht!

Der Frühling ist die Jahreszeit des Wollens, nicht des Könnens

In Wahrheit ist der Frühling ein ungehaltener Welpe. Sicher steht er für Jugend und Aufbruch, aber auch für Unentschlossenheit und triebhafte Experimente, die nur auf den ersten Blick niedlich sind. Er weiß nicht, was er will, er probiert dauernd was Neues aus und bleibt doch bei nichts. Der Frühling ist die Jahreszeit des Wollens, nicht des Könnens. Er ist das Zufrühkommen unter den Jahreszeiten, das Zuschnelllosgerannt und nach 20 Metern schon Totalzusammenbruch.

Frühling ist Rauswollen, Zwitschern, Sonnenschein, Elan, Übergangsjacke. Aber kaum ist man aus der Tür oder denkt, dass man sich nach ein paar Tagen Hitze an solches Augustwetter gewöhnen kann, zieht ein eiskalter Russensturm auf, und am Himmel bildet sich eine Fratze. Sie lacht, wie nur der verzogene bösartige Frühling lachen kann, und ruft: Na na, nicht so stürmisch, wer wird denn gleich so tun, als wär Frühling! Geh wieder rein und zieh dir was an, jetzt wird erstmal lustig Regen umher gepeitscht, das muss auch mal sein!

Man geht also zurück ins Haus, ach der Frühling halt, der weiß nicht, was er will, aber irgendwie ist das doch auch charmant, nicht wahr? Man zieht sich um, kehrt motiviert auf die Straße zurück, aber da ist der Sturm weg und es knallt plötzlich die Sonne vom Himmel, als wäre die Erde unter den Grill geraten. Im Frühling ist man nie richtig angezogen. Immer zieht es doch irgendwo rein, oder man schwitzt sich tot, meistens beides im zehnminütigen Wechsel. Das Schlimmste ist Fahrradfahren im Frühling. Immer zu kalt, während man fährt, immer zu heiß, sobald man absteigt.

Der Herbst dagegen, der weise alte Herr – in seinen Armen kommt man runter und kann endlich ausruhen, das ist mal eine Übergangsjahreszeit, die man lieben kann. Den Frühling kann man nur faszinierend finden, ansteckend in seinem Wahnsinn, aber über kurz oder lang wird er einen nur fertigmachen. Dem Frühling kann man es nicht recht machen, er kennt keine Konstanz und keine Verabredungen, Einklang findet höchstens zufällig statt.

Das einzig Verlässliche am Frühling ist die Frühjahrsmüdigkeit

Doch davon will niemand etwas wissen. Die Leute lassen sich reihenweise von ihm einwickeln, sie denken, der Frühling sei etwas Gutes, und wenn er sie dann fallen lässt, denken sie, sie seien schuld, haben sich falsch angezogen, die Wetterlage falsch eingeschätzt und so weiter. Kann doch der tolle Frühling nichts dafür, der will doch nur spielen. Ja, will er, und zwar mit eurer Zutraulichkeit!

Das einzig Verlässliche am Frühling ist die Frühjahrsmüdigkeit, Das kann er richtig gut: Menschen müde machen, so wie einen alles, was von Anfang zu viel ist, niederknüppelt. Man ist schon erschöpft, bevor überhaupt alles angefangen hat, man ist erschöpft, weil die Erwartungen zu groß sind und der Druck. Der Frühling ist zu viel.

Also legt euch hin, schlaft durch, bis Sommer ist. Bewegt euch, wenn ihr müsst, aber tut es in Zeitlupe und bleibt auf der Hut. Es gibt keinen Grund, den Frühling zu verklären. Je mehr man etwas verklärt, desto größer wird nachher die Enttäuschung. Lasst Vorsicht walten. Dem Frühling ist nicht zu trauen.

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