Partner von

Heimatgefühle aus dem Radio

Warum freut man sich, wenn man fern der Heimat das Radio von dort hört?
Von Marcus Ertle
  • heimatradio cover
    Foto: simonsdog / photocase / Bearbeitung: jetzt.de

Es gibt sie überall, in Berlin-Mitte genauso wie in Dresden oder Hamburg. Menschen,  die abends in der Küche sitzen und das Radio anstellen. Sie, die in diese Städte geflohen sind, weg von der Enge und Muffigkeit der Kleinstadt, drehen dann den Heimatsender aus Bayern auf, stützen ihren Kopf  in die Hände und lauschen den Nachrichten von daheim. Sie tun das manchmal ganz leise, denn wenn jemand mitbekommt, was sie da gerade hören, bemerkt er vielleicht, dass die coolen Kosmopoliten tief in ihren Herzen Kinder der Provinz geblieben sind und ihr mit treuer Sehnsucht nachhängen.

 

So geht es mir zumindest manchmal. Ich mag dieses betont heimelige Gefühl, das sich da durch das Radio an mich ranschleicht eigentlich gar nicht, es passt nicht so richtig zu meinem weltläufigen Ich. Aber natürlich ahne ich: So weltläufig ich auch sein will, meine kleinstädtische, bayerische Herkunft, werde ich nie los. Das merke ich gerade mit jedem Kilometer, den ich jetzt auf der Autobahn von Dresden, meinem Zweitwohnsitz, nach Augsburg, meiner Heimat, zurücklege.

 

„Wir lieben Dresden!“, sagt eine Moderatorin von Radio Dresden mit sanfter, aber überzeugter Stimme. Liebe. Ein so großes Wort. Als Skeptiker hebt man da ohnehin die Augenbrauen, weil man auf der Hut ist. Es könnte sich, wenn das Wort Liebe im Spiel ist, ja um Kitsch handeln. Um Rührseligkeit. Um Süßliches. Um Klebriges. Und natürlich ist Patriotismus, um dieses belastete Wort zu benutzen, ein heikles Gefühl. Zumindest für mich und meine linksliberale Filterblase, die man auch einfach Milieu nennen könnte. Jedenfalls ist es mit Heimatliebe in meinem Milieu schwierig. Noch in den Neunzigern war allein schon das Wort Heimat verpönt, aber dann kam ein paar Jahre später die Fußball-WM und die Deutschen begannen, mit dem Gefühl des Patriotismus langsam wieder warm zu werden. „Hier in Dresden sind wir zuhause!“, säuselt die Stimme im Radio wieder. Wieso auch nicht? Ist eh schön in Dresden. Aber warum muss das extra betont werden, dass man hier zuhause ist?

 

Radiopatriotismus ist wie ein euphorisch Verliebter, der will, dass die ganze Welt von seinen Gefühlen erfährt

 

Wir lieben Dresden! Hier sind wir zuhause!“ – das ist im Grunde schon sehr pathetisch. Andererseits: Wer bin ich denn, dass ich anderen Menschen ihre Heimatliebe verbieten, oder über sie die Nase rümpfen könnte? Vielleicht mag die Moderatorin Dresden einfach. Im Moment bin ich eher ein distanzierter Betrachter, ein zufälliger Zaungast und Zeuge einer öffentlichen Liebeserklärung. Diese ist, wie alle fremden Liebeserklärungen, zunächst etwas peinlich. Noch dazu, weil diese Liebeserklärung mit einem aufdringlichen und fast schon übergriffigen „Wir“ formuliert ist.

 

Ein paar Kilometer weiter stelle ich fest: Chemnitz wird auch geliebt. Sagen sie zumindest bei Radio Chemnitz. Radiopatriotismus ist wie ein euphorisch Verliebter, der will, dass die ganze Welt von seinen Gefühlen erfährt. Er verkündet es denen, die sich gerade in der Nähe des geliebten Objekts befinden und er geht davon aus, dass auch sie für diese Liebe empfänglich sind. Das ist natürlich marketingtechnisches Kalkül, die Werbefachleute der Sender haben einfach erkannt, dass ein lokales Medium am besten funktioniert, wenn es mit seinen Konsumenten eine Art glücklicher, lokaler Schicksalsgemeinschaft bildet. Die gemeinsame Identität feiert.

 

Dass die absurde Dauerfröhlichkeit der Radioleute nicht ganz sauber sein kann, dürfte klar sein. Aber sitzen da lauter Zyniker in den Redaktionen, die hämisch grinsen, wenn sie davon säuseln, dass es in ihrer Stadt gerade besonders schön ist? Dass gerade hier das Leben noch lebenswerter, die Menschen noch menschlicher, die Weihnachtsmärkte noch weihnachtlicher und die Sommer natürlich noch sommerlicher sind als sonst wo? Nein, ich glaube nicht. Gerade Journalisten, die lokal arbeiten, sind oft ehrlich heimatverbunden. Das Sachsenradio teilt jetzt, bevor das Jahr endet, noch mal zart-feierlich mit, wie die sächsischen Lieblingswörter 2017 lauten: Reformande (Strafpredigt), andadschen (anfassen), Schmieche (Meterstab). Diese Art von Heimatliebe ist auf ihre Art schon wieder niedlich.

 

Gerade habe ich die ehemalige innerdeutsche Grenze passiert. Die Grenze zu Bayern. Meiner Heimat. Die Bäume sind genauso grün wie in Sachsen, der Regen fällt ebenso nass vom Himmel wie überall, aber sind halt bayerische Bäume und ein bayerischer Himmel. Jetzt spricht sich dieses Wort Heimat schon leichter aus, als in Sachsen. Nicht, dass es Heimaten gäbe, die heimatlich korrekter sind als andere. Liebe, und mit ihr auch Heimatliebe, ist am Ende höchst individuell. Klar, es gibt eben Färbungen der Heimatliebe, die eher ins Helle gehen und solche,  die mehr zum Dunkeldeutschen tendieren. Aber wahr ist auch, dass jeder seine eigene Heimatliebe für besonders berechtigt und angebracht hält. Aber was können wir schon dafür, welche Heimat unsere ist? Schließlich kann man sich seine Heimat nicht aussuchen. Heimat ist oft ein Gefühl.

 

Heimat ist da, wo es einen wirklich interessiert, wenn ein Betonmischer mit einem Bus zusammenkracht

 

Ich stelle mir zum Beispiel all die Leute vor, die jetzt gerade – wie ich – irgendwo in Deutschland unterwegs sind, fern der Heimat und im Radio hören, dass in ihrer Stadt zum Beispiel gerade eine Straßenbahn mit einem Betonmischer zusammenkrachte, es aber, puh, keine Verletzten gab. Vielleicht ist das ja eine gute Definition: Heimat ist da, wo es einen wirklich interessiert, wenn ein Betonmischer mit einem Bus zusammenkracht. Je weiter man von daheim weg ist, desto mehr rühren einen solche alltäglichen Heimatmeldungen. Und dann noch diese Stimmen, dieser leichte Akzent, der einen umso mehr berührt, je weiter man von daheim weg ist. So wie jetzt, bei Radio Energy Nürnberg, wo der Sprecher ein bisschen fränkelt.

 

Würde ich jetzt an meinem Küchentisch in Berlin-Mitte, Dresden oder Hamburg sitzen, Franke sein und das Radio liefe, dann wäre diese Stimme die akustische Verkörperung von Heimat – deren Bedeutung mir erst auffällt, wenn sie fehlt. Ich freue mich auf Augsburg.

Weitere Texte: