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Ich war beim K.I.Z-Konzert für Frauen

Auf der ganzen Tour sind keine Männer erlaubt. Und alle sind schrecklich nett zueinander.
Von Katja Engelhardt
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    Grafik: Screenshot Instagram / @kizofficial

„Aber du bist doch ein Mann?“ – „Seit zwei Jahren nicht mehr.“ – „Oh. Achso. Cool.“

Schon das erste Gespräch vor der Münchner Tonhalle würde jeden auf Toleranz bedachten Klassenlehrer vor Verzückung zum Ausrasten bringen. Bei einem Konzert, das nur für Frauen ist, bei dem kein einziger Mann als Besucher reinkommt, fällt eben jede Person auf, die nicht direkt nach klassischer Frau aussieht. Ob sie trotzdem reinkommt? Oder sich lange erklären muss? Nö. Ein Security-Mann sagt, dass Transgender einfach einen entsprechenden Ausweis vorzeigen können. Alle sind gebrieft, keiner fragt indiskret nach. Der Securitiy-Mann hat schon einmal bei einem Konzert nur für Frauen gearbeitet. Wenn ein Konzert scheiße sei, wären Frauen genauso aufgebracht wie Männer, sagt er, und dann verlasse man sich drauf, dass die weiblichen Kollegen die Frauen wieder runterbringen. Aha. Könnte heute nötig sein – die ausgetrunkenen Flaschen vor der Kontrolle sind nämlich genauso viele wie sonst, nur ist die Auswahl der Getränke etwas anders: mehr Sekt als Bier.

K.I.Z. selbst wird das nicht überraschen. Sie kennen den Anblick schon. Seit mehreren Jahren geben die Berliner in ihrer Heimatstadt Konzerte nur für Frauen, immer am Weltfrauentag. Neu ist, dass sie jetzt eine ganze Tour nur für Frauen machen, in mehreren deutschen Städten, München ist der Auftakt, je einen Termin in Österreich und der Schweiz gibt’s auch. Die Begründung: „Einige andere Männer im Showgeschäft konnten im letzten Jahr ihre gierigen Schmutzfinger nicht bei sich behalten und deswegen sind die Ladys etwas verstimmt.“ 

Klassisch K.I.Z steckt darin natürlich ein ernsthafter Aspekt – und mindestens genauso viel Ironie. Immerhin sind K.I.Z selbst Männer im Showgeschäft. Und wollen provozieren. Womit soll man sonst noch schocken, im Universum Deutschrap, am ersten Weltfrauentag (8. März) nach Hollywoods Weinstein-Skandal und mit noch immer anhaltenden gesellschaftlichen Diskussionen über Gender, Transgender und darüber, wer denn bitte kochen soll, wenn die Frau arbeiten geht?

Nach der Welle der Entrüstung auf Social Media hätte ich meine Uhr stellen können. Was das denn solle? Ob K.I.Z das nötig hätten. Wieso Frauen ein eigenes Konzert bekämen? Die letzte Frage habe ich mir dann aber auch gestellt. Oder eher gedacht: Ich bin eine Frau, wie schön, dass ich auf das Konzert gehen kann – aber wird etwas anders sein, wenn dort nur Frauen sind? Herrscht eine andere Stimmung? Wird keine Frau beim Lachen den Kopf in den Nacken werfen und sich dann Fotoshooting-reif mit ihren Fingern durch die Mähne fahren? Werden die Männer-Toiletten auch geöffnet sein (Spoiler: nein)? Ich war mir nur sicher, dass es lustig werden würde. Immerhin würde ich  ja in einem riesigen Raum voller Frauen stehen, die den gleichen Humor haben wie ich. 

Ich hätte allerdings nicht damit gerechnet, dass so schnell erkennbar sein würde, dass das hier ein besonderes Konzert ist. Vor der Halle ist eine ewig lange Schlange, länger als die meisten Konzertschlangen, die ich bisher gesehen habe – weil alle ordentlich anstehen: in Zweierreihen, wie auf einem Schulausflug. Es drängelt auch niemand vor. Und auch ansonsten verläuft der Abend irgendwie harmonischer als sonst: Ordentliches Anstehen an den Bars, fremde Frauen fragen sich während der Vorband gegenseitig, ob die andere auch die Bühne gut sieht, es ist ein Paradies. Das macht beinahe Bauchschmerzen, weil es erst einmal viele Klischees erfüllt: höfliche Frauen, nette Frauen, hilfsbereite Frauen. Andere Klischees erfüllen sich aber nicht. Zumindest sehe ich keine Frau, die selbstgemachte Schnittchen verteilt oder aufgrund der männlichen Abwesenheit in Jogginghose und mit Pizzaflecken auf dem Feinrippunterhemd aufgetaucht ist. Abgesehen davon ist gefühlt jeder Typ Frau anwesend, von Kim-Kardashian-Fan über Münchner Party-Girl und Tomboy bis Punk. 

Sehr bald ertönen „Ausziehen“-Rufe von Frauen. Das finde ich nicht witzig, aber zumindest auch nicht bedrohlich

Die Vorband „Drunken Masters“ kommt als Frauen-Duo gekleidet auf die Bühne. Nicht schlecht – das eine Paillettentop, das wie eine gigantische Discokugel aussieht, hätte ich auch gerne. Und die Kostümierung sorgt auch dafür, dass ich Dinge witzig finde, die ich eigentlich hasse. Zum Beispiel den klassischen Ruf des DJs in die Menge: „Wo sind die Single Ladies heute Abend?“ Das ist sonst immer anmaßend, weil es klingt, als wären „Singles Ladies“ ihr Gewicht in Gold wert und vergebene Ladies nur Masse, um den Raum weniger leer aussehen zu lassen. Oder es wirkt wie ein sehr dämlicher Flirt-Radar: „Ah, auf drei Uhr kamen viele Rufe, dort gehe ich mal hin.“ Aber jetzt ist es lustig. Denn abgesehen von potenziell lesbischen Frauen hat diese Information für niemanden hier einen Wert. Das ist absurd befreiend.

Als K.I.Z dann endlich auf die Bühne kommen, wird gejohlt. Wie bei einer Boyband. Die sie streng genommen ja sind, auch wenn sie heute nicht so aussehen. Maxim kommt als eine Art Ballerina, Tarek als Sadomaso-Nonne und Nico steht in wunderschönstem Drag da, eine Diva im Morgenmantel. Sehr bald ertönen „Ausziehen“-Rufe – von Frauen. Natürlich. Und obwohl ich das nicht witzig finde, finde ich es zumindest nicht bedrohlich. Später erzählen mir einige Frauen, dass sie es halt lustig fanden, das genauso zu brüllen, wie Männer es sonst tun. Das schmeckt mir nicht. Aber K.I.Z kommentieren das auch selbst, nach dem Motto: Wir Typen ziehen uns an wie Frauen, damit ihr Frauen merkt, was für Arschlöcher ihr seid – ihr habt nämlich schon längst patriarchale Strukturen übernommen.  

Das Beste ist: Weil K.I.Z ab und an von „Ladies“ sprechen, aber der Abend selten extra thematisiert wird, ist das was folgt, vor allem einfach ein sehr gutes Konzert. Alle Frauen, mit denen ich ins Gespräch komme, sind nämlich wegen der Band hier – und nicht wegen dem Sonderstatus Frau. Und so hast das Ganze eher was von ausgelassener Klassenfahrt. 

Fast am Ende des Sets stelle ich fest: Der ganze Abend ist unglaublich unbedrohlich, im Publikum, aber auch auf der Bühne. Zumal K.I.Z clever jeden Sexismus kontern, egal ob er spielerisch gemeint ist oder nicht. Als ihnen aus dem Publikum eine Schürze zugeworfen wird (eine Schürze! Das müsste doch sogar Alice Schwarzer zu einem gütlichen Schmunzeln verleiten!), lautet die Antwort von Nico K.I.Z: „Ich bin eine selbstbewusste Frau. Ich bestell mir Pizza und mach mein eigenes Ding.“

Für K.I.Z. geht das Konzept Frauenkonzerte wohl auch deswegen auf, weil ihre Texte vielschichtig ironisch sind

Hinterher glaube ich allerdings nicht, dass das Konzept „Konzert nur für Frauen“ Schule machen wird. Zum einen ist es ein finanzielles Risiko. Ein Act muss schon ordentlich groß sein, um mal auf circa die Hälfte des Publikums verzichten zu können. Und dazu kommt die Frage, ob das Aufteilen nach Geschlechtern irgendeinen Mehrwert hat. Außer vielleicht: Weniger große Menschen bedeuten, dass ich mehr sehen und einen Mosh-Pit überleben kann.

Für K.I.Z. geht das Konzept Frauenkonzerte wohl auch deswegen auf, weil ihre Texte vielschichtig ironisch sind. Ihre Witze richten sich gegen alle, sind aber am leichtesten dann zu kritisieren und falsch zu verstehen, wenn sie sich gegen Frauen wenden. Wenn ich als Frau in einem Raum stehe, in dem alle Zeilen mitrappen wie „Es ist 1696, mein Freundin ist weg und bräunt sich in der Tiefsee, mit ihren acht Armen kann sie sehr gut abwaschen“ und ich mir sicher sein kann: Niemand hier, rein gar niemand, meint das ernst – dann ist das als weiblicher Fan schon eine ziemlich gute Bestätigung. Und einer der wenigen Hinweise, die K.I.Z uns geben, um zu sagen: So schlimm, wie wir das sagen, lieber Hörer, so schlimm meinen wir das nicht. 

Und dass die ganze Aktion vielleicht doch politischer ist, als sie sich beim Konzert selbst anfühlt, das zeigen die Facebook-Kommentare von Männern als Reaktion auf die Tournee. Zum Beispiel der von einem Menschen, der laut Profil ein Mann ist:

„Zum Glück identifiziere ich mich als Frau. Wenn ihr mich nicht reinlasst, führt das zu einem riesigen Shitstorm ihr miesen Sexisten!“

Und die Antwort darunter:

„Ich werde so sehr die LGBT Gemeine auf sie hetzen ..das ihnen die imaginäre Pussy glüht ..” (sic)

Solange ein banales Konzert mehr Diskussion hervorruft als jeder wunderschön geschriebene Feuilleton Artikel zu #metoo, solange muss es mindestens noch Frauenkonzerte von K.I.Z. geben. Und die sind auch ohne politischen Überbau schlicht und einfach super Konzerte, weil alle Spaß haben, auf der Bühne und vor der Bühne. Das war an manchen Stellen schon fast bewegend harmonisch. Da bleiben nur die weisen Worte von Nico K.I.Z: „Ich hoffe, dass ihr Spaß hattet und das nicht nur vorgespielt habt.“

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