Partner von

Wird GZUZ mit seinem neuen Video zum Star in den USA?

Eher nicht. Die Geschichte eines klugen Marketingstunts.
Von Johann Voigt
  • cover gzuz
    Screenshot: youtube.com

Auf dem US-amerikanischen YouTube-Channel der Plattform „WorldStarHipHop“ wird scharf geschossen und 9,5 Millionen Abonnenten sollen dabei zusehen. GZUZ, ein Rapper der Hamburger „187 Strassenbande“ springt oberkörperfrei durch einen Hausflur, während er mit grollender Stimme Bedrohliches rappt. Er blickt wütend in die Kamera, dann läuft purpurrotes (Kunst)-Blut über sein Gesicht. Die anderen Männer im Video feuern Pistolen ab, ziehen Kokain von einem Handydisplay und zeigen versteckte Hanf-Pflanzen. Ein Kampfhund bellt. Frauen tragen im Clip zu „Was hast du gedacht“ fast nichts: Ihre einzige Aufgabe scheint es zu sein, halb nackt zu tanzen.

Das Video mit hektischen Schnitten und LoFi-Aufnahmen entspricht dem ästhetischen Zeitgeist und der inhaltlichen Schablone von Gangsterrap. Am antiquierten Frauenbild hat sich wenig geändert, dafür aber am Sound. GZUZ zeigt, was er hat, nur eben ein Tick aufgedrehter und unangepasster als seine Kollegen. Dafür wird er über die Rapszene hinaus geschätzt. Und in den USA sorgt sein Video jetzt für Furore - glauben zumindest die GZUZ-Jünger.

Aufgewachsen ist der Rapper als Kristoffer Jonas Klauß in Hamburg, St. Pauli. Seine Jugend verbrachte er „auf den Straßen“, wie er sagt. Musik spielte damals keine große Rolle, weil schlicht das Geld für CDs fehlte. Erst sein Freund Bonez MC, der Kopf der 187 Strassenbande, brachte ihn  vor knapp zehn Jahren zum Rap. Während sein Mentor danach jedoch mehrere Alben veröffentlichte, wanderte GZUZ 2010 unter anderem wegen eines Raubs für zweineinhalb Jahre ins Gefängnis.

Doch draußen brodelte es. Seine Bande entwickelte sich vom Untergrundphänomen zur Konstante in der deutschen Rapszene und GZUZ, von dem es zu diesem Zeitpunkt nur wenig Musik zu hören gab, wurde zum Mysterium hochstilisiert. Um ihn wurde ein Hype kreiert, von dem er selbst kaum etwas mitbekam. Erst 2015 veröffentlichte er sein Debüt „Ebbe und Flut“ – für viele eines der wichtigsten Deutschrap-Releases des Jahres. Seine Brachial-Ästhetik und die allein durch die Stimme vermittelte Brutalität kamen an. GZUZ war authentisch, nicht so überinszeniert, wie viele seiner Kollegen.

Viereinhalb Millionen Klicks in nicht mal einer Woche

In diesem Jahr wird sein zweites Album erscheinen. „Was hast du gedacht“ ist die erste Single. Dass die nun auf der US-Plattform WorldStarHipHop Premiere feiert statt in Deutschland ist allerdings nicht so besonders, wie es klingt. Denn auf der Seite und seinen Social-Media-Kanälen sind so gut wie alle Inhalte eingekauft worden: vom Instagram-Post über Artikel auf der Website bis hin zu den Videopremieren. 8000 US-Dollar kostet es laut einer Preisliste auf dem Channel, ein Video veröffentlichen zu lassen. So viel musste wohl auch GZUZ' Label dafür bezahlen, um neben den „Migos" oder „Future“ stattzufinden. Nach nicht mal einer Woche hat das Video 4,5 Millionen Klicks. Vor allem aus den USA?

Vermutlich nicht, denn die Aufrufszahlen von GZUZ' Releases auf den eignen Kanälen sind in der Regel sogar noch höher. Dort klicken fast nur Deutsche. In den Kommentarspalten des neuen Videos tummeln sich vor allem deutsche Fans, die in gebrochenem Google-Translate-Englisch erklären, wer diese „187 Streetgang“ eigentlich ist. Vor allem sie gucken sich die lang erwartete Single ihres Lieblingsrappers an. Einige Amis machen sich ob der Roughness des Videos wiederum einen Spaß und schreiben Kommentare wie: „This song makes me wanna rob my grandma“, sie bleiben aber in der Unterzahl.

Unzählige YouTuber aus den USA haben zudem sogenannte Reaction-Videos zum Song gedreht. Das bedeutet: Sie filmen sich selbst, während sie „Was hast du gemacht“ hören. Dann zappeln sie rum, schreien, gucken entsetzt und reagieren. Vor allem aber reagieren sie über, denn natürlich sind die meisten Reaction-Videos Laienschauspiel-Übungen.

Diese YouTuber haben erkannt, dass sich mit Deutschrap-Fans Geld verdienen lässt. Nicht erst seit „Was hast du gedacht“ wird in amerikanischen Kinderzimmern vor der Kamera euphorisch auf Deutschrap reagiert, sondern schon seit knapp zwei Jahren. Es gibt unzählige Reactions-Videos zu Künstlern wie Kollegah, Ufo361 oder Sido. Die oft sehr jungen Fans aus Deutschland freuen sich darüber, dass ihr Idol im Mutterland des HipHop ankommt und klicken drauf. Damit verdienen die YouTuber ihr Geld, denn tatsächlich wollen auf Channels wie „V Kings“ mehr Leute eine Reaktion auf ein GZUZ-Video sehen (251 000 Klicks), als auf einen Migos-Track (736 Klicks). GZUZs Video kursiert in den USA also vor allem in einer Nische, die ohnehin für ein deutsches Publikum bestimmt ist. Viral gegangen ist er in den USA deswegen nicht. Ein kluger Marketing-Move bleibt die Aktion deswegen trotzdem.

Mehr Texte über Pop? Hier lang: