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Fotos: privat, dpa

„Liebe Kartoffelfreunde, liebe Almans…”, beginnt Jan Böhmermann einen Neo Magazin Royale-Beitrag anlässlich des einjährigen Haftjubiläums von Deniz Yücel (der zu diesem Zeitpunkt noch im Gefängnis sitzt). Böhmermann geht es allerdings nicht nur um Yücel, sondern auch um „unsere Freunde, Kollegen und Nachbarn hier in Deutschland mit Wurzeln in der Türkei, die jeden Tag ein kleines bisschen mehr Angst haben, offen zu sagen, was sie denken. Ob bei Facebook, beim Telefonat mit der Oma oder dem Opa in der Türkei, auf der Arbeit, sogar in der Familie, im Freundeskreis, privat zuhause”. Denn: „Man weiß ja nie, wer das alles liest oder mitbekommt.”

Um in der Türkei alles mitzubekommen, hat Erdoğans Innenministerium eigens eine Hotline eingerichtet, die regen Zulauf erfährt. Monatlich sollen dort mehr als 10.000 Meldungen eingehen. Ein Mann schwärzte seine Ehefrau an, ein anderer seinen Sitznachbarn im Bus. Spätestens seit dem Putschversuch im Juli 2016 haben Denunziationen in der Türkei deutlich zugenommen. Seine Meinung behält man dort besser für sich. Doch wie ist es eigentlich in Deutschland, wo eine Mehrheit der Türkischstämmigen Erdoğans AKP unterstützt –  haben es Kritiker hier inzwischen ähnlich schwer, ihre Meinung frei zu äußern? Fühlen sie sich, wie Böhmermann es schildert, tatsächlich überwacht, eingeschüchtert, bedroht? Um das herauszufinden, haben wir mit vier von ihnen gesprochen.

Erdoğans Anhänger gehen selbst akribisch auf die Suche nach Oppositionellen

In der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs treffe ich Ali (30), der eigentlich anders heißt, mir für die Reportage aber diesen Namen vorschlägt. Er ist verheiratet, hat Kinder und vertreibt seine eigene Sockenmarke. Seit Jahrzehnten produziert seine Familie Socken in der Türkei. Mehrmals im Jahr fliegt er dorthin, um Geschäftspartner zu treffen. Darauf verzichten kann er nicht, obwohl er jedes Mal bei der Einreise ein mulmiges Gefühl hat, wie er sagt. Das Unternehmen ist der Hauptgrund, warum er anonym bleiben will. Dass er Erdoğan kritisch sieht, sagt er seinen Kunden und Geschäftspartnern nicht. Ganz im Gegenteil, manchmal lobt er ihn sogar, schlichtweg, weil es gut ankommt.

Dabei ist Ali mit vielen Aussagen und Entscheidungen von Erdoğan nicht einverstanden. „Die Grenze des Tolerierbaren war für mich überschritten, als während der Gezi-Park-Proteste Unschuldige starben und Kinder als Terroristen bezeichnet wurden“, sagt er. Damals begannen er und seine Freunde, sich mit den Demonstranten vor Ort durch Posts auf Twitter und Facebook zu solidarisieren. Inzwischen hat Ali diese Posts wieder gelöscht. Dafür nennt er zwei Gründe: Zum einen habe er eingesehen, dass er auf der Seite der Verlierer steht. Zum anderen habe er gehört, dass die Regierung eine Art Internetpolizei einsetzt und Menschen wegen Tweets einsperrt.

Ali.

Ali.

Foto: privat

Im Grunde ist es überflüssig, Beamte dafür einzusetzen, denn Erdoğans Anhänger gehen selbst akribisch auf die Suche nach Oppositionellen. Ali schickt mir zwei Posts, die zum Anschwärzen von Kritikern aufrufen. Sie stammen aus Facebook-Gruppen der Deutschtürkischen Community in München. „Zeigt Terror-Sympathisanten unter dieser Nummer an“, steht da. „Verbannt sie aus den Facebook-Gruppen“ und „Erstattet sofort Bericht“. Eine dieser Nummern führt zur Istanbuler Polizei. Am Telefon meldet sich ein Mann. Er sagt, er sei zwar nicht für solche Meldungen zuständig. Er könne aber an die entsprechen Stelle „verbinden“.

Als nächstes treffe ich Fatma, 33, die in einem Münchner Viertel mit hohem Altbaubestand wohnt und ebenfalls anders heißt. Sie möchte anonym bleiben, um ihre Eltern, die im Westen Deutschlands ein Lebensmittelgeschäft betreiben, nicht in Schwierigkeiten zu bringen, indem sie sich öffentlich gegen Erdoğan ausspricht. Sie findet dessen Anhänger unberechenbar. „Es könnte sein, dass sie die Einrichtung demolieren oder handgreiflich werden”, sagt Fatma.

Immerhin, sie spricht mit mir. Rund ein Drittel der Angefragten lehnt ein Interview ab. Die Begründung lautet meist: Man habe nichts zu sagen oder wolle dies nicht öffentlich tun. Als ich vor fast genau einem Jahr eine Referendums-Wahlkampfveranstaltung des türkischen Außenministers in Hamburg besuchte, hatte ich keine Probleme, Interviewpartner zu finden. Im Gegenteil: Einige drängten mir ihre Meinung ungefragt auf. Alle ließen sich bereitwillig fotografieren, teils stolz in die Türkeiflagge gehüllt.

„Die Reichweite meiner Posts hat mich beunruhigt, zudem bekam ich Anfragen von AKP-Troll-Profilen“

Fatma hingegen verbirgt ihre wahre Identität nicht nur im Interview, sondern auch im Internet. Sie erzählt mir von einem anonymen Facebook-Profil. Unter dem Namen „Heide“ veröffentlicht sie fast ein Jahr lang Erdoğan-kritische Posts. Inzwischen hat Fatma das Profil wieder gelöscht. „Die Reichweite meiner Posts hat mich beunruhigt, zudem bekam ich auf einmal vermehrt Anfragen von AKP-Troll-Profilen“, erklärt sie.

Auch in ihrem direkten Umfeld ist Fatma mit kritischen Äußerungen vorsichtiger geworden. Den Eltern einiger ihrer türkischen Freunde traut sie nicht. Restaurants, die von Erdoğan-Anhängern geführt werden, meidet sie. Bevor wir uns verabschieden, fotografiere ich Fatma im Innenhof ihres Hauses. Von hinten, sodass man ihr Gesicht nicht sieht. Es fühlt sich komisch an. 

Fatma.

Fatma.

Foto: privat

Von Fatmas Wohnung aus fahre ich in den Südosten Münchens nach Kleinhadern, wo ich mich in einer Konditorei mit Arzu (24) treffe. Nach Abschluss der Realschule, einer Ausbildung als Mediengestalterin und zwei Jahren als Kassiererin, bewirbt sie sich derzeit für ein Studium. Arzu sieht ihre Zukunft in Deutschland. Vor wenigen Tagen hat sie den deutschen Pass bekommen, ihren türkischen Pass hat sie dafür freiwillig abgegeben. Die Aus- und Einbürgerung hat insgesamt fast drei Jahre gedauert. Viel zu lange für jemanden, der wie sie in Deutschland aufgewachsen ist, findet Arzu.

Dass sie ihren türkischen Pass überhaupt abgegeben hat, liegt vor allem an der Sorge, sie könnte von den türkischen Behörden belangt werden. Dass man ihre Auslieferung verlangt oder sie verhaftet, sobald sie einen Fuß auf türkischen Boden setzt. Wegen eines kritischen Facebook-Posts etwa. Während einige von Arzus Freunden sich wie Fatma anonyme Profile zugelegt haben, postet Arzu unter Klarnamen. Sie sieht sich nicht als Aktivistin, spricht sich in ihren Posts aber regelmäßig gegen Erdoğans Politik aus.

Konkrete Hinweise auf eine Überwachung gibt es nicht. Arzu kann sich aber gut vorstellen, dass jemand mitliest oder sie abhört. „Da ist so ein generelles Gefühl der Überwachung“, sagt sie. Übertreibt sie es oder ist es mutig von ihr, in diesem Text mit Namen und Foto zu erscheinen? Ich erinnere mich an eine Schlagzeile in der SZ, „Türken in Deutschland werden ausspioniert“. In dem Artikel geht es um eine Liste mit Namen und Fotos von Gülen-Anhängern, die der türkische Geheimdienst MİT erstellt hat. Nach dem Putschversuch wurde zudem die Auslieferung von 81 Personen aus Deutschland in die Türkei gefordert. Dass Arzu, wie auch alle anderen Befragten gerade nicht in die Türkei reisen will, verstehe ich. Im Falle einer Festnahme dort stünde Arzu als deutsche Staatsbürgerin immerhin die konsularische Betreuung durch die deutsche Botschaft zu. Im Gegensatz zu Deniz Yücel, mit dem aufgrund seiner doppelten Staatsbürgerschaft zunächst nur nach türkischem Recht verfahren wurde.

Arzu.

Arzu.

Foto: privat

Viele Türken wenden sich derzeit von ihrem Heimatland ab. Die Anzahl der Asylanträge von Türken ist nach der von Syrern, Irakern, Afghanen und Nigerianern die höchste. Seit Jahren lassen sich zudem aus keinem Land mehr Menschen in Deutschland einbürgern als aus der Türkei. Die jüngsten Zahlen zur sogenannten „Einbürgerung mit Verlust der bisherigen Staatsangehörigkeit“ stammen von 2016. Damals gaben 13.614 Menschen ihren türkischen Pass ab und erhielten dafür den deutschen. Die Entscheidung hierzu fiel Arzu nicht leicht. „Bei türkischen Wahlen habe ich jetzt keine Stimme mehr“, sagt sie.

Einige Tage später, einige Kilometer weiter östlich. In Ottobrunn, einem Münchner Vorort, sitze ich mit Hüseyin, 19, im Ayinger-Wirtshaus am Rathausplatz. Hüseyin wohnt noch bei seinen Eltern, er hat sich nach dem Abitur ein Jahr Auszeit genommen und jobbt. In seiner gesamten Großfamilie, so schildert er es mir, ist er der einzige, der Erdoğan deutlich kritisch sieht. Immer wieder führe das zu familiären Konflikten und zermürbenden Diskussionen. Einmal spricht Hüseyin beim Frühstück die Ungerechtigkeit im Fall Yücel an. „Das wird doch alles aufgespielt“, entgegnen ihm seine Eltern. Er widerspricht ihnen, doch sie beharren auf ihre Meinung. Irgendwann resigniert Hüseyin, springt vom Tisch auf und geht. „Inzwischen vermeiden wir es weitestgehend, über Politik zu reden“, sagt er. Auf Instagram hat er fast alle seiner Familienmitglieder blockiert.

Hüseyin.

Hüseyin.

Foto: privat

Hüseyins Eltern stammen aus einem Teil der Türkei, in dem mehrheitlich die AKP gewählt wird. Der Vater schaut nur türkisches Fernsehen. Hüseyin sagt, dass er neben türkischen Medien auch die Süddeutsche Zeitung lese und die meisten seiner Freunde keine Türken seien. „Du bist so eingedeutscht“, sagen seine Eltern manchmal.

Sie wissen, dass er sich heute mit mir trifft und tolerieren es. Allerdings haben sie ihn gebeten, „nicht so sehr gegen die Türkei zu hetzen“, damit nicht der Verdacht aufkommt, er oder gar die ganze Familie seien „Erdoğan-Hasser“. „Das bin ich auch nicht“, sagt Hüseyin. Einiges mache der Präsident schon richtig. Doch die fast religiöse Verehrung Erdoğans kann Hüseyin nicht nachvollziehen. „Viele Deutschtürken, inklusive meiner Eltern, sind gebrainwashet“, sagt er. Sie würden bestreiten, dass türkische Medien staatlich kontrolliert werden und sämtliche kritische Journalisten als Gülen-Anhänger bezeichnen.

Das Facebook-Profil anonymisieren, den Pass abgeben, den Ärger herunterschlucken 

Vor ein paar Jahren, als Hüseyin noch in die Mittelstufe ging, waren Fethullah Gülen und Recep Tayyip Erdoğan noch Verbündete und Hüseyins Eltern schickten ihren Sohn in ein Nachhilfezentrum, geführt von der Gülen-Bewegung. Sie waren froh, dass er sich mehr mit dem Islam und weniger mit Alkohol beschäftigte. Mit Beginn der Oberstufe war Hüseyin dann zu beschäftigt für die Gülen-Schule, behielt aber die Lehrbücher. Nach dem Putsch-Versuch, für den Erdoğan seinen ehemaligen Vertrauten verantwortlich macht, verlangte sein Vater, dass er die Bücher umgehend wegschmeißt. „Dass sie einer Regierung anhängen, der sie zutrauen, Menschen wegen Büchern einzusperren, macht mich fassungslos“, sagt Hüseyin und man sieht ihm die Enttäuschung deutlich an.

Das Facebook-Profil anonymisieren, den Pass abgeben, den Ärger herunterschlucken oder einfach häufiger die eigene Meinung für sich behalten – so reagieren zumindest einige Deutschtürken hierzulande, ohne dass der Rest von uns davon groß Notiz nimmt. Kein guter Zustand und „nicht länger das Problem von Deutschtürken“, findet Jan Böhmermann. Unser Problem also? Überwachung, Einschränkung der Meinungsfreiheit und Denunziation – das ist für viele von uns so weit entfernt, wie der Geschichtsunterricht in der Mittelstufe. Vielleicht ist es an der Zeit, dazuzulernen.

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