Kholoud Bariedah, 32, kommt aus der Stadt Dschidda in Saudi-Arabien. „Keine Tränen für Allah“ ist ihr erstes Buch. Sie lebt mittlerweile in Berlin.

Kholoud Bariedah, 32, kommt aus der Stadt Dschidda in Saudi-Arabien. „Keine Tränen für Allah“ ist ihr erstes Buch. Sie lebt mittlerweile in Berlin.

Foto: Privat

Mit 19 wurde Kholoud Bariedah in Saudi-Arabien wegen einer Party zu vier Jahren Haft und 2000 Stockschlägen verurteilt. Jetzt hat sie darüber ein Buch geschrieben: „Keine Tränen für Allah“.

jetzt: Vier Jahre Haft in einer Besserungsanstalt und 2000 Stockschläge – eine ziemlich heftige Strafe für eine Party. Was genau wurde dir vorgeworfen?

Kholoud Bariedah: Ich war auf einer Party mit Männern, mit denen ich nicht verwandt bin. Wir haben Musik gehört und getanzt und wurden dabei erwischt. Normalerweise bekommt man dafür vielleicht sechs Monate in Saudi-Arabien. Ich habe allerdings versucht abzuhauen und habe dabei einen Mitarbeiter von der Tugendbehörde geschlagen, der mich festhalten wollte. Außerdem habe ich vor dem Richter keine Reue gezeigt und den Mitarbeiter der Tugendbehörde angezeigt. Das hat das Gericht als Provokation empfunden.

Eine Party mit Menschen des anderen Geschlechts feiern, klingt für deutsche Ohren ziemlich harmlos. Welches Problem hatte das „Amt zur Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters“ mit dieser Party?

Das war damals in Saudi-Arabien einfach verboten, weil es so im Koran, aber auch in der Bibel oder der Tora steht. Vermutlich haben sie Angst davor, dass es bei der Durchmischung der Geschlechter zu Sex zwischen unverheirateten Personen kommt. Wir haben natürlich trotzdem in Dschidda jedes Wochenende gefeiert, sei es in der amerikanischen oder in der französischen Botschaft.

Du hast über deine Haftzeit in Mekka ein Buch geschrieben, es heißt „Keine Tränen für Allah“. Darin schilderst du die Willkür, der junge Frauen in der Besserungsanstalt ausgesetzt sind – ständig unterstellen einem die Wärterinnen ein Vergehen, für das dann Einzelhaft oder Hiebe drohen. Wie hast du es geschafft, dort nicht wahnsinnig zu werden?

Am Anfang hat man mir gesagt, dass ich nur Chancen auf Haftverkürzung habe, wenn ich den Koran auswendig lerne. Ich wollte möglichst schnell wieder frei sein, also wurde das mein Ziel. Die Wärterinnen haben natürlich Witze über mich gemacht, dass ich nicht die erste sei, die das versucht. Aber ich habe sie alle mit meinen Fähigkeiten überrascht und habe es tatsächlich als erste Frau in der Anstalt geschafft. Am Ende war ich achtzehn Monate in Haft und habe 600 Stockhiebe bekommen.

Wie dick ist der Koran denn eigentlich?

Fast 600 Seiten.

Dafür braucht man vermutlich sehr viel Geduld?

Ich bin eigentlich nicht geduldig. Aber ich wusste, dass ich in der Anstalt sterbe, wenn ich den Wahnsinn und die Willkür dort nicht annehme und mich auf meine Freiheit konzentriere. Freiheit ist einfach das Allerwichtigste für mich. Viele Frauen in der Anstalt warten auf einen Mann, der sie heiratet und ihnen dann vielleicht einige Sachen erlaubt. Das ist nichts für mich. Freiheit ist für mich nicht teilbar.

Du beschreibst in dem Buch auch, dass die Anstaltsleitung für manche Frauen einen Mann sucht – warum?

Manche Frauen in der Besserungsanstalt hatten keinen Vormund mehr. Zum Beispiel, weil ihr Vater oder Ehemann sie nach ihrer Tat nicht mehr zurücknehmen wollte, weil sie Schande über die Familie gebracht haben. Ohne männlichen Vormund kann man in Saudi-Arabien allerdings nicht leben. Wenn der Vormund nicht kommt, muss das Mädchen auf ewig in der Anstalt bleiben – außer es kommt eben jemand, der es heiratet.

Wie war das bei dir in der Familie?

Ich habe einen sehr guten Vater. Er hat mich jede Woche in der Anstalt besucht und auch dort abgeholt. Ich habe also nie unter der Vormundschaft gelitten. In Saudi-Arabien hängt deine Situation als Frau stark von deiner Familie ab. Eine bekannte Aktivistin wurde zum Beispiel beim Autofahren in Riad verhaftet – ihr Vater saß da neben ihr, er hatte sie motiviert. Auch in meiner Familie waren die Männer alle gut. Sie hatten nur eine Frau, respektierten Frauen. Wer allerdings einen bösen Vater hat, der einen zum Beispiel misshandelt, wird nicht vom Gesetz geschützt in Saudi-Arabien. Das ist ein Problem. Als ich trotz meiner guten Familie sieben Jahre nach meiner Entlassung aus Saudi-Arabien weggegangen bin, haben viele das nicht verstanden. Aber ich konnte nicht vergessen, was mir passiert ist. Ich wollte offen darüber reden können.

Also galt all das, was man hier aus den Medien von Saudi-Arabien kennt – vollverschleierte Frauen ohne Rechte – nicht für dich?

Nein, und die Darstellung Saudi-Arabiens in den ausländischen Medien ist auch sehr einseitig. Ich habe zum Beispiel nie eine Burka getragen und bin ohne Kopftuch durch Dschidda gelaufen. Es gibt dort auch Menschen, die keine Muslime sind. Aber es liegt auch an Saudi-Arabien, dass das alles im Ausland nicht ankommt – weil das Land sich keine Mühe gibt, sich nach außen besser darzustellen.

In letzter Zeit liest man immer häufiger vermeintlich positive Schlagzeilen aus Saudi-Arabien. Zum Beispiel „Frauen dürfen Autofahren“ oder dass Popkonzerte und Kinobesuche auf einmal erlaubt sind. Wie fühlst du dich, wenn du so etwas liest?

Die neue Regierung macht viel für die Frauen, was ich richtig finde. Der Kronprinz verbessert das Bild der Saudis in der Welt, das ist gut. Aber die wichtigste Sache ist, dass die männliche Vormundschaft in Saudi-Arabien endlich abgeschafft wird. Und er muss Leute wie den Blogger Raif Badawi entlassen, der die Vorgängerregierung kritisiert hat und wegen „Beleidigung des Islam“ zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde. Ich verstehe nicht, warum er immer noch im Gefängnis ist.

Im Buch ist der Glaube an Gott und dieses Auswendiglernen des Korans tatsächlich so etwas wie dein Rettungsanker. Trotzdem hast du dich 2014 öffentlich zum Atheismus bekannt. Was war in der Zwischenzeit passiert?

Ich konnte die Zeit in der Anstalt nicht vergessen. In der Haft war das Auswendiglernen des Korans für mich eine Art spirituelle Erfahrung. Ich habe dabei tatsächlich Freude und Friede empfunden. Gleichzeitig entstanden dabei neue Fragen, zum Beispiel über die Gerechtigkeit in unserer Welt. Und diese Fragen haben mir keine Ruhe gelassen. Aber ich bin jetzt auch keine Atheistin mehr. Ich würde mich am ehesten jetzt als Sufi bezeichnen (der Sufismus, auch „islamische Mystik“ genannt, ist eine Strömung des Islam, die diesen weniger als Buchreligion versteht; die Sufis suchen nach dem unmittelbaren Erleben Gottes; Anm. d. Red.).

Was bedeutet es, in Saudi-Arabien Atheistin zu sein?

Das hängt stark von deiner Familie ab. Meine Familie und meine Freunde wussten Bescheid, als ich den Islam verlassen habe. Sie waren sehr sauer auf mich. Ich kann deshalb auch nicht mehr nach Dschidda zurück.

Mittlerweile lebst du in Berlin. Wie kam es dazu?

Das ist eine sehr lange Geschichte, die kann ich nicht mal eben erzählen. Ich schreibe da jetzt aber ein Buch drüber (lacht). Aber zum Glück kannte ich Europa schon vor meiner Flucht, habe es bereist, ein Kumpel von mir in Dschidda war außerdem Österreicher. Ich wusste also schon ein wenig, was mich erwartet. Trotzdem war es schwer für mich, mein Leben hier komplett neu aufzustellen. Das ist ja wie in einer Beziehung: auch wenn sie schlecht ist, fällt es uns schwer, sie zu beenden. So war das auch mit mir und Saudi-Arabien. Ich hoffe natürlich auch, dass ich eines Tages dorthin zurückkehren kann. Aber bis dahin muss sich eben wirklich etwas verändern.

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