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Mein Netzmoment 2017: Superwoman auf dem Polizei-Panzer

Seit den Protesten um den G-20-Gipfel kriege ich dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf.
Von Eva Hoffmann
netzmoment g20 cover
Illustration: Katharina Bitzl; Foto: ap/Matthias Schrader

Mit den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg ist eine Flut an Bildern entstanden, die uns immer noch einholt. Dabei zeigen diese Bilder häufig vermummte, plündernde oder rennende Massen. Egal, wie man jetzt politisch zu den Protesten rund um den Gipfel steht, diese Bilder zeichnen zum Großteil ein düsteres Aufstandsszenario. Eingebrannt haben sich nicht die bunten Bilder tausender friedlicher Demonstranten, sondern die der brennenden Autos, der geplünderten Läden und der rennenden Massen von Polizei und Vermummten. Die Frau, die ich an dieser Stelle mangels echtem Namen Superwoman nenne, passt nicht zu diesen Bildern. Trotzdem hat sie es in alle Timelines geschafft und ist mit ihrem ungewöhnlichen Auftreten zu meinem Netzmoment des Jahres geworden, der ein bisschen mit dem deprimierenden Medienecho zu den G20-Protesten bricht. 

Superwoman deshalb, weil sie in ihren knallroten Glitzerleggins und dem tiefblauen T-Shirt tatsächlich ein bisschen was von dem rot-blauen Superman-Outfit hat, das man aus Comics kennt. Und damit fällt sie schon mal aus der üblichen Black-Block-Bilderlogik, die nach dem G20-Gipfel die sozialen Medien dominierte. Mit ihrer schmalen Figur, dem kleinen Rucksack und den Turnschuhen könnte sie auch gerade unterwegs zu einem Festival sein. Nur, dass sie eben nicht auf der Tanzfläche, sondern auf einem Panzer steht. Umringt von Polizisten. Deshalb auch Superwoman, weil das, was sie da gemacht hat, ziemlich mutig war. 

Die ganze Aktion dauert nur wenige Minuten. Irgendwie muss Superwoman es geschafft haben, durch die Polizeiketten hindurch und auf den sperrigen Polizeipanzer zu kommen. Als die ersten Aufforderungen zum Runterklettern durch den Lautsprecher tönen, steht sie schon aufrecht auf dem Dach und schaut sich ein bisschen ungläubig um. Vielleicht hat sie selbst nicht damit gerechnet, dass das so einfach würde. Genauso irritierend ist dieses Bild der bunten Frau, die eher nach Party als nach Protest aussieht, auf dem grünen Panzer, der im Gegensatz dazu komplett übermilitarisiert wirkt.

An dem Bild entfacht sich die Debatte um das Verhältnis von Protest und Polizeigewalt 

Dieses Bild ist schon absurd genug, doch was dann folgte, ist in den sozialen Netzwerken viral gegangen: Von der Seite nähern sich zwei Polizisten in Kampfmontur, aber statt die Demonstrantin vom Wagen zu heben, greifen die Beamten zum Pfefferspray. Aus zwei Dosen trifft die Demonstrantin die Substanz, die auf ihrer Haut, in ihren Augen und ihren Atemwegen brennt. Langsam und benommen rutscht sie die Frontscheibe des Panzers herunter und wird daraufhin festgenommen. 

Ob das Vorgehen der beiden hessischen Polizisten, die für die Pfefferspray-Attacke verantwortlich sind, eine Überreaktion war, wird inzwischen vom hessischen Innenministerium überprüft. An dem Bild und seiner Wirkung wird der Ausgang des Verfahrens jedoch nichts ändern.

Die Momentaufnahme ist ikonisch geworden. Sie steht repräsentativ für die ganze Debatte um Polizeigewalt und Verhältnismäßigkeit. Denn auf einen Polizeipanzer klettern fällt zwar unter „Behinderung der Polizeiarbeit“, richtet sich aber weder gewaltvoll gegen Menschen noch gegen Sachgegenstände. Ob auf ein Vergehen dieser Art so hart reagiert werden muss, wurde im Anschluss hitzig diskutiert. Für mich steht das Bild von Superwoman auf dem Panzer in erster Linie für einen bunten und furchtlosen Protest, den es neben dem Chaos und der Zerstörung auch gegeben hat. 

Noch mehr friedlicher Protest: