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Warum finden junge Österreicher Sebastian Kurz gut?

Klar, er ist selbst sehr jung. Aber eben auch sehr konservativ. Ein Erklärungsversuch.
Von Eva Hoffmann
  • kurz erklaert cover
    Collage: Daniela Rudolf, Fotos: Michael Kappeler / dpa / pixabay

Sebastian Kurz ist sowas wie der Benjamin Button der österreichischen Politik: ein alter Mann in einem jungen Körper. Seine Erscheinung passt nicht zu der Wahlkampagne, die ihn zum nächsten Bundeskanzler Österreichs machen soll.

 

In seinem Porträtvideo gibt er sich zwar jung und dynamisch, tritt in Hemd und Jeans auf, spricht von „Veränderung“ und „wirklich was voranbringen“. Dabei radelt er aber „mit’m Papa“ durch die niederösterreichische Pampa, daheim habe die Mama schon gekocht, so Kurz’ Stimme aus dem Off. Spielende Kinder mit fleckenfreien Hemden, strahlende Sekretärinnen mit Perlenohrringen und immer wieder Kurz’ Leierstimme, die von Werten, Familie und noch mehr Werten erzählt. 

 

Das Kleinbürgeridyll, das Kurz sich da in gedeckten Pastellfarben ausmalt, könnte von einem CSU-Hardliner stammen. Es ist rückwärtsgewandt. Trotzdem hat der jüngste Kanzlerkandidat der Geschichte mit seiner Vision vom „neuen Österreich“ insbesondere bei der jungen Wählerschaft Erfolg.

 

Laut einer Umfrage des Jugend Trend Monitors liegt Kurz nämlich nicht nur landesweit, sondern insbesondere bei der jüngsten Altersgruppe, den 18- bis 29-Jährigen, vorn. Der Studie zufolge wünschen sich 24 Prozent der jungen Erwachsenen Kurz als Kanzler, dicht gefolgt von seinem noch rechteren Kontrahenten Heinz-Christian Strache. Die SPÖ kommt bei den jungen Wählern gerade mal auf 13 Prozent. Kurz schließt eine Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ nicht aus. Dass Strache sich regelmäßig mit offen rassistischen, sexistischen und antisemitischen Äußerungen in die Schlagzeilen katapultiert, stört ihn und die jungen Wähler wohl nicht. In Deutschland wäre das Pendant zu dieser Koalition sowas wie ein Bündnis aus Union und AfD – momentan unvorstellbar.

Eigentlich formuliert Kurz eine brutale Vision, die man eher der Generation seiner Großeltern zuordnen könnte: Heimatliebe, die Frauen als Köchinnen und Sekretärinnen. Eine Welt ohne Kopftücher, gleichgeschlechtliche Paare und „Genderwahn“. Eine Welt für Weiße und Reiche.

 

Das ist eine so alltagsfremde Inszenierung, dass die Frage offen bleibt, warum junge Österreicher ihn trotzdem so gut finden. Merken sie denn nicht, wie rückwärtsgewandt diese Vision vom „neuen Österreich“ ist? Oder finden sie genau das gut? Überlagert das Image vom jungen Überflieger, der seine Partei in kürzester Zeit umgekrempelt und zur Liste Kurz gemacht hat, seine altbackenen Inhalte? Reicht es für junge Wähler also, dass ein Kandidat auch vergleichsweise jung ist, und schon laufen sie ihm in Scharen hinterher?  

 

Kurz’ Wahlkampf ist eine Ein-Mann-Show, bei der nichts dem Zufall überlassen wird. Er beherrscht die sozialen Medien besser als alle seine Kontrahenten. Jeder Tweet ist sorgfältig formuliert und gelayoutet, keine affektiven Ausreißer, keine Vorlagen für Skandale. Kurz’ Internetauftritt ist genauso glatt und wohltemperiert wie seine Talkshowauftritte, sein Porträtvideo und seine Wahlkampagne. Er ist der bodenständige Über-Enkel, den seine Cousine im Video als „wirklich herzensguten Mensch“ beschreibt. Gerade deshalb fällt es so schwer, den Kumpel-Typ da im Video auf seine rechtskonservativen Inhalte herunterzubrechen.

 

Was Kurz von anderen rechtskonservativen Politikern unterscheidet, ist seine Rhetorik. Er hat verstanden, dass offene Ausländerfeindlichkeit unattraktiv ist. Statt gegen Ausländer zu wettern, gibt er vor, für Alteingesessene zu sprechen: „Ich habe in Wien mit vielen Menschen gesprochen, die zu mir gesagt haben, dass sie überlegen, ob sie nicht umziehen sollten, weil sie sich mittlerweile in ihrer eigenen Gasse schon etwas fremd fühlen“, behauptet Kurz auf seiner Facebook Seite. So umgeht er es, Ausländer anzufeinden, und trifft trotzdem in die gleiche Kerbe wie sein rechter Kontrahent Strache, nur eben etwas subtiler. Denn negatives Vokabular ist unsympathisch. 

 

Kurz vermittelt das Gefühl, es sei notwendig, als junger Mensch rechts eingestellt zu sein 

 

Statt mit klassischer FPÖ-Hetze zu arbeiten, spricht Kurz im Wahlkampf deshalb davon, sich stärker „an der Grenze engagieren“ zu wollen, und bezeichnet seine Politik als „Bewegung“. Bundeskanzler wäre für ihn deshalb kein Beruf, sondern „Bestimmung“. Mit seinem positiv besetzten Vokabular adressiert er dabei aber genau die gleichen Ängste, die in Deutschland bei der Bundestagswahl eher im mittelalten, männlichen AfD-Wählerkreis zu finden waren: vor Terrorismus, Zugezogenen und Umweltverschmutzung. Dass diese Ängste in Österreich auch bei jungen Wählern präsent sind, zeigt die Monitor-Studie, laut deren Erhebungen nur 14 Prozent der jungen Österreicher finden, dass die Integration von Ausländern in Österreich gut oder sehr gut funktioniert. Und mehr als 56 Prozent wünschen sich (allerdings von Seiten der EU) eine klare Lösung für die Einwanderung von Geflüchteten. 

 

Kurz hat es wohl geschafft, klassische Themen rechter Parteien für junge Menschen attraktiv zu machen. Statt plumper FPÖ-Rhetorik, die sich gegen Minderheiten richtet, betont Kurz immer wieder, dass er einfach nur für Österreich stehe. Die vermeintliche Gefahr der „Anderen“ belegt er mit Studien im pseudo-wissenschaftlichen Erklärmodus. Der Vorwurf, diese für seine Zwecke stark verfälscht wiederzugeben, hat ihm wenig geschadet.

Es wirkt, als könnte sich Kurz hinter der glatten Fassade dieser Wahlkampffigur, die sich wenig zuschulden kommen und nichts nachweisen lässt, alles erlauben. Das Image des anständigen jungen Mannes überlagert seine rechtskonservative Politik. Kurz vermittelt das Gefühl, es sei nicht nur okay, sondern notwendig, als junger Mensch rechts eingestellt zu sein.  

 

Dabei könnte die Generation, die Kurz in seinem „neuen Österreich“ heranwachsen sehen will, auch ganz anders reagieren. Sie könnte sich fragen, wer denn in diesem Wahlkampf der Liste Kurz alles nicht gezeigt wird, wer absichtlich vergessen, aktiv ausgegrenzt und folglich ignoriert wird. Was Formulierungen wie „Werte aktiv vorleben“ oder „Obergrenze Null“ in der Praxis bedeuten. Ob Abschottung und Heimatliebe angemessene Reflexe einer Generation sind, die vernetzter denn je lebt und sich eigentlich mit den Mechanismen der sozialen Medien genauso gut auskennen müsste wie Kurz’ Wahlkampfbüro. Es wird an dieser Generation liegen, ob sie sich den Begriff der „Bewegung“ am 15. Oktober von einer rechten Partei nehmen lässt oder ob sie ihn für eine bessere Zukunft für alle verteidigt.

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