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Liebe Deutsche, ich beneide euch um eure Politik!

Sagt unsere österreichische Autorin. Denn die Situation vor der Nationalratswahl am 15. Oktober gleicht einer schlechten Reality-Soap.
Kommentar von Viktoria Klimpfinger
  • oesterreich wahlen cover
    Foto: Erwin Scheriau, Fotokerschi.At; Werner Kerschbaum, dpa, Ronald Zak, AP

12,6 Prozent für die AfD und Deutschland ist schockiert. Natürlich zurecht, denn jeder Rechtsextreme im Parlament ist einer zu viel. Aber als gebürtige Österreicherin, die zeitweise in Deutschland lebt, hat mich diese Reaktion fast schon gerührt: Endzeitstimmung bei 12,6 Prozent für die Rechten! In Österreich würde man dabei zynisch von einem Linksruck sprechen. 

 

In Deutschland zieht nun zum ersten Mal eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag ein. In Österreich war die FPÖ bereits mehrmals in regierungsbildenden Koalitionen, sowohl bundesweit als auch in den Ländern. Bei der Wiener Landtagswahl 2015 erreichte sie als zweitstärkste Partei 30,8 Prozent. FPÖ-Kandidat Norbert Hofer wurde 2016 nur knapp nicht österreichischer Bundespräsident.

 

Während man bei der AfD noch hoffen kann, dass sie sich vielleicht selbst zerfleischt, kann man den österreichischen Faustwedlern eins nicht absprechen: Die haben einen Plan. Der hartnäckige Rechtsdrall ist zwar besorgniserregend, gehört aber mittlerweile genauso zum Österreichklischee wie Mozartkugeln und Alpen-Romantik. Viel erschreckender ist leider, dass die Großparteien die bevorstehende Nationalratswahl am 15. Oktober offenbar als Anlass für medienwirksames Gezanke sehen – und alles andere nebensächlich ist.

 

Seit ich die Bundestagswahl in Deutschland in diesem Jahr das erste Mal aus der Nähe mitbekommen habe, bin ich vor allem eines: neidisch. Alles lief so gesittet und sachlich ab im Vergleich zu Österreich. Vielen Deutschen war der Wahlkampf sogar zu langweilig. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es habt! Langeweile wäre das Beste, was dem politikgewordenen Fremdschämmoment in Österreich passieren könnte. Unsere TV-Duelle gleichen mittlerweile trashigen Reality-Formaten. Ist doch egal, ob ein Z-Promi im Dschungel Würmer isst oder sich ein Mitglied der rechtspopulistischen FPÖ stotternd gegen Nazi-Gerüchte wehrt – Stoff zum Lästern ist beides auf jeden Fall.

 

Das geflügelte Wort des Wahlkampfs in Österreich ist: „anpatzen“

 

Mittlerweile finde ich das jedoch nicht einmal mehr unterhaltsam. Nach dem deutschen Wahlkampf fühle ich mich wie ein Kind, das bei einem viel reicheren Kind mit schöneren Spielsachen zu Besuch war und jetzt wieder mit seiner blöden, abgegriffenen Puppe spielen muss. Natürlich hatte man mit der AfD ungute rechte Quälgeister dabei. Aber abgesehen davon hielt sich die Schlammschlacht in Deutschland in Grenzen. Man hatte fast das Gefühl, wenigstens mit Merkel und Schulz zwischen zwei professionellen Politikern entscheiden zu können, und nicht wie in Österreich das geringere Übel wählen zu müssen. Aber vielleicht liegt meine Latte für professionelles Polit-Klima auch besonders tief.

 

Jedes Mal, wenn ich übers Wochenende nach Wien komme, überschlagen sich Meldungen über Skandale und peinliche Fettnäpfchen, in die irgendeiner reingetreten ist. Um das Verpasste aufzuholen, müsste ich mich durch einen Dschungel an Zeitungsartikeln darüber kämpfen, wer wen wie „anpatzen“ wollte. Das ist nämlich das geflügelte Wort dieses Wahlkampfs: „anpatzen“. Am Anfang gab es noch den scheinheiligen Vorsatz, einander gegenseitig nicht mit Schmutz besudeln zu wollen. Aber so ist das eben mit den guten Vorsätzen. Schade um die glattgebügelten Slim-Fit-Anzüge von Kurz, Kern und Co.

 

Zurück in München bin ich jedes Mal richtig froh, dass ich hier nur ganz sporadisch auf die österreichischen Fernsehsender zugreifen kann. So bleibt mir der Zickenkrieg einigermaßen erspart, der in der Flut an Polit-Shows, TV-Duellen und Elefantenrunden auf jedem österreichischen Sender wiedergekäut wird. Dem zuzusehen ist ungefähr so, als wäre man mit einem Pärchen unterwegs, das sich plötzlich unglaublich intim zu streiten beginnt.

 

Meine politische Motivation hat sich mit jedem „Lassen Sie mich doch mal ausreden“ und sonstigem Mimimi immer weiter verringert. Und noch dazu sorgen eine Unzahl an Splittergruppen und Kleinstbewegungen wie die Liste „G!lt“ des Kabarettisten Roland Düringer nicht unbedingt für mehr Struktur. Was sie genau wollen, wissen wahrscheinlich nicht einmal sie selbst. Nur eines wiederholen alle wie ein Mantra – nämlich das, womit die FPÖ ohnehin seit Langem den politischen Flächenbrand anheizen will: „Kampf dem Establishment!“

 

Das Establishment – in diesem Fall die mitte-links SPÖ und die rechtskonservative ÖVP – reitet sich einstweilen immer weiter ins Protestwähler-Debakel: Im Juli wollte SPÖ-Bundesminister für Landesverteidigung und Sport, Hans Peter Doskozil, Panzer zum Brennerübergang schicken, um die Grenzkontrollen zu verschärfen. Im September stritten SPÖ und ÖVP darüber, wer für das mittendrin gestoppte Vorhaben verantwortlich war, eine Anti-Terror-Mauer um Bundeskanzleramt und Hofburg zu bauen. Gut eine Woche vor der Wahl muss sich die SPÖ wegen Dirty Campaigning gegen Sebastian Kurz verantworten. Wenigstens hat dieser damit einen zweiten Inhalt neben der Flüchtlingskrise, auf dem er herumreiten kann: Er will Dirty Campaigning nun zu einem eigenen Strafbestand machen. Und verklagen werden sich sowieso alle Beteiligten gegenseitig.

 

In Deutschland wundert man sich, was denn beim kleinen, chronisch wütenden Nachbarn wieder los ist

 

Da reibt sich vor allem eine die Hände: die FPÖ. Gleichzeitig muss sie ihr geistiges Eigentum an rechtspopulistischem Unfug gegen verzweifelte Nachahmerversuche verteidigen. Immerhin brüstet sich Sebastian Kurz bei jeder Gelegenheit mit seiner offenbar einzigen politischen Errungenschaft: der Schließung der Balkanroute. Das passt dem freiheitlichen Wutbürgerverein natürlich gar nicht in den Kram. Überstürzte Wutentscheidungen und Abschottung waren doch zuerst ihre Idee! Dazwischen versuchen die NEOS, Österreich auf die neoliberale Idee einzuschwören. Und aus der letzten Reihe winken in dem ganzen Trubel die Grünen: „Wir sind auch noch da! Also irgendwie. Also... bitte wählt uns?“ Ihr charismatischster Kopf Peter Pilz ist ausgestiegen und zankt jetzt mit seiner eigenen „Liste Pilz“ kräftig mit.

 

In Deutschland wundert man sich zunehmend, was denn beim kleinen, chronisch wütenden Nachbarn wieder los ist. Leider kann ich keine Botschafterposition einnehmen und behaupten, dass das nach außen hin vollkommen falsch transportiert wird und alles eigentlich gar nicht so schlimm ist. Im Gegenteil: Wie bei einem Autounfall ist es noch viel schlimmer, wenn man genauer hinsieht.

 

Natürlich werde ich aber trotzdem wählen gehen. Denn immerhin wird uns zumindest das eingebläut: Egal wie furchtbar die Auswahl ist – wählen müsst ihr trotzdem! Also geht es wieder mal darum festzustellen, welcher Kandidat als Bundeskanzler wohl das geringste Übel ist. Bei dem Tumult der letzten Wochen ist das eine ziemliche Herausforderung.

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