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Bei Amazon gibt es Lego-Wehrmachtssoldaten

Der Anbieter sagt, seine Käufer seien „historisch interessierte Sammler“.
Von Christina Waechter
„Heinz“ heißt dieser grinsende MG-Schütze der Wehrmacht. Und er ist so erhältlich auf Amazon.

„Heinz“ heißt dieser grinsende MG-Schütze der Wehrmacht. Und er ist so erhältlich auf Amazon.

Foto: Screenshot / amazon

Auf der Suche nach Lego-Figuren stieß Manuel Hegel auf eine scheußliche Nische, von deren Existenz er bis dahin nichts gewusst hatte: Es gibt Anbieter von sogenannten „Customized“-Lego-Figuren. In diesem Fall sind die Männchen so umgebaut oder bedruckt, dass sie aussehen wie deutsche Wehrmachtssoldaten, inklusive historisch mehr als belasteter Symbole wie dem Reichsadler, dem Eisernen Kreuz, oder in einzelnen Fällen sogar dem Totenkopf-Symbol der Waffen-SS. Diese Figuren tragen dann nette Namen wie „Wehrmacht Soldat ‚Heinz’ MG-Schütze“. Sie sind nicht von der dänischen Spielzeugfirma lizenziert, sondern werden von unabhängigen Anbietern hergestellt und auf Amazon Marketplace verkauft. Hegel war entsetzt, als er entdeckte, dass man auf der Website solche Figuren kaufen kann. Also beschloss er, eine Petition zu starten, in der er fordert, dieses Kriegsspielzeug von der Website zu nehmen.

Hegel schreibt dort: „Wie man unschwer erkennen kann, sehen diese Figuren den Original LEGO Figuren zum Täuschen ähnlich. (...) Diese Figuren stellen eines der unmenschlichsten Regime der Weltgeschichte dar und durch das Spielen mit solchen akzeptieren Kinder diese Uniformen, Waffen, usw. als normal, was eine nicht zu akzeptierende Beeinflussung der Kinder darstellt. Darüber hinaus stellen solche Figuren eine große Gefahr für den Ruf der Firmen LEGO und AMAZON dar.“

Über die Feststellungen in der Petition kann man sogar noch weiter fragen: Wer macht so was eigentlich? Warum stellt jemand Wehrmachts-Spielzeug her? Muss man dann nicht damit rechnen, Leuten mit seltsamem Geschichtsbewusstsein und Rechtspopulisten ihre Agenda zu erleichtern? Ist das nicht ein erster Schritt in eine Welt, in der ein Nazi-Vergnügungspark wie aus der Böhmermann-Doku „Reichspark“ nicht nur Fake, sondern normal ist? Macht man mit sowas nicht nur Neonazis das Weihnachtsshopping zum Fest?

Ein Hersteller solcher Customized-Lego-Figuren, der nach eigenen Angaben ausschließlich Figuren der Wehrmacht herstellt, hat uns per Mail Fragen beantwortet – unter der Bedingung, anonym bleiben zu können. Er schreibt, dass es eine riesengroße Fangemeinde solcher modifizierter Lego-Figuren gebe, und dass in diesem Bereich eine große Themenvielfalt herrsche. Besonders für den Themenbereich der Weltkriege gebe es einen großen Markt für die Fans, die in der Regel erwachsene Sammler seien.

Und kann er nachvollziehen, dass viele Menschen seine Figuren geschmacklos bis gefährlich finden? In seiner Antwort rechtfertigt er sich mit einer interessanten Argumentationskette: Kriegsspielzeug habe es ja immer schon gegeben. Er selbst habe „als kleiner Junge auch mit kleinen Plastiksoldaten und Panzermodellen Krieg gespielt“, auch da seien schon „deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs“ dabei gewesen. Kurz: War doch immer schon so, warum also drüber nachdenken, ob das vielleicht falsch ist. „Ich verstehe, dass es Meinungen gibt, die grundsätzlich gegen Kriegsspielzeug sind und respektiere das natürlich auch. Aber das gab es schon immer und wird es wohl noch lange geben. Genauso wie Computerspiele, die manche als gewaltverherrlichend ansehen.“

Und wie findet er die Vorstellung, dass womöglich Rechtsextreme und Neonazis sein Spielzeug nutzen? Und dass Kinder beim Spielen mit Wehrmachtssymbolen hantieren? „Ich – und ich denke, da spreche ich auch für nahezu alle Anbieter weltweit – sehe als Zielgruppe die erwachsenen Sammler. Natürlich kann man nicht ausschließen, dass manche Kunden dies auch für ihre Kinder kaufen. Das liegt jedoch im Verantwortungsbereich der jeweiligen Eltern.“ Er selbst mache sich auch keine großen Gedanken darüber, zu welchem Zweck seine Produkte gekauft werden. Seines Wissens seien seine Käufer meist militärisch und historisch interessierte Sammler, die mit den Figuren zum Beispiel Dioramen für Ausstellungen bauten oder damit Trickfilme für Youtube produzierten. Der typische Käufer sei jedenfalls kein Springerstiefel tragender Hooligan.

Man merkt an diesen Antworten: Wenn man will, findet man Ausreden für solch krudes Spielzeug. Vielleicht sind einige Kunden auch wirklich Sammler, die nur möglichst detailgetreues „Reenactment“ des Zweiten Weltkriegs betreiben wollen, denn es gibt ja tatsächlich eine große Community, die sich damit beschäftigt und mit viel Aufwand Nachbildungen verschiedener Soldaten bastelt. Aber: Braucht man dazu wirklich Lego-Figuren? Ist eine Verbindung von Spielzeug – denn das ist und bleibt eine Lego-Figur immer – und dem Nationalsozialismus nicht vielleicht per se eine sehr falsche Kombination?

 

Manuel Hegels Petition hat mittlerweile mehr als 1700 Unterstützer. Lego hat sich offiziell von den Produkten distanziert, da sie „den Werten der Lego Gruppe“ widersprechen würden. Amazon wies darauf hin, dass Marketplace-Verkäufer dazu verpflichtet seien, sich an die allgemeinen Verkaufsbedingungen zu halten. Wie lax diese von Amazon ausgelegt werden, zeigt sich unter anderem an kriegsverherrlichenden T-Shirts, die weiterhin auf der Plattform erhältlich sind unter der Rubrik „Fun-Bekleidung“.

 

 

 

 

 

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