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Die Eintrittskarten als Lohn

Festivals zahlen ihren Mitarbeitern oft nur Mini-Gehälter - aber der Aufbau ist eh die bessere Party.
Von Samira Mousa
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    Foto: Micheile Henderson/ unsplash

Ab Mai beginnt sie wieder, die Festivalsaison. Dann schießen Wochenende für Wochenende bizarre Landschaften aus Holzplanken, Stoffen und Traversen aus dem Boden. Alte Flughäfen verwandeln sich in ein Mad-Max-Szenario auf Zeit. Kleine Seen werden dort zu Planschbecken für Erwachsene. Birkenwälder werden mit überdimensionalen Hängematten und Baumhäusern zu Volieren für Menschen, die sich sonst eher im Dunkel der Clubs herumtreiben.

Um diese Fantasiewelten zu erschaffen, arbeiten viele kreative Macher über mehrere Wochen beinahe ununterbrochen und unter erschwerten, weil meist mit geringen finanziellen Mitteln gestemmten und improvisierten Bedingungen. Dabei gehen sie nicht selten über ihre eigenen physischen, aber auch psychischen Grenzen, denn: das schlaucht. Zudem arbeiten viele, vor allem auf kleineren Festivals, oft ohne erwähnenswerte Bezahlung. 

Diese gängige Praxis stößt manch einem Arbeitsrechtler oder auch Arbeitgeber und -nehmer auf. Das ist durchaus verständlich: Warum, mag man sich fragen, können es sich manche Festivals leisten, ihre Angestellten nach Mindestlohn oder sogar noch weit darüber liegend zu bezahlen - und andere nicht? Denn ja, freiwillige, oft nur durch eine Eintrittskarte vergütete Arbeit ist vor allem auf kleinen Festivals normal.

Um das Phänomen zu ergründen, stelle man sich beispielhaft folgende Fragen: Was kostet es eigentlich, einen vier Meter hohen Wolfskopf aus Holz in eine Brandenburger Sanddüne zu setzen? Was kostet es, eine Infrastruktur für hunderte helfende und tausende feiernde Personen inklusive ihrer hungrigen Mägen (und deren Endprodukte) mitten im Nirgendwo zu installieren? Und: Wer soll die Menschen, die hier hämmern, sägen, kochen und schleppen, bezahlen? 

Egal, wie groß das Festival ist: die Fixkosten bleiben in etwa gleich 

Kein Gast will ein astronomisch teures Festivalticket kaufen, auch dann nicht, wenn die dadurch generierten Einnahmen dazu dienen würden, allen Mitarbeitern ein Gehalt auf Mindeslohnniveau zu zahlen - was eine Kostendeckung über Ticketverkäufe ausschließt.  Auch aus anderen Einnahmen können die Festivalmacher oft keine üblichen Löhne zahlen - gerade kleine Festivals stehen jedes Jahr erneut vor immensen Produktionskosten. 

Somit sind sie auf die Hilfe von Menschen angewiesen, die für Verpflegung, einen Stellplatz für ihr Zelt und ein - wenn überhaupt - nur symbolisches Honorar arbeiten. Fritz Windish, Veranstalter des „Garbicz“-Festivals, ein kleineres Elektro-Festival, sagt dazu: „Die Anzahl der Crewmitglieder ist immens hoch für so ein kleines Festival. Denn leider ist es fast egal, wie groß ein Festival ist: Die Fixkosten bleiben in etwa die gleichen. Wir können aus Platzgründen nicht mehr Tickets verkaufen, um das zu deckeln“.

Auch das „Plötzlich am Meer“-Festival, das wie das „Garbicz“ in Polen stattfindet und das neben elektronischer Musik auch Bands und Performancegruppen auftreten lässt, arbeitet mit sogenannten „Helfern“: „Für ein Festival, das wie unseres unabhängig von Sponsoren arbeitet und den Ticketpreis für die Gäste fair gestalten möchte, ist es eigentlich unmöglich, ohne freiwillige Helfer zu arbeiten. Alle bekommen von uns für die Tage und Wochen, in der sie uns unterstützen, freie Verpflegung und erleben eine intensive Zeit als Teil der Crew. Selbstverständlich erhalten sie auch ein Ticket für das Festival“, sagt Dan Deutschendorff, Veranstalter und Booker des „Plötzlich“ Festivals.

Fritz Windish stimmt zu: „Kleine Festivals sind nicht so interessant für Sponsoren“. Auch möchten viele kleinere Events sich ungern mit einer großen, gesichtslosen Marke in Verbindung bringen lassen. Somit versiegt für eben diese Festivals eine gängige Einnahmequelle - was glücklicherweise von Menschen aufgefangen wird, die ihre Zeit und ihre Arbeitskraft dort unentgeltlich zur Verfügung stellen.

In dem Moment, in dem ich in die breit grinsenden Gesichter schaue, weiß ich, wofür ich das alles mache

Doch warum tun diese Menschen das? Alles arbeitslose Idealisten? Kindsköpfe im besten Sinne, die einer Utopie hinterherrennen? Lucas Kämmerer vom „Mit Dir“- Festival hat eine Erklärung: „In dem Moment, in dem Leute sich entscheiden uns zu unterstützen, werden sie von Kulturkonsumenten zu Kulturschaffenden. Sie sind Teil des Festivals. Die Befriedigung, Tag für Tag zu sehen, wie sich ein kleines unscheinbares Gelände in Brandenburg in eine Fantasiewelt verwandelt, entschädigt für die Stunden unbezahlter Arbeit.“

Auch ich habe mir schon auf mehreren Festivals meine Sporen verdient – sowohl bezahlt als auch unbezahlt. Mit Anfang zwanzig reichte es mir, mitmachen zu dürfen. Mich gebraucht und natürlich auch ziemlich unanfechtbar cool zu fühlen. Und cool war sie, die Arbeitsstätte wie auch die Arbeit, die alles von Bookingassistenz über „Schilder malen“ bis zu Dekoration umfasste. Auch wenn es nichts weiter dafür gab als ein Festivalticket und ein paar Papiermarken, mit denen ich mir etwas zu Essen und einen Longdrink holen konnte. Hat trotzdem gefetzt. Nun, nach sieben Jahren als Teil des Teams des „Plötzlich am Meer“-Festivals, erhalte ich ein kleines Gehalt (für das ich mich, mal ehrlich, sonst nicht mal auf mein Fahrrad setzen, geschweige denn bis über die Landesgrenze fahren würde). Aber in dem Moment, in dem ich in die breit grinsenden Gesichter der Festivalgäste schaue, in dem Moment, in dem ich meinen Kollegen abgekämpft aber vor allem glücklich in den Arm falle, da weiß ich, wofür ich das alles mache.

Nicht alles ist Pommes und Disko 

2017 arbeitete ich während des „Plötzlich“ Aufbaus einen ganzen Monat in der Festivalküche. All die Annehmlichkeiten meines Berliner Alltags – regelmäßiger Schlaf, eine weiche Matratze, Restaurantbesuche - hatte ich eingetauscht gegen Töpfe, in denen ein Babyelefant baden könnte, und um die abzugießen man vier Personen braucht. Eingetauscht gegen 100-Kilo Säcke mit Zwiebeln, die geschält werden wollten. Gegen schmuddelige Pflaster, in die wegen meiner Küchenunerfahrenheit mindestens vier meiner Finger konsequent eingewickelt sein mussten.

Dennoch fühlte ich mich in dieser Zeit so richtig ausgeglichen. Weil ich wusste, dass ich ein Teil des Ganzen bin. 

Doch wie immer ist nicht alles Pommes und Disko, und noch weniger an Orten, an denen sowohl hart gearbeitet als auch hart gefeiert - und vor allem kaum gezahlt wird. Ich selbst habe oft mit Kolleg*innen zusammengesessen, die mit verspanntem Rücken, übermüdeten Augen und Billigbierfahne plötzlich alles hinschmeißen wollten. Unbezahlt arbeiten, das geht dann gut, wenn alles glatt läuft. Doch wo Peaks sind, sind auch Täler, und wo der Rausch, da der Kater. Oft tritt diese Ernüchterung ein, wenn Helfer, die nur für ein Ticket arbeiten, das Gefühl haben, nicht wertgeschätzt zu werden. Denn gerade bei einer Arbeit, die aus Leidenschaft und für Gemüsecurry und Nutellabrötchen verrichtet wird, möchte man zumindest eines: Dankbarkeit. Anerkennung. Verdammt noch mal. Doch genau diese Dinge bleiben bei einemTeam aus 100 Menschen oder mehr oft auf der Strecke. Hier könnten feste Rituale, wie eine abendliche Besprechung der am Tage erledigten Aufgaben dafür sorgen, dass niemand das Gefühl hat, man reißt sich den Hintern auf, ohne dass es jemandem auffällt.

„Der Aufbau wird von den meisten sowieso als die bessere Party empfunden!“

Denn wenn Gratis-Arbeit gefühlt unsichtbar bleibt, dann entsteht Zorn. Der entsteht außerdem, wenn Helfer feststellen, dass ihr Teampartner- oder partnerin durchaus ein Gehalt vom Festival erhält. „Es ist für manche schwierig nachzuvollziehen, warum einer bezahlt wird, der andere nicht. Der Grund liegt oft in lange gewachsenen Netzwerkstrukturen: Die Menschen, die auf einmal Geld bekommen, haben eben lange, lange Zeit diese Arbeit auch gratis gemacht und sind jetzt einfach in der Position, dass sie auch mal Geld verdienen wollen“, sagt Fritz Windish vom „Garbicz“. Dieses Verständnis erlange man aber eben erst, wenn man lange in dem Zirkus mitmache.

Und es ist eben dieser Zirkus, der dann doch wieder jedes Jahr mehr oder weniger Professionelle aus allen Arbeitsbereichen in die Täler, Wälder und an die Strände lockt, an denen sie über viele Tage und Wochen ein unglaubliches Pensum an Stunden abreißen. Für umme, quasi. Und dennoch ist das, was man mit nach Hause nimmt, oft viel mehr wert als bares Geld. Es ist das Gefühl, etwas Wichtiges zu machen. Das Gefühl, endlich diesen viel gepriesenen und doch irgendwie nirgendwo anders gefundenen Spaß an der Arbeit gehabt zu haben. Spaß an der Verausgabung. Spaß im Team, an der frischen Luft, an mangelnder Hygiene (muss auch mal) und ja, sogar an Kreissägenlärm meets Techno bis morgens um 4. „Der Aufbau wird von den meisten sowieso als die bessere Party empfunden! Es entstehen oft neue Freundschaften und viele der Freiwilligen kommen jedes Jahr wieder“, sagt auch Deutschendorff.

Festivalaufbau ist ein bisschen wie Kind sein. Ich nenne es gerne ein Ferienlager für Erwachsene. Nur mit mehr Verantwortung. Mit geileren Leuten. Und mit einem direkt sichtbaren, wahnsinnig befriedigendem Ergebnis - das dann, wenige Tage später, wieder im Boden der Täler, Wälder und Strände verschwindet. Bis zum nächsten Jahr.

 

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