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Männer wollen nicht kuscheln? Von wegen!

Es geht auch uns nicht immer nur um Sex.
Von Jakob Tieleck
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    Illustration: Daniela Rudolf / Foto: Freepik

Ich war kürzlich eine Woche in einer anderen Stadt, in die ich beruflich häufiger reise. Und diese Woche war sehr besonders. Der Samstagabend hatte gewöhnlich angefangen – Koffer zur Airbnb-Wohnung bringen, dann gleich weiter zum Essen bei Kollegenfreundin Maike. Aber dann:

Als ich in Maikes Küche Flammkuchen verdrücke, sitzt da plötzlich ihre Freundin Fiona neben mir.

Maike und Fiona organisieren eine größere Gruppe ihrer jeweiligen Freunde und gemeinsam genießen wir die erste echte Frühlingswoche mit Bordsteinbier am Parkrand und gehen später tanzen. Dass Fiona und ich uns den ganzen Abend keine Viertelstunde aus den Augen lassen, wird mir erst klar, als sich die Gruppe spät nachts aufzulösen beginnt. Als sich auch Maike als Letzte verabschiedet hat, zieht mich Fiona für ein letztes Getränk an die Theke und sagt zu meiner ehrlichen Überraschung: „Es ist doch seit Stunden klar, dass wir uns gut finden.”

Sicher, schon am Küchentisch war sie mir aufgefallen. Ihre klaren, wachen Augen und ihre trotz Fahrradunfall welttollste Zahnreihe. Und später war ich vielleicht kurz von ihren wunderschönen Sommersprossen ergriffen und wie gut die ihr ebenso sonniges Gemüt widerspiegeln. Trotzdem habe ich den ganzen langen Abend nicht darüber nachgedacht, dass zwischen uns was laufen könnte. Mir sind unsere Gespräche, bis auf das ein oder andere dezente Kompliment, nicht besonders flirty vorgekommen. Sondern eher wie aufrichtiges, aber platonisches Interesse. Und jetzt stehen wir allein an der Clubtheke und knutschen eine gute Stunde selbstvergessen und so innig, dass wir uns höchstens von einem laut gemotzten „Könnt ihr nicht woanders rummachen? Ich wollt mir ein Bier kaufen!“ kurz unterbrechen lassen. Nur um eine Schulterbreite daneben weiter zu machen.

Trotz des unerwarteten, emotionalen Konfetti-Regens: Normalerweise gehe ich selbst nach solch heißen Küssen alleine heim, aber in dieser Woche ist eben nichts normal. Denn Fiona will mich mit zu sich nach Hause nehmen. Nicht um mit mir zu schlafen, sondern: bei mir. Und dabei jede Menge zu kuscheln. Ich könnte mir in diesem Augenblick wirklich nichts Schöneres vorstellen.

Dieses Klischee, dass wir Männer das ungern täten, habe ich ohnehin nie verstanden. Die meisten meiner männlichen Freunde ziehen wie ich Streicheleinheiten vor, wenn Umstände wie Zeitfenster oder Alkoholpegel nur noch eine unbefriedigende Nummer erwarten lassen. Denn schon beim Umarmen wird eine gehörige Portion Oxytocin freigesetzt. Und noch mehr beim Streicheln über nackte Haut an Hals, Armen, Beinen, Bauch und so weiter. Oxytocin wird oft auch als Kuschelhormon betitelt und macht uns friedlicher, ruhiger und bindungsfähiger.

Und das ist – finde ich – ein ziemlich erstrebenswerter Zustand. Denn bei mir sorgt er dafür, dass ich jedes einzelne meiner Nackenhaare spüren kann und wie sie sich freudig aufstellen, als Fiona mir im Dunkeln durch die Locken wuschelt, ihre Hände über mich wandern lässt und mich dabei mit ihren grazilen nackten Beinen umschlingt. Ich streichle währenddessen ihr Gesicht, küsse ihre Stirn und ihre Augenlider und so machen wir das, bis wir einschlafen. Am nächsten, halb verpennten Mittag machen wir einfach weiter und weil das so fantastisch schön ist und die Zeit dabei so schnell vergeht, bleibe ich gleich eine weitere Nacht. Und schleppe mich am nächsten Morgen komplett fertig zu meiner Arbeit.

Keine dieser Alltagsquälereien hat mir das debile Grinsen aus dem Gesicht wischen können

Als ich dann am Montagnachmittag, also ziemlich genau 48 Stunden nach meiner Ankunft in der Stadt, in meiner Airbnb-WG ankomme und über meinen Koffer stolpere, der immer noch ungeöffnet im Flur steht, streckt Gastgeberin Isa den Kopf aus der Küche und fragt: „Na? Biste verknallt?” Ich sage scherzhaft: „Treib dich woanders rum, Sherlock!“, aber die Zeichen sind natürlich eindeutig: Ich habe mich an einem Montagmorgen um vier Uhr aus dem Bett gepeitscht, bin zwei Kilometer durch den Regen zur Arbeit geradelt und habe eine ziemlich stressige Frühschicht gehabt. Und keine dieser Alltagsquälereien hat mir auch nur ansatzweise das debile Grinsen aus dem Gesicht wischen können. Ich bin folglich entweder verknallt oder auf Drogen. Und – machen wir uns nix vor – das ist im Prinzip auch sehr ähnlich. Ich hab mich also auf Oxytocin in Trance gekuschelt. Und will natürlich mehr davon.

Glücklicherweise kommt Fiona an fast allen folgenden Tagen bei mir vorbei. Zum Beispiel mittags, vor ihrer Schicht und nach meinem Feierabend. Sie bringt Pita mit, die wir runterschlingen, damit mehr Zeit fürs Schmusen bleibt. Als ich Mitte der Woche abends in einer Sprachnachricht meine Sehnsucht nach ihrer Gegenwart formuliere, hört sie die Nachricht nicht mal zu Ende, sondern liegt kurze Zeit später neben mir.

Und ja, natürlich spitzt uns das ganze Aneinanderrumgeschraube auch ziemlich an, denn Oxytocin steigert zusätzlich die Lust auf Sex. Den haben Fiona und ich zwischendurch auch. Aber das, was ihn so besonders macht, ist eben das Kuscheln. Weil der Oxytocin-Trip nah und zärtlich und vertraut macht. Und – großer Bonuspunkt – den Orgasmus intensiviert. Ich behaupte also: So gefühlig zu sein würde selbst Kuschel-Verweigerern guttun. Denn was die Qualität des Sex und die sexuelle Leistung angeht, geben laut einer neuen Studie „Gefühlsmänner“ eine höhere Zufriedenheit an.

In meinem Freundeskreis sind die Schmuser jedenfalls in großer Mehrheit. Übrigens auch ohne, dass sie das ausschließlich als Vorstufe weiterer hormoneller Eskalation ansehen. Und wenn es doch dazu kommt, wollen sie auch nach dem Sex noch kuscheln. Dass wir da tatsächlich manchmal etwas schläfrig werden, daran ist auch wieder der ausgeschüttete Hormoncocktail schuld. Der ist sehr ähnlich wie bei einem Säugling, der sich gerade an der Mutterbrust satt getrunken hat und danach zufrieden einratzt. Dennoch halten sich die meisten Typen, die ich kenne, gerne wach, um nochmal einen zusätzlichen Schub Kuschelhormone abzugreifen. Alles andere wäre ja auch eine furchtbare Vergeudung dieser oft viel zu raren Droge.

Fiona und ich haben es ganz gut gemacht und die maximal mögliche Wochen-Dosis abbekommen. Leider wird sich unsere Kuschelorgie aus Timing-Gründen nicht wiederholen, was natürlich sehr schade ist. Für sie, für mich, für uns beide. Aber als sie, eine halbe Stunde vor meiner Abfahrt, noch mal neben mir liegt und ich zum letzten Mal die Sommersprossen auf ihren Wangen einzeln zähle und küsse, sagt sie zu mir: „Du bist der weltbeste Schmuser.“ Und so fahre ich nicht nur mit fiesem Kuschelentzug nach Hause, sondern wenigstens auch mit einem der schönsten Komplimente, das ich jemals bekommen habe.

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